Folge 7

Moderne Berufe als Karmakiller

Wirklich kluge und umfassend gebildete Menschen gibt es nur sehr wenige. Dummheit hingegen hat sehr viele Gesichter, sie besitzt eine unglaubliche Bandbreite – der Reigen von leichter Dümmlichkeit bis zu absoluter und vollkommener Hohlheit umfasst ein sehr breites Spektrum, der Regenbogen abwesender oder nicht genutzter Intelligenz beherbergt unglaublich viele Farben und Nuancen, denn die Mutter der Dummen ist immer schwanger, und sie hat eine riesige Familie.

Jeder Mensch besitzt seine eigene ganz individuelle Form der Dummheit, einige Menschen sind nur in wenigen Bereichen dumm, in diesen dafür sehr tiefgreifend, andere Menschen sind wirklich umfassend durch und durch einfältig, beschränkt, dämlich, hohl, leer, verblödet, mit anderen Worten: knackendumm.

Ich persönlich bin zum Beispiel relativ zahlendumm, beherrsche zwar die Grundrechenarten, aber alles was darüber hinaus geht, kalkuliere ich mit dem Telefon. Steuerbeamte verfügen vermutlich über unterschiedlichste Formen der Dummheit, deswegen führen sie ihren stupiden Beruf ja aus, aber zahlendumm sind sie in der Regel nicht. Wenn sie also auf einen zahlendummen Künstler wie mich treffen, spüren sie intuitiv, dass jetzt ihre große Stunde gekommen ist, dass sie mir jetzt endlich all das heimzahlen können, was sie an mir schon immer verachtet haben: mein ganzes scheiß Künstlerleben, das späte Aufstehen in den mondänen Lofts, die durchfeierten Nächte mit den schönen „Tageschau“-Sprecherinnen, das Getanze auf den Top-Yachten in Düsseldorf, das Abhängen in den teuren Warteschleifen von Modeherstellern, die Küstenfahrten in den alten englischen Cabriolets, die Champagnerorgien auf den Schlössern, all das wird durchgeprüft und maximal beanstandet – Payback Time! Jede freudige Sekunde deines verwahrlosten Zausellebens zahlst Du uns jetzt endlich in Heller und Cent heim, Künstler! Und ich kann nichts dagegen tun, denn Steuerbeamte mögen ein eingeschränktes Leben führen, aber sie sind allemal mächtiger als wir vom „Stamm der bunten Vögel“.

Wo wir gerade bei unklugen Berufswahlen sind: Steuerbeamtentum gehört vermutlich dazu, noch schlimmer erscheint mir aber die Wahl des Knöllchenpolizisten oder Hilfspolizisten, kurz Hipo genannt (fachsprachliche korrekte Bezeichnung: Angestellter in der Verkehrsüberwachung des Ordnungsamtes). Ein Hipo ist ein Polizist ohne Beamtenstatus und ohne wirkliche Macht. Er besitzt nur die eingeschränkte Macht der kurzen Anweisungen, er ist nur zu kleinem Blitz und Donner befugt, eben zum Aufschreiben unsachgemäß geparkter Fahrzeuge in Innenstädten, er darf überschrittene Parkzeiträume feststellen und verwertlichen. Da seine Arbeit für die Anwohner vor Ort fast nur miese Folgen hat, müssen wir davon ausgehen, dass die alltäglichen Berufserfahrungen von Hipos eher negativer Natur sind. Man bedenke nur all den Hass, den die verteilten Knöllchen bei den Fahrzeughaltern (kurz Fazeha genannt) erzeugen – oder schlimmer noch: das Geschrei, Gekeife und Gezanke beim Aufeinandertreffen von Hipos und Fazehas nach der Bezettelung der Fahrzeuge. Und wenn wir wiederum von der indischen Karmalehre ausgehen, von der täglichen Steigerung des Karmas durch gute oder liebevolle Taten, dann müsste der Beruf des Hipos bereits am ersten Tag zu einer karmischen Komplettentladung führen, denn mehr Aggressionen, mehr Negatives als diese emsigen, stumpfen Bienchen der Bürokratie kann niemand sonst in so kurzer Zeit auf sich laden.

Ein Beispiel:

Bei uns in der Straße gab es lange keine Parkzettel, die Gegend war etwas heruntergekommen, nur Künstler und Gesocks wohnten in den halb verfallenen Häusern. Irgendwann kam eine große Hotelkette und baute eine Niederlassung. Vom Tag ihrer Eröffnung an war alles anders, jeden Tag wurden die Parkplätze von Kontaktbereichsbeamten überprüft und Strafzettel verteilt, gleich ab acht Uhr morgens, da wo das ganze Kruppzeug noch schlief.

Eine gute Freundin meinerseits war um Viertel nach acht an ihrem Auto, als der „Dominator“, ein älterer Kontaktbereichsbeamter in Uniform und mit weißem Schnorres, gerade ihr Fahrzeug bestrafzettelte. Sie bat ihn, auf das Bußgeld zu verzichten, sie führe ja jetzt sofort davon, aber der „Dominator“ verhielt sich – wie immer – maximal arrogant und bestand darauf, sie in flagranti erwischt zu haben. Es entwickelte sich ein verbaler Disput, der darin gipfelte, dass der „Dominator“ meiner Freundin mit wutschnaubender Miene zuzischte: „Wenn Sie meine Frau wären, würde ich sie jeden Abend verprügeln!“. Meine Freundin holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, ihr Handabdruck glomm tiefrot wie ein Kainsmal in seinem Gesicht nach. Der „Dominator“ blieb mit offenem Mund völlig erstarrt stehen, mittlerweile hatten sich die Fenster der Häuser geöffnet und die Bewohner der Straße beobachteten freudig erregt das Geschehen. „Endlich“ rief einer auf die Straße herab. Der „Dominator“ drehte sich um und ging. Er kam nicht wieder.

Autorenbild von Kerstin Behrendt