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Wilco Alpha Mike Foxtrot

Nonesuch

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von
Foto: Nonesuch

Es ist ja selten der Fall, dass man sich in dem Moment, da etwas Besonderes passiert, auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt. Wilco hatte sich gerade erst mit “Summerteeth” und zarttraurig lächelnden Popsongs von ihrem Alt-Country-Korsett befreit, da empfand ihre Plattenfirma das sonische Ungetüm, das sie mit “Yankee Hotel Foxtrot” vor sich hatten, als einen Schritt in die falsche Richtung und eine kommerzielle Sackgasse. Die Chicagoer Band konnte nicht ahnen, dass der Versuch, das geschmähte Album erst einmal ins Netz zu stellen, um die neugierige Welt über deren Qualität entscheiden zu lassen, die Geburtsstunde eines Mythos’ war, von der die Band auch heute noch, einer unerklärbaren Aura gleich, zehrt.

Wilco wurden zu Helden des Indie-Rock – und das war immer schon ein Missverständnis. Einerseits, weil Songwriter Jeff Tweedy niemals in die Rolle eines Helden schlüpfen wollte, sondern sich eher als treudienender Fährtenleser des American-Songbooks versteht. Andererseits, weil diese Musiker niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendeten, irgendeine Rolle einzunehmen und stattdessen lieber auf die progressive Kraft des musikalischen Experimentieren vertrauen.

Nicht selten wird selbst Anhängern des postwendend als Meisterwerk gefeierten Albums mit unsterblichen Songs wie “Jesus etc.” die Kinnlade heruntergefallen sein, als sie die im Netz relativ leicht zu findenden Session-Demos in die Finger bekamen. Versponnene Rhythmen, zerfledderte Melodien, funkelnde Liedskizzen, leichtfertig aussortierte musikalische Kabinettstücke – waren das etwa die “Basement Tapes” der Nullerjahre? “Kamera”, auf dem Original ein hinreißend dahingezupfter Folksong, mutiert zu einem pluckernden Elektro-Kracher, “I Am Trying To Break Your Heart” kommt um einiges wütender daher und Perlen wie “A Magazine Called Sunset, live oft ein fulminanter Höhepunkt der an Höhepunkte sowieso nicht armen Konzerte der Band, wurden einfach zurückgehalten.

Zum 20-jährigen Bestehen gönnen Wilco nun ihren Fans eine umfangreiche Retrospektive der versunkenen (Archiv-)Schätze. Auf 4 CDs hat man sage und schreibe 77 Songs zusammengetragen, die jede noch so winzige Abzweigung in ihrem Werk dokumentieren. Die stürmischen Anfänge mit der noch an selige Uncle-Tupelo-Zeiten erinnernden Debüt-LP “A.M.” werden nun endlich noch einmal gewürdigt. Natürlich glänzen hier vor allem die Bühnen-Fassungen von “I Must Be High”, “Box Full Of Letters” und “Casino Queen” – inzwischen Außenseiter im Wilco-Kanon, allerdings Tracks, nach denen sich die wenigen Epigonen ihre Finger lecken würden. Außerdem lässt sich hier mit den live oft in anderen Tempi und mit neuer Dynamik aufgeführten Songs aufzeigen, dass die Chicagoer immer schon geschickt zwischen Bühne und Studio unterscheiden konnten. Auf ihren besten Platten führen sie beide Dimensionen zuverlässig zusammen.

“Being There”, die erste Großtat, ist das beste Beispiel dafür. Welchen Bands gelang es – zumal in den trostlosen 1990ern -, den Horizont zwischen Rock-Stampfern wie “Monday” und subtilen Balladen wie “The Lonely 1” derartig gekonnt auszuloten. Natürlich deckt dieses Box-Set, das auch ein mit großzügigen Kommentaren ausgestattetes Booklet mit vorzüglichen Fotos enthält, die musikalischen Wurzeln auf und protokolliert die vielen unterschiedlichen Kollaborationen. Das unumgängliche Big-Star-Cover “Thirteen” ist dabei, Moby Grape kommt mit “I Am Not Willing” zu Ehren, natürlich wird Gram Parsons gespielt und das augenzwinkernde Duett von Tweedy und Feist (“You And I”) gibt es in einer schönen Live-Version.

Fans werden natürlich schon einen guten Teil dieser mit einigem Gefühl für Dramatik zusammengestellten Sammlung haben: die “More Like The Moon”-EP (auf der sich einige Überbleibsel der “Yankee Hotel Foxtrot”-Demos befanden, aber eben auch der ätherische Titeltrack und das zu Herzen gehende “Woodgrain”), Bonus-Tracks, die auf den Deluxe-Editions der Platten “A Ghost Is Born” und “Sky Blue Sky” zu finden waren sowie allerhand online verschenkte Kuriositäten.

Einziger Wermutstropfen für Komplettisten: Die Soundexperimente, die im Zuge der Aufnahmen von “A Ghost Is Born” entstanden und ihren Weg in das uneingeschränkt empfehlenswerte “Wilco Book” fanden, spielen keine Rolle. Vielleicht wären derlei Angestrengtheiten auch zu viel des Guten gewesen.

Bleibt unter dem Strich die Frage, für wen sich ein so großzügig gefüllter Geschenkkorb lohnt. Aficionados werden bedenkenlos zugreifen, schon wegen Raritäten wie “Unlikely Japan” und einem Blumenstrauß von alternativen Fassungen, die manchmal einen völlig neuen Blick auf die Songwriting-Kunst Jeff Tweedys freilegen. Musikfans, die nach “Yankee Hotel Foxtrot” nicht aufgehört haben, den Pfaden dieser außergewöhnlichsten aller amerikanischen Bands zu folgen, sollten sich auch nicht lumpen lassen – denn sie werden entlohnt mit dem seltenen Versuch, ein musikalisches Gesamtwerk über jene Perlen vom Meeresgrund zu vermessen, die für gewöhnlich nicht an die Oberfläche gelangen.

Wer braucht da schon ein Best-Of?

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