Rewind Today 1996: Kiss geben ihr Comeback mit Make-Up und in Originalbesetzung bekannt



Make-Up ist das Beste gegen Falten. Das müssen sich zumindest Paul Stanley, damals 44, und Gene Simmons, damals 47, gedacht haben. Die beiden einzig verbliebenen Original-Bandmitglieder von Kiss trafen 1996 den Entschluss, es noch einmal zu probieren. Also, alles so wie früher zu machen. Schminke drauf, „Alive“-Welttournee planen, absahnen ohne musikalisch neue Wege ausprobieren zu müssen – und deshalb zumindest finanztaktischen Frieden zu schließen mit den zwei einst geschassten Kollegen, Leadgitarrist Ace Frehley und Schlagzeuger Peter „Drummen nur noch auf einem Bürostuhl mit Armlehne“ Criss.

Bei einer Pressekonferenz wurde die Rückkehr der bemalten Softrocker verkündet. Voran gegangen waren dreizehn mehr oder weniger farblose Jahre mit einigen Höhen („Crazy Nights“) und vielen Tiefen („Hot In The Shade“). Auf jeden Fall müssen Paul Stanley und Gene Simmons gewusst haben, dass sich mit dem originalen Kiss-Muster mehr verdienen ließ. Die für die 1996er-Tournee zurück geholten Criss und Frehley wurden nach wenigen Jahren jedoch wieder aussortiert; angeblich haben sie es auf der Bühne nicht mehr gebracht.

Für die Ausgabe 10/1998 besprach Ralf Schlüter das erste Kiss-Album in Originalbesetzung seit 1981: „Psycho Circus“.

Bewertung: **

Eine Band von Untoten ist zur Ruhe gekommen und hat Frieden gefunden – endlich. Viele Jahre lang wußte man nicht so recht, wohin mit Kiss: Die Siebziger waren vorbei, die Masken abgeschminkt Und so tourten sie als Hardrock-Zombies durch das Land, denen vom einstigen Glamour nur ein paar geföhnte Mähnen geblieben waren. In den Achtzigern waren Kiss manchmal gefahrlich nahe dran an Bon Jovi. Nicht nur optisch, auch musikalisch lag das Mediokre allzu nahe.

Daß schließlich alles gut wurde, hängt vor allem mit der Kiss-Rehabilitation der letzten Jahre zusammen. Kurt Cobain bekannte, er sei Fan. Die hochintelligenten Melvins bezogen sich auf Kiss-Platten, auf die alten natürlich. Das Siebziger-Jahre-Revival war der letzte Schritt: Endlich Schluß mit all der Weiterentwickelei und den ewigen „neuen Herausforderungen“. Kiss mußten nicht länger so tun, als seien sie Künstler. Masken wieder drauf, Zunge raus, Kunstblut frei: Kiss waren wieder Kiss. Und wir, die wir dieses Bild seit unseren Schulhofdiskussionen mit uns herumtrugen, können auch aufatmen.

„Psycho Circus“ konnte die vollständige Wiederherstellung der alten Kiss nun abgeschlossen werden. Erstmals seit 20 Jahren hat die Urbesetzung ein neues Album aufgenommen: Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss sind wieder zusammen, bunt angemalt natürlich. Und Produzent Bruce Fairbairn sorgte dafür, daß auch tatsächlich alles schön traditionell klingt. Als Ex-Produzent von Aerosmith und AC/DC war er dafür präde stiniert.

Der Rest ist Tautologie. Ein Kis&Album klingt wie ein Kiss-Album. Gitarre wird noch im alten Sirenen-Stil gespielt – keine Spur von Dekonstruktion. Rock’n’Roll in den Grenzen von 1975. Da war selbst „I Was Made For Loving %u“ mit seinem Disco-Einschlag moderner. Ihre Rezeption durch die Melvins ist spurlos an Kiss vorbeigegangen. Besonders rührend der Song „I Pledge Allegance To The State Of Rock’n’Roll“ – ja, solche Songs gab es damals, als man eine Rockband für die neue Weltregierung halten konnte. Mft Journey Of 1000 Years“ ersteht sogar der alte Bombast wieder auf.

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