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Nick Cave No More Shall We Part


Mute

Ein Artikel aus dem ROLLING-STONE-Archiv

Jetzt kommt es, nach so vielen Jahren, so vielen Anstrengungen, so vielen Platten. Das Mordsalbum. Der Cave-Hammer. Die Vollendete. Die Kunst der Fuge. Das Hauptwerk. Der arme Poet musste erst ganz ruhig werden, bei seinem Liebesschmerz-Reigen „TheBoatman’s Call“, um diesen Felsen zu stemmen. Dann war die Zeit reif. Die Welt war wurscht. Und Nick Cave trat aus der Tür, wie er es in „Hallelujah“ beschreibt, und alles war so trüb und schrecklich und enttäuschend wie nur je, und Nick Cave sprach: „I left my house without my coat/ Something my nurse would not have allowed/ And I took the small roads out of town/ And I passed a cow and the cow was brown/ And my pyjamas clung to me like a shroud.“

So klingt es, wenn du durch die Hölle gelatscht bist, um als alter Mann im Pyjama die Dinge nur noch als das zu sehen, was sie sind. Cave ist Bernhard Minetti in Thomas Bernhards Stück „Minetti“. Eine Frau lädt ihn ein, Halleluja, aber dann erinnert er sich: „My nurse had been my one salvation.“ Und kehrt um. Am Ende des unglaublichen Liedes singen die wunderbaren Mc-Garrigle-Schwestern, natürlich engelsgleich: „The tears are welling in my eyes agaW I need twenty big buckets to catch them in/ And twenty pretty girls to carry them down.“ Hier trifft Altmännerwitz auf finale Tragödie. Halleluja!

Allein für dieses Stück würde der alte Johnny Cash sein letztes Jagdgewehr geben. Aber Cave ist so cool, dass er die Platte gleich mit „As I Sat Sadly By Her Side“ beginnt, einem philosophischen Sokrates-Dialog mit einer Die Vollendete: Nick Cave geht spazieren, und Gott geht durch den Raum tonträger

Frau nebst einer Katze. Da sagt die Frau an seiner Seite, also sie sagt mal so: „And God does not care for your benevolence/ Anymore than he cares for the lack of it in others/ Nor does he care for you to sit/ At windows in judgement of the world He created.“ Ich breche hier ab, weil die Frau immer weiter predigt und gar nicht mehr aufhört und schon das „He“ so schön ist. Noch schöner: Der sechs Minuten lange, schwermütige Sermon ist die Single. „No More Shall We Part“ ist ein Minnesang, was bedeutet, dass Cave tatsächlich singt (wie überhaupt auf dieser Platte!), ein Schmachtfetzen zum Steinerweichen: „And all ofthose birds would’ve sung to your beautiful heart/ Lord, stay by me/ Don’t go down/ 1 will never be free/ If I’m not free now.“ Hier wie bei allen Songs leistet der Violinist Warren Ellis, die Geheimwaffe dieses Albums, schier Übermenschliches. Die Bad Seeds sind so gut, weil sie nicht stören. Beim zarten „Love Letter“ dominiert ein Streicher-Ensemble neben dem Piano, und Cave barmt ohne Scham. Erst bei „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ wird der grimmige Sarkasmus losgelassen, das Schlagzeug gebraucht. „Doctor, doctor, I’m going mad“: Cave ist plötzlich so albern und kindisch wie Dylan auf „Time Out OfMind“.

„God Is In The House“ klingt lächerlich sakral – das Stück verhöhnt die saubere Dorfgemeinde des amerikanischen Mittelwestens, die sich des Schutzes des Herrn sicher weiß und immer schön die Tür abschließt, wenn sie zu Bett geht: „Zero crime and no fear/ We’ve bred all our kittens white/ So you can see them in the night.“ Allerliebst. Auch in „Oh My Lord“, einem Schauerstück mit den Bad Seeds als polterndem Seemannschor, wird wieder der Allmächtige angerufen. Und zwar mit Krawall. „Sweetheart Come“ ist noch ein mildes Liebeslied, in dem Cave lockt und schnalzt: „It seems we can be happy now.“

„The Sorrowful Wife“ ist schon betitelt wie ein früher Hitchcock-Film. Das Stück beginnt mit der Hochzeit und geht sofort über in den Wechsel der Jahreszeiten, die wohnzimmerliche Langeweile, das Stühleverschieben, das Tagezählen… Und dann der Ausbruch der Bad Seeds mit aller Gewalt, plötzlich brüllt der Sänger: „Come on and help me babe/ 1 was blind/ 1 was a fool baby.“ Der beste Moment der Platte.

Das elegische „We Came Along This Road“ ist eine Mordballade, aber als der Mörder mit rauchender Knarre das Haus verlässt, memoriert er noch einmal all seine Liebe. Dazu zerfließen die Streicher. „Gates To The Garden“ leitet gravitätisch über zu „Darker With The Day“, dem endgültigen tearjerker. Ein Mann allein, Schnee fällt: „These streets are frozen now/ As I search, in and out, above, about, below…“ Herr Cave geht spazieren – wohl eher aus Langeweile als auf der Suche nach etwas Bestimmtem. Denn Erlösung ist hier keine Frage von Schuld und Sühne mehr. Cave würde mit Wittgenstein sagen: „Es gibt allerdings Unaussprechliches.“ Und Gott geht durch den Raum.


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