Marcus Wiebusch Konfetti


Grand Hotel Van Cleef


von

Sanft geht es los, mit einem Spaziergang am Meer. Mit dem Gefühl, dass sich die Welt zu schnell dreht, und der Erinnerung an damals, „als Zeit etwas war, das man sich einfach nahm“. „Off“ heißt der melancholische Eröffnungssong des Solodebüts von Marcus Wiebusch. Aber warum, fragt man sich, braucht es ein Soloalbum, wenn das doch verdammt nach Kettcar klingt, der Rockband, in der er seit zehn Jahren Sänger und Songschreiber ist?

Geduld! Song zwei macht klar: Hier ist einiges anders, zum Glück nicht alles. Kettcar pausieren, aber Wiebusch hat offensichtlich einiges zu sagen, das nicht warten kann – etwa zum Thema schwule Profifußballer. Bei „Der Tag wird kommen“ geht es um Angst und Ehrgeiz, um Moral und Scheinheiligkeit, um Stumpfsinn und Fortschritt. Wiebusch erzählt die Geschichte vom Hamburger Jung, der es auf Kosten seines Privatlebens in die erste Liga schafft, ohne falsches Pathos, er erzählt einfach – so macht er das immer, mit feinem Beobachtungssinn und viel Empathie. Am Ende wandelt sich das Verständnis in Zorn: „All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen/ All ihr Bibelzitierer mit eurem Hass im Herzen/ All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner/ All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer“ – wie er das ausspuckt, ist beeindruckend und berührend. Die größte Überraschung ist allerdings nicht die Wucht der Worte, sondern dass Wiebusch sie fast rappt. Casper, eat your heart out! Mit dem jungen Wilden kann ein Über-40-Jähriger freilich nicht konkurrieren, und das Schöne ist: Er will es auch gar nicht. „Konfetti“ steckt voller Kraft, die keine Jugendlichkeit vortäuscht. Es ist ein Album für Erwachsene, die sich nicht mit allem abfinden wollen.

„Konfetti“ ist nicht nur eine Abrechnung, es ist auch eine Absichtserklärung. Nicht nur in der Hängerhymne „Was wir tun werden“ hört man viel Entschlossenheit und unterdrückte Wut. Der Computernerd in „Nur einmal rächen“ versucht, die Verletzungen seiner Schulzeit hinter sich zu lassen, die Sportskanonen, Schläger und „Arschloch-Lehrer“ zu vergessen – „die mit Sätzen wie ,Du musst dich auch mal wehren‘“. Danach schwappt „Jede Zeit hat ihre Pest“ wieder Richtung HipHop und ätzt gegen Distinktionsprofis, die immer anders als alle anderen sein wollen. „Haters Gonna Hate“ geht gegen die Vollidioten, die im Schutz der Internetanonymität Hass verbreiten. Zwischendurch ein urbanes Märchen ohne Happy End, „Der Fernsehturm liebt den Mond“, dann mit „Wir waren eine Gang“ eine weitere elegische Erinnerung an früher, als man große Träume hatte und oft nur kleine Schritte machte.

Es wird keine Sekunde langweilig, und das liegt auch an der gewaltigen Instrumentierung – an Helgi Jonssons Posaune, an den Klavierpassagen, am mitreißenden Klatschen, am ungewöhnlichen Backgroundgesang. Am Ende von all dem steht ein Typ, der sich fragt, „wann die Dunkelzeit endet/ Wann man den Mist überwindet/ Und sich wiederfindet“. Vielleicht nicht morgen, aber irgendwann bestimmt. Es gibt keine einfachen Antworten auf „Konfetti“, nur viele wichtige Fragen. Warum man trotzdem glücklicher ist, wenn man dieses Album gehört hat? Zusammen ist man weniger allein


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