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Nick Cave – Review des neuen Albums „Carnage“



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Er sass auf seinem Balkon und dachte über Dinge nach. „Die Platte fiel vom Himmel. Es war ein Geschenk.“ Nun hatte er Einfälle für Songs, einige Texte, einige Melodien – aber keine Band. Zuletzt hatte er, 2019, „Ghosteen“ mit den Bad Seeds aufgenommen. Nun traf er sich im Studio mit Warren Ellis, dem treuen Freund und Vilolinisten, mit dem Cave viele Soundtracks geschrieben hat (und der längst Mitglied der Bad Seeds ist).

So entstand „Carnage“, eine Platte, mit der Nick Cave sich vom Storytelling entfernen wollte. Aber wo ein Cave ist, da ist natürlich immer eine Story, die zum Song wird. Dennoch sind die acht Stücke von „Carnage“ mit üppigen elektronischen Flächen, Ellis‘ Geige und schwelgenden Chören, mit Caves insistierendem Barmen, dem Wiederholen von Worten und feierlicher Langsamkeit neue Töne in diesem großen Werk. „Carnage“ ist Gospel und Beschwörung, eine Versenkung in die Intensität.

Man könnte sagen, dass Nick Cave unter vollständiger Kontrolle frei flottiert

Nick Cave und Warren Ellis

„Let the river cast a spell on me“, singt Cave in „Hand of God“, Ellis‘ Violine spielt unheilvolle Schwaden, und aus dem Schnürboden hört man den Chor: „Hand of god, hand of god, hand of god!“ Die theatralische Ouvertüre. „Old Time“ aber ist ein fiebriger Cave-Song mit Piano-Pranke, rasselndem Schlagwerk und kratzender Geige, „White Elephant“ eine mit geübter Gruselstimme gesprochene Pirsch durch den Busch zu dramatischem Filmmusikambiente, das in einem glühenden Gospelfinale aufgelöst wird, „Carnage“ ein schwärmerisches Rezitativ („It’s only love with a little bit of rain“), „Albuquerque“ und „Lavender Fields“ sind sehnsüchtige Balladen alter Cave-Art. Nicht der Refrain, sondern die Repetition ist das Prinzip dieser Songs: „Like the old days, like the old time …“

Man könnte sagen, dass Nick Cave unter vollständiger Kontrolle frei flottiert. „Carnage“ erscheint heute als Geschenk des Himmels, CD und Vinyl werden im Mai geliefert. Cave ist natürlich sein eigener Exeget und beschreibt das Album als „a brutal but very beautiful record rested in a communal catastrophe“. Es ist aber auch eine sehr sentimentale Platte. Im letzten Song sitzt Cave auf dem Balkon und singt sich über sich selbst, während er auf dem Balkon sitzt: „I’m the balcony man, I’m Fred Astaire, I put on my tap dancing shoes.“

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