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Rock’n’Roll-Heiermann: Wer verdient bei CD-Niedrigpreisen?


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Die Creme wird immer teurer, das Schwarzbrot noch billiger. Zum Beispiel: Die aufwendigste Version der kürzlich angekündigten „Achtung Baby“-Deluxe-Edition von U2 soll um die 350 Euro kosten, ein Preis, den man früher nur für echte Devotionalien bezahlt hätte. Am anderen Ende der Skala sorgte im Mai der Internethändler Amazon für Aufsehen, als er in den USA die MP3-Ausgabe des Lady-Gaga-Albums „Born This Way“ noch in der Veröffentlichungswoche zeitweise für 99 Cent verkaufte. Und wer sich Mitte Juli durch die Angebote von Amazon Deutschland klickte, entdeckte unter anderem „Wasting Light“ von den Foo Fighters – als CD für 4,97 Euro. Das Album war zu dem Zeitpunkt gerade mal drei Monate auf dem Markt. Dass es Top-Neuheiten zu derartigen Billigheimerpreisen gibt, das ist wirklich neu.

Aber wie kommt ein solches Angebot zustande? Verschleudern Händler wie Amazon hier (auf eigene Kosten) teuer eingekaufte Neuware, um Kunden zu fangen? Oder sorgen die Zulieferer für den Preissturz? Die Plattenfirmen, die ihre Produkte nach drei Monaten vielleicht schon selbst verramschen, um höhere Stückzahlen abzusetzen, in den Charts zu bleiben und sich doch noch die schöne Platinplatte zu verdienen?

Gaga-Manager Troy Carter hatte den 99-Cent-Fall seinerzeit durch einen offenen Brief geklärt. Nein, Amazon habe von Labelseite keinen Rabatt bekommen, betonte er – was bedeuten würde, dass der Online-Händler bei jedem der geschätzten rund 300.000 Downloads bis zu sieben Dollar Verlust gemacht hätte. Welchen Sinn der miese Deal gehabt haben könnte: Um den Digitalmusik-Marktkönig Apple aus der Deckung heraus zu attackieren und Kunden dazu zu bewegen, sich überhaupt ein Amazon-MP3-Konto einzurichten, musste natürlich ein unglaubliches Angebot her. Beim folgenden Ansturm brachen dann auch gleich die Server zusammen.

Ein Bekennerschreiben gibt es zu den Foo Fighters nicht. Amazon beantwortet Anfragen zwar schriftlich, aber diplomatisch-inhaltsleer. Der entscheidende Hinweis kommt von aufmerksamen Zeitgenossen: Wenige Tage bevor der Online-Händler die Foo Fighters auf 4,97 reduzierte, hatte der Elektrosupermarkt Saturn einen seiner Aktionstags-Flyer unters Volk gebracht. In dem das besagte Album für fünf Euro angeboten wurde. Möglicherweise ging es Amazon also nur darum, die Konkurrenz zu unterbieten. Das Gegenteil von Ebay: Die CD-Verkäufer steigern sich gegenseitig nach unten, mittlerweile in allertiefste Luftschichten.

Die Frage bleibt: Wer hat hier so reduziert, Händler oder Lieferant? Saturn lehnte eine Beantwortung unserer Fragen ab, die Plattenfirma Sony teilt mit, es habe im Fall Foo Fighters keinen Ramsch-Rabatt gegeben.

Dass Großverkäufer bessere Konditionen bekommen als kleine Läden, ist ja kein Geheimnis: Aus den rund 13 Euro, die eine Hochpreis-CD im Einkauf regulär kostet, würden schnell auch mal zehn, sagen Eingeweihte. Wer ein solches Album für fünf Euro verkauft, muss die Differenz selbst drauflegen. Manche Märkte sehen das als notwendiges Opfer, um Kunden mit Bonbons in ihre Räumlichkeiten zu locken. Ab und zu kommen Händler noch hinterher auf die Plattenfirmen zu und fordern – mit Verweis auf ihre Marktmacht – nachträgliche Rabatte. Ob die Labels ihnen die ab und zu schulterklopfend gewähren, dazu gibt es nur Gerüchte.

Den Plattenfirmen bringen die Aktionen wenig. Die deutschen Charts werden seit rund zwei Jahren nicht mehr nach verkauften Stückzahlen ermittelt, sondern mit einem eingerechneten Preisfaktor – das bedeutet, dass man von einer Fünf-Euro-CD theoretisch dreimal so viele Exemplare absetzen muss. Dazu kommt das halb philosophische Problem mit dem gefühlten Wert der Musik: Wenn man auch schon Neuheiten zum Schleuderpreis bekommt, wird es noch schwerer, mit CDs Geld zu verdienen. Manche Künstler lassen sich vertraglich zu-sichern, dass ihre Platten nicht zu billig sein dürfen. Rammstein wird man nirgendwo zum Nice Price finden.

„Der Amazon-99-Cent-Deal war eine fantastische Idee“, jubelt dagegen der einflussreiche Business-Blogger Bob Lefsetz in einem Gaga-Aufsatz, der es entscheidender findet, dass sich Musik schnell und weit verbreitet. Derweil veröffentlichte der Handelsriese Metro neue Geschäftszahlen: Saturn und Media Markt, die zwei Elektroläden im Konzern, meldeten Millionenverluste und kündigten Entlassungen an. Auch wenn die CDs daran nur kleinen Anteil haben, es zeigt die Richtung an: Man kann noch so viel Billigware verkaufen – damit Umsatz zu machen, ist schwierig. Die Musikabteilungen wird man so jedenfalls nicht retten.


Alter, Tod und Blasensteine – Das Thema „Krankheit“ in der Popmusik

  Eric Pfeils Pop-Tagebuch, neue Folge 2 „Rock’n’Roll is an old man’s game now“, sprach kürzlich mein Held, der 60-jährige Songschreiber Robyn Hitchcock. Da hat er natürlich Recht, die big players sind alle um die Siebzig: die Rolling Stones, Paul McCartney, Bob Dylan, Leonard Cohen, Howard Carpendale. War Altern in der Popmusik in den Achtzigern aber noch ein großes Problem (was zu katastrophalen Midlife-Crisis-Produkten von Leuten wie Lou Reed, Neil Young oder Dylan führte), kräht heute niemand mehr direkt „Aufhören!“, sobald sich irgendwo Rock-Veteranen mit Knitterlook zum Saitenzupfen versammeln. Natürlich ist das Musikgeschäft für einen Musiker im fortgeschrittenen Alter nicht…
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