Tom Liwa Ganz normale Songs


Bester Albumtitel des bisherigen Jahres: „Ganz normale Songs“ – wer behauptet schon so was in Zeiten, da es immer darauf ankommt, möglichst originell zu sein, ganz anders als beim letzten Mal und nie so, wie es irgendwer erwartet? Ganz normal sind diese Songs freilich nur, weil wir wissen, dass bei Tom Liwa oft alles Mögliche zusammenkommt: Lebens­weisheit und Witz, kleine Beobachtungen und das Große, Ganzheitliche, ein Sinn für schöne Melodien und seltsame Ideen.

„Versteck mich, damit die Coolen mich nicht sehen!“, bittet er im Auftakt, „Schuld“, aber die Coolen haben hier eh nichts zu suchen – und die, die lieber den bissigen oder (ver)zweifelnden ­Liwa mögen, werden sich vielleicht auch etwas schwertun mit dem Weltumarmenden, der Gelassenheit. Nicht dass hier kein weltlicher Alltag mehr vorkäme. Da ist etwa die Zwischenbilanz „Meistens“: „Stress mit dem Partner, Pro­bleme im Job/ Solche Momente, klar gab’s die auch/ Aber meistens war’s geil.“ Ein Frauenchor im Hintergrund präzisiert: „Zu Hause, auf der Arbeit und in der Freizeit.“ Eine kleine Fanfare klingt wie ein Triumph.

Spätestens da fällt auf, wie toll dieses Album klingt, vor allem unterm Kopfhörer offenbart sich die ganze Kraft der Produktion von Tobias Levin (und die Fähigkeiten der Flowerpornoes, die hier alle dabei sind): Wie die Musik sich in „Ego“ hochschaukelt, so schöne Schleifen dreht wie die Gedanken und sich langsam verabschiedet. Wie bei „­Dope“ die leisen Stimmen von der Gitarre verdeckt werden, die jeden Satz mit einem Ausrufezeichen versieht. „Witz“ schleicht sich sanft ins Herz, ­Liwa singt von leuchtenden Tagen, und dann setzt etwas Faszinierendes ein, das sich schlecht beschreiben lässt: ein Joik. (Nie gehört? Ich musste es auch googeln: ein spiritueller Gesang ohne Worte.)

Kooperation

Das folgende „Leute“ mäandert über sieben Minuten, eine Art psychedelischer Blues mit Sternenguckerei und der ewigen Frage, wo wir herkommen. Nach dem hypnotischen „Yoga“ und dem abwiegelnden „Ok“ wird’s noch mal skurril: „Unisex“, Liwas origineller Beitrag zum Postgender-Zeitalter, stellt Fragen wie „Und was, wenn ich meine Haare schneid und sie dann überall liegen lass?“, während in „UFO“ eine nächtliche Begegnung in der Shoppingmall in der Erkenntnis gipfelt: „Die Zeit der Freaks ist vorbei.“ (Aber verstehen Sie das nicht falsch: Die Freaks, die mehr sehen und spüren, werden nicht verschwinden – sie sind einfach die Normalen von morgen. Hoffentlich zumindest.)

Der größte Hit hier heißt „Feuer“ und hallt lange nach: „Ich lieb dich von Beginn an, ich lieb dich bis zum Ende/ Das Feuer brennt die ganze Zeit/ Auf dem Weg durch die Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahr­tausende/ Das Feuer brennt die ganze Zeit …“ Klingt jetzt so hingeschrieben nicht so beeindruckend, doch das Mitsingen wird dringend empfohlen, auch zur Heizkostenreduktion. (Grand Hotel van Cleef)

Buch und Poster zu „Ganz normale Songs“: 

Zu den „Ganz normalen Songs“ gibt es auch ein 150 Seiten starkes Buch, in dem elf Künstler die elf Liedtexte liebevoll begleiten – mit Zeichnungen, Fotografien, Collagen, Bildern aller Art. Dabei sind Markus Berg, Tom Gefken, Michael Grundhever, Fred Hüning, Saskia Lippold, Hardy Lugerth, Miriam Spies, Sarah Thußbas, Raik Waechter, Line Hoven – und Tom Liwa selbst. Aus dessen Comic zu „Leute“ sind sogar zwei Zeichnungen als signierte DinA3-Drucke erhältlich – und zwar hier:

https://www.gonzoverlag-shop.de/gonzoverlag/tom-liwa-ganz-normale-songs/die-erschaffung-einer-neuen-welt-poster/

https://www.gonzoverlag-shop.de/gonzoverlag/tom-liwa-ganz-normale-songs/immer-wieder-war-es-die-zukunft-poster/

Das Buch gibt’s ebenfalls beim Gonzo-Verlag oder auch als Paket mit der CD/LP bei https://www.ghvc-shop.de/detail/tom-liwa-ganz-normale-songs). 


Theaterkritik: „Salome“ im Sumpf – mit Songs von Tom Liwa

Wie blutig wird’s wohl? Das ist eine berechtigte Frage, wenn Oscar Wildes „Salome“ und der Regisseur Stef Lernous zusammenkommen. Und wie verrückt wird’s, wenn auch noch Tom Liwa die Lieder dafür geschrieben hat? Die Antworten im Theater Oberhausen: gar nicht so und ziemlich. Es ist Oscar Wildes brutalstes Stück unter all seinen die menschlichen Schwächen sezierenden Dramen: „Salome“, 1893 geschrieben, spielt am Hof des Herodes, der seine Tochter etwas zu gerne ansieht, während sie sich nach dem Propheten Jochanaan sehnt. Als der sie einfach nicht küssen will, fordert sie seinen Kopf in einer Silberschüssel – als Belohnung für den Tanz,…
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