Scarface



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Brian De Palma nahm Howard Hawks’ Vorlage, „Scarface“ von 1932, engagierte Oliver Stone als Autor und siedelte die Story von Chicago nach Miami um, womöglich um die Flüchtlingspolitik Ronald Reagans zu kritisieren. Der kubanische Ex-Häftling Tony Montana (Pacino) kommt per Flüchtlingsboot nach Amerika und arbeitet sich hoch bis zum Boss eines Drogenkartells.

Pacino, 43, spielt den Twentysomething mit einer Hysterie, die seiner zweiten Mafioso-Rolle, der des Sizilianers Michael Corleone, abging. Corleone musste Familieninteressen mit Gelüsten austarieren, trug die Traditionen seiner Ahnen auf den Schultern, wollte jede Entscheidung bedenken. „Narbengesicht“ Montana sieht die USA als einen einzigen Supermarkt, in dem er auf Beutezug gehen kann. Eine Heldenreise, in der der Held während des ganzen Films nichts dazulernt.

„Scarface“ in der Kritik:

Vielleicht liegt die Faszination von Pacinos Rolle in ihrer Eindimensionalität. Tony ist streetwise, aber unbedacht. 1983 floppte der Film, heute ist Montana Idol unzähliger Gangsta-Rapper und wurde in der „GTA“-Konsolenspielreihe verewigt. Pacino hatte sich damals auch noch nicht die Marotte zugelegt, in brenzligen Gesprächen leise loszulegen und dann immer lauter zu schreien. De Palma ist kein Schauspieler-Regisseur, seine Stärke liegt im Produktionsdesign. Nie sahen seine Filme besser aus als in den frühen Achtzigern. Das neureiche Drogenmilieu verewigt er in Pastelltönen, mit unfassbar dekadent aussehenden Anzügen, Hawaiitapeten, einem riesigen Whirlpool, in dem Pacino seine Zigarren schmaucht – das war Miami Vice vor „Miami Vice“. Komponist Giorgio Moroder spielt seine Disco-Musik zu einer Szenenmontage, in der Montana sein Geld zählt und danach Sportwagen kauft. Falls Sie den Spruch „Say hello to my little friend“ kennen, aber nicht zuordnen können: Das sind die Schlussworte eines bis an die Zähne bewaffneten, paranoiden, koksabhängigen Kriminellen, der in sein letztes Gefecht zieht.
(Blu-ray, Universal)


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