Folge 13

Kleiner Tod auf unfreier Strecke

Es scheint eigentlich kaum möglich, in Zeiten des Krieges nicht über den Krieg zu schreiben. Vor allem nach den Erkenntnissen der letzten Tage über die Grausamkeiten der russischen Armee. Nach den Meldungen darüber, dass ein Großteil von Putins Wählern sich jetzt erst recht mit ihrem Präsidenten solidarisiert. Und der frustrierenden Randnotiz, dass der Putin-Kumpel Orban in Ungarn mit Zweidrittelmehrheit wiedergewählt wurde. Wir werden nie aus der Spirale von Dummheit und Verblendung entkommen, soviel ist sicher.  

Um Ihnen also eine kurze Auszeit vom großen Frust zu schaffen, biete ich die Besinnung auf einen kleineren Frust an. Einen alltäglichen: Stau. 

Das Schlimmste an den reisenden Tätigkeiten sind die Zeiten auf der Bahn, wenn alles zum Stillstand kommt. Schlimmer noch als das Warten am Set beim Dreh eines Films, ist das Warten auf der Autobahn, wenn wir mit unserem gemieteten Gestaltenbeschleuniger mal wieder im Stau gelandet sind, ich und mein Manager. Aktuell stehen wir kurz hinter Lüdenscheid im 

S.T.A.U. 

Was für ein großes Wort. Was für ein schönes Wort. Voller dunkler Kraft, Magie und Erhabenheit. Was heißt das eigentlich? Der Manager behauptet auftrumpfend, es wäre ein Kürzel aus dem Begriff „Stehende Autos“. Klingt logisch, stimmt aber nicht. Hergeleitet wird der Stau von seiner altdeutschen Bedeutung, die genau das meint, was sie sagt: etwas „staut“ sich, ein Stau ist demnach eine durch eine Behinderung oder ein Hindernis verursachte Störung eines Durchflusses oder Durchgangs. (Ein Satz wie ein Stau.) Jedes Jahr gibt es ca. 750.000 Staus auf deutschen Autobahnen, jeder dritte davon wird erzeugt durch eine Baustelle. Rund 59.000 Stunden verlieren die Autofahrer hierzulande jährlich im Stau – das sind 52 Jahre. Faszinierend: Kollektiv 52 Jahre Lebenszeit in nur einem einzigen Jahr zu verlieren. Staus sind also Zeitmaschinen, aber in diesem Fall nur dafür geeignet, um Zeit abzusaugen und verschwinden zu lassen. Lebenszeitvernichtungsmaschinen. So ähnlich wie Fernseher, nur ohne Unterhaltung. Und Staus sind wie Gefängnisse: Sie führen zu einem Leben in der Schwebe, jedes Ziel, jeder Sinn scheint aufgehoben.  

Ich beobachte häufig die Gesichter der Wartenden in den anderen Autos. Mahlende Kiefer pressen aufeinander, Zähne reiben schwer wie Steinbalken, Stirnadern treten hervor, schwellen und pumpen, Stresshormone lassen Muskeln zucken, muntere kleine Schweißdrüsenquellen sprudeln, Hände würgen Lenkräder wie dürre Vogelhälse. Andere, die nicht hassen, sacken in sich und die völlige Nichtexistenz zusammen. Werden müde, mürbe, schläfrig, phlegmatisch, gelähmt, Augenlieder gondeln auf Halbmast, Spucke rinnt durch geöffnete Lippen, Köpfe rollen zur Seite und ruhen auf hängenden Schultern, ein kleiner Tod auf unfreier Strecke. Der Stau legt alles in uns bloß, zeigt unser wahres Wesen.

Neben uns steht ein Ford SUV mit einer Kleinfamilie. Der Vater sitzt am Steuer, hat sich umgedreht und haut dem Jungen auf dem Rücksitz eine Ohrfeige, der Junge heult beleidigt. Die Frau auf dem Beifahrersitz schreit wie von Sinnen auf den Mann ein, der wird kreidebleich vor Stress, er bleibt aber – da ihm auffällt, dass er von allen Seiten beobachtet werden kann – in Zwangsstarre hinter dem Steuer.  

Ich muss an Godards „WEEKEND“ aus dem Jahr 1967 denken, jenes atemberaubende Menetekel aus zerbeulten und brennenden Autos, aus Schrott, Blut, Leichen und barbarischen Riten. Ich muss an „STAU“ von Luigi Comencini aus dem Jahr 1979 denken, mit Fernando Rey und Marcello Mastroianni, dieser formvollendet gezeichnete Angriff auf die technisierte Konsumgesellschaft, die hängengeblieben ist in der eigenen trügerischen Beschleunigungsvision.  

Abgesehen von unserer kollektiven Verantwortung für diese Situation, stellen sich viele von uns immer wieder die gleiche Frage: Welcher konkreten Person haben wir diesen Zustand hier und jetzt zu verdanken? Wer hat uns in diesen unwürdigen Zeitstrudel gelotst? Und abgesehen von all den Vollidioten die am Steuer eingepennt oder zu schnell gefahren sind, die sich gebückt haben um Haarspangen oder Kinderspielzeug aufzuheben, die SMS lesend oder auf dem Smartphone Filmchen schauend in andere Fahrzeuge gekracht sind, abgesehen davon sind es im Fall jedes dritten Staus die Planer von Baustellen. Gleichgültige Schreibtischtäter, die die Lebenszeit von Millionen wie wertloses Spielgeld verfeuern. Der Begriff Planungsdummheit sollte installiert werden. Ich wähne uns in den Händen von emotionslosen Planungstrotteln, die schalten und walten können wie sie möchten, weil sie wissen, dass man ihnen ja doch nie auf die Schliche kommt. Niemand überprüft diese unfähigen Stümper, es gibt keine Beschwerdeadresse, an die das millionenfache Heer der Ausgelieferten sich wenden könnte, keine Instanz, die uns schützt, immer nur haben wir das Gefühl, dass dieser Zustand die Strafe für unsere Gier nach noch mehr gewonnener Zeit wäre, und nehmen klaglos hin, was durchaus vermeidbar wäre.  

Der Junge in dem Ford SUV hat mittlerweile seine Tränen getrocknet, er schlägt mit einem Kleiderbügel auf den kleinen Hund neben sich ein, der nicht fliehen kann und auf der untersten sozialen Stufe des Vehikels steht. Der Vater dreht sich spontan um und streichelt dem Jungen über den Kopf.  

Happy End 

Autorenbild von Kerstin Behrendt