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Udo Lindenberg Das Vermächtnis der Nachtigall, 1983–1998



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Was war denn so falsch an den Platten zwischen 1983 und 1998? Natürlich ist nicht alles schlecht gewesen. In der Rückschau, nach Udo Lindenbergs Ikonisierung als Überlebenskünstler, coolster Alter und Verwalter der eigenen Aufstiegs-, Fall- und Wiedergeburts-­Saga, wird über die Mühen der Ebene, den mittleren Udo gesagt: Wurde immer schwächer. Aber wenn man es genau überprüft, dann stimmt das so wenig wie bei jedem anderen Großkünstler.

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Lindenberg hatte eine Formel, die erst perfekt funktionierte, dann weniger, und dann wurde sie zum Pro­blem. Er brachte zu viele Platten heraus: zwei Alben im Jahr 1985, zwei Alben im Jahr 1988. In den 80er-­Jahren war ein Zwei-Jahre-Abstand ratsam – weshalb sagte es Lindenberg niemand? Er merkte es aber selbst und wich von der Formel ab: „Hermine“ (1988), das Album mit Liedern von Friedrich Hollaender, Theo Mackeben, Eisler/Brecht und, je nun, Udo Lindenberg war in der Wolle gefärbte Nostalgie, bevor jeder dergleichen machte, und es war auch ein sogenannter Kritiker-Erfolg. „Gustav“ (1991) mit Lindenbergs Versionen von „Windmills Of Your Mind“ („Unterm Säufermond“) und „Love For ­Sale“ („Palais D’Amour“) kann bestehen. Er gedachte mit diesen Platten seiner Eltern.

Auf manchen dieser Alben hört man abwechselnd den vergnüglichsten und den peinlichsten Lindenberg: „Odyssee“ (1983) enthält das genialische „Sonderzug nach Pankow“, raubauzigen Klamauk wie „Ich bin beim Bund“, Hingerotztes wie „Kralle“ („Kein Nümmerchen unter diesem Anschluss“), die Säftelei „Body Building Braut“, die Tango-Satire „Heyooh ­Guru“, das lustig swingende „Mein Onkel Joe“ (mit Peter Herbolzheimer) und „Kleiner Junge“, eine für Lindenberg typische Mischung aus Lamento, Larmoyanz und Gratisgemecker. Man könnte auch sagen: Das ganze Jahr 1983 ist auf dieser Platte. Damals hat man vielleicht geschmunzelt, später war man irritiert, heute ist man fassungslos. Aber ist es nicht unterhaltsam? Das kann man nicht behaupten.

Bei „Götterhämmerung“ (1984) setzte ein gewisser Unmut über Lindenberg ein: Er war einfach zu präsent, und er konnte die Nummer zu gut. „Hallo DDR“, „I Love Me Selber“, „Russen“, „Gerhard Gnadenlos“, „Extremisten“, „Sie brauchen keinen Führer“, „Familie Kabeljau“, „Der große Frieden“ – Lindenberg segelte einerseits eng und opportun am Zeitgeist, und andererseits schnurrte er sein beliebig verlängerbares Privatprogramm aus Schodderigkeiten, Wortwitz und Chuzpe ab. 1987 kam „Horizont“, als er einen Hit brauchte, es kamen Friedrich Hollaen­der und Bert Brecht, es blieben die Spione und Boxer und Berlin: „Phönix“, ganz gute Platte. Und „CasaNova“ (1988, eine drollige englische Fassung 2018) ist so verkehrt nicht.

Von den 90er-Jahren ist nicht viel zu retten: „Panik-Panther“, „Benjamin“, „Und ewig rauscht die Linde“ – Lindenberg war eine Kalauermaschine mit eingebauter Sentimentalitätsfunktion. „Es bedeutet mir nichts mehr“, sang er 1996.

Kein Ramschpaket

Bei „Zeitmaschine“ (1998) sind unter den Autoren Karel Gott, Annette Humpe, Bert Brecht, Bert Kaempfert und Max Herre. Es war das Ende der Zeit bei Polydor: 17 Alben, das Chaos war aufgebraucht. In der Hagiografie folgen die Atlantik-­Affären, die Resignation, die Erkenntnis, das Aufrappeln, die neuen Songschreiber, Musiker, Produzenten und Geheimräte, die Johnnycashwerdung, das Musical, die Stadiontourneen, alles gut.

„Das Vermächtnis der Nachtigall“ ist mit der gebotenen Ironie, aber nicht als Ramschpaket zusammengestellt. Neben zwei englischen Platten gibt es ein Raritäten-­Album und eine DVD mit „Musikvideo-Highlights“ zu sehen und zu begreifen als eine bizarre Kultur- und Sittengeschichte der Bundesrepublik Deutschland jener Jahre, aber auch als Privatmythos eines Mannes, der als Adept, Umdeuter, Aufsammler und Flexibelbetriebsamer alles in Lindenberg verwandelte.

Zeitgenössische Rezensionen der Alben liegen der Box nicht bei – aber es gibt ein großes, gefaltetes Selbstbildnis des Künstlers als mittelalter Mann.


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