1988: Sonic Youth veröffentlichen „Daydream Nation“

Es lag eine Spannung in der Luft im musikalischen US-Underground Ende der 8oer Jahre. Das spürte auch Sonic Youths Thurston Moore. Und er wusste auch, dass sie irgendwas mit Dinosaur Jr. zu tun hatte, die in seinen Augen mitverantwortlich waren für eine neue jugendkulturelle Ästhetik, indem sie die destruktive Energie des Punk zu etwas Produktivem, einer „head-in-the-cloud outer limits brillance“ drehten. Da konnte sich plötzlich auch eine experimentelle, der Avantgarde zugewandte Band wie Sonic Youth zu Hause fühlen. Und so rieten Moore, Lee Ranaldo, Kim Gordon und Steve Shelley auf ihrem sechsten Album 1988 eine neue Republik aus, die „Daydream Nation“, und forderten die Jugend im hymnischen ersten Song „Teen Age Riot“ auf, J. Mascis zu ihrem Präsidenten zu wählen.

Bis dahin waren Sonic Youth eher an Texturen interessiert gewesen als an linearen Songverläufen, und ihre Musik verdankte Elektronik und Jazz vielleicht ebenso viel wie Punk oder Hardcore. Doch mit „Daydream Nation“ traten Sonic Youth – angemessen pathetisch formuliert – in die Rock-Geschichte ein. Auf zweierlei Weise: Einmal ist „Daydream Nation“ heute längst kanonisiert und darf in keiner Bestenliste fehlen, zum anderen öffnete sich die Band auf diesem Album den Pathosformeln und Mythen des Rock. Die Runen auf den Plattenlabels und das mehrteilige, epische „Trilogy“ zitierten Led Zeppelin und ZZ Top, „Hey Joni“ bezog sich sowohl auf Jimi Hendrix als auch auf Joni Mitchell, an anderen Stellen standen Verweise auf The Clash und Neil Young. Und Gerhard Richters „Kerze“ auf dem Cover lässt an andere von Kunstgrößen gestaltete Cover wie „Sticky Fingers“, „Sgt. Pepper“ und das Weiße Album denken, dem Sonic Youth mit Mike Watt als Ciccone Youth 1989 das „White(y) Album“ zur Seite stellten.

Die Idee der „Daydream Nation“ fiel seinerzeit auf fruchtbaren Boden, wurde im amerikanischen Untergrund zur Zeit der Reagan-Ära als Utopie gefeiert und reagierte auch in Deutschland mit einer kritischen, poststrukturalistisch informierten Pop-Öffentlichkeit, die Gefallen daran fand, wie sich eine zumindest äußerlich klassische Gitarrenband zugleich auf ihre pophistorischen Vorgänger bezog und sich ihnen gleichzeitig entzog, indem sie die überlieferten Rockismen – wie man damals sagte – „dekonstruierte“. Das Spiel mit Referenzen, Geschlechterrollen, Jazz-artigen Improvisationen und Soundtexturen, die an Stellen standen, an denen man klassischerweise Gitarrensoli erwartet hätte, gaben „Daydream Nation“ eine geheimnisvolle, futuristische Aura. Das Album war eine Blackbox voller white noise, der man sich eher langsam näherte, die einen nicht mit der Wucht der überlieferten Meisterwerke des Pop traf.

Kooperation

Dass „Daydream Nation“ bis heute wenig von seiner Faszination verloren hat, liegt sicher neben den vielen Texten und Deutungen, die sich über die Jahre um das Album legten, auch daran, dass sich in den letzten 20 Jahren nicht allzu viel getan hat in der Gitarrenmusik, und die Retroschleife, die Sonic Youth hier einbauten, mittlerweile über große Strecken das alleinige Movens des Pop geworden ist.

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Im Jahr der Dinosaur Jr.-Wiedervereinigung kommt da die Deluxe-Ausgabe von „Daydream Nation“ mit Begleittexten (leider nicht dem von Jutta Koether, der dem CD-Reissue von 1993 beilag) und einer Bonus-CD mit Live-Darbietungen aller Stücke und Cover-Versionen von Beatles-, Beefheart-, Mudhoney-, und Neil-Young-Songs genau zum richtigen Zeitpunkt. Und nie haben es die USA nötiger gehabt: J. Mascis for president!


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