Richard Ford Frank

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Frank von Richard Ford

Ein Hurrikan hat an der Küste von New Jersey gewütet. Er hat das Haus von Frank Bascombe in Haddam, weiter im Landesinneren, nicht berührt, aber das Haus von Arnie Urquhart in Sea Clift, das er vor Jahren an ihn verkauft hatte. Urquhart ist ein jovialer Schwätzer, er ruft von einem Mobiltelefon aus an, während Frank noch im Bett liegt. Er ist gerade auf dem „beschissenen Garden State Highway rechts rangefahren, bei Cheesequake“, und er will Franks Rat, denn das Haus liegt in Trümmern. Und Frank war ja Immobilienmakler, bevor er in den Ruhestand ging. Nun fährt ihm manchmal der Schmerz in den Steiß. Er macht sich so seine Gedanken und wundert sich darüber, dass man heute „Kein Problem!“ sagt, wenn man „Gern geschehen!“ meint, und „dehydriert“ statt „durstig“. Die „F-Bombe“, wie es in der Übersetzung grazil heißt, braucht Frank nicht. „Also für mich funktioniert ,Fuck‘ immer noch ziemlich gut als Substantiv, Verb oder Adjektiv, es hat eindeutige und differenzierte Einfärbungen in seiner überaus reichen Geschichte.“

Frank Bascombe, der Held aus Richard Fords Großwerken „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ und „Die Lage des Landes“, ist 68 Jahre alt, aber er schwadroniert weiterhin mit der Verve eines gebildeten, liberalen Mittelschichsamerikaners – und der Verdacht liegt nahe, dass es die Stimme seines Autors ist. In vier Miniaturen, die im Original mit „Let Me Be Frank With You“ überschrieben sind, erzählt er noch einmal aus dem Leben des Frank Bascombe, der Figur, die John Updikes Rabbit als die prägende Männergestalt in der amerikanischen Literatur abgelöst hat. Da Philip Roth nicht mehr schreibt, ist der 71-jährige Ford der Fackelträger seiner Generation. Die vier Erzählungen von „Frank“ belegen dringlich, dass man ihn erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe.

In den Vignetten fährt ein Mann in einem bequemen, klimatisierten Auto in den Sonnenuntergang, er hört Aaron Coplands „Fanfare“, er blickt auf seine Terrasse, er löffelt Cerealien, er hat sein Schicksal ironisch erfasst. „Könnte alles schlimmer sein“ heißt eine Erzählung, „Die Tode anderer“ die letzte. Frank stellt sich jetzt mit anderen Ruheständlern an den Flughafen und begrüßt Kriegsheimkehrer aus dem Irak und Afghanistan: „‚Willkommen, Soldat! Danke dafür, dass du gedient hast!‘ Es ist eher Selbstdarstellung als ernst gemeint und soll vor allem demonstrieren, dass wir immer noch zählen – mit anderen Worten, ein garantierter Beweis für das Gegenteil. Jedenfalls habe ich meine persönlichen Fühler ausgestreckt, um etwas zu finden, was ich tun kann, und zwar vereinbar mit der Ende-meiner-Tage-Phase – die sonst unter ,Ruhestand‘ läuft.“

Eine fröhliche Altersbosheit hat sich in den Ton gemischt, Frank kennt seine Pappenheimer, die Republikaner wählen und bei denen auch nach den Wahlen „Romney–Ryan“-Schilder auf dem Grundstück stehen wie bei seinem Nachbarn Mack Bittick: „Mack hat Tag und Nacht die Stars’n’Stripes gehisst und gehört zu den brüsk-robusten Typen, die für Hausunterricht sind, Konservendosen einlagern, nie Trinkgeld geben und dem freien Markt das Wort reden, aber niemals eine Kommission für irgendetwas bezahlen würden (,Ist doch bloß eine Scheißsteuer für unser verdammtes Recht, das wir gra- tis kriegen sollten, verdammt …‘), und Migranten mag er auch nicht. Aber weil er ziemlich versponnene Ansichten über den Status des Menschen hat, findet er, Ungeborene sollten wählen, den Führerschein machen und Waffen besitzen dürfen, damit sie sich erheben und ihn vor der Revolution schützen können, wenn sie kommt.“

Eine gut gekleidete schwarze Frau „in den welkenden Fünfzigern“ steht vor Franks Haus, als er mit seinem Auto vorfährt. Ende der 60er-Jahre wohnte sie mit ihrer Familie dort, nun möchte sie durch die Räume gehen. Die Heizungspumpe murmelt, als Frank der Dame aus dem Mantel helfen will und, ganz der ehemalige Immobilienmakler, höflich anbietet: „Schauen Sie sich einfach um. Ich setze mich in die Küche und lese Zeitung oder fülle das Futterhaus der Eichhörnchen wieder auf. Ich bin in Rente. Ich warte nur auf den Tod oder auf die Rückkehr meiner Frau aus Mantoloking – wer immer zuerst kommt.“ Und da Frank schon einmal in Fahrt ist: „‚Mein Gefühl sagt mir, dass ich zur rechten Zeit sterben werde‘, sagte ich – keine Ahnung, wieso.“ Ms. Pines ist besorgt. „‚Meinen Sie, jetzt im Augenblick?‘ – ‚Ich glaube nicht‘, sagte ich. ,Gestern dachte ich an all die Tierarten, die es auf der Erde gab, als ich zur Welt kam, und die es immer noch gibt. Aber nicht mehr lange und sie sind weg. Es ist wahrscheinlich eine gute Zeit für den Abgang.‘“

Franks erste Frau, die ehemalige Golflehrerin Ann, ist an Parkinson erkrankt und lebt jetzt in einem komfortablen Pflegeheim bei Haddam. Sie hatte damals bei ihrem Alter gelogen und sich ein Jahr jünger gemacht. Frank fühlt sich in der „Elementar-Phase meines Lebens“, aber seiner maladen, manchmal zitternden Exfrau kann er noch immer nicht beikommen: „Ann als Essenzialistin glaubt daran, dass wir alle ein Ich haben, an dem wir nichts ändern können. (…) Meine Substanz war schlicht für unzureichend befunden worden. Aber ich glaube auch nicht daran. Für mich ist Charakter nur eine weitere Lüge der Historie und der darstellenden Künste.“

Am Ende denkt Frank Bascombe an das Weihnachtsfest, das er mit seinem Sohn verbringen will. Er trifft den schwarzen Ölstandableser Ezekiel, als wäre es „Unsere kleine Stadt“. Ezekiel fragt nach Franks Sohn. „‚Er ist immer noch in Kansas City. Er hat da einen Gartenmarkt.‘ – ,Das konnte er immer gut.‘ – ‚Stimmt‘, lüge ich.“

Und so geht es dahin.

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