Folge 1

Die erste Folge der neuen Rocko-Schamoni-Kolumne: Die Schwarmdummheit

Kolumnen schreibt man in Cafés. In großen Städten, an Kreuzungen wo auf den Bürgersteigen viele Menschen vorbeikommen. An einem Tisch mit Kaffee, einem vollen Aschenbecher und einem Viertel Weißwein. Alle Tageszeitungen liegen auf dem Tisch und spiegeln die Gesellschaft. Die großen Kolumnisten saßen in Cafés und haben die Welt an sich vorüberziehen lassen, während sie über sie schrieben. Die ganze Welt bietet sich dem/r Beobachter/in an, wie bei einer Modenschau stolziert die Welt mit ihren Themen vorüber, wie am laufenden Band rollen da die Topics der Gegenwart durchs Sichtfeld. Man muss nur zugreifen. Wurde mir gesagt.

Ich setze mich in Neumünster an die Ecke vor dem Freesen Center auf einen weißen Plastikstuhl an einem grauen Plastiktisch. Eine zerlesene „Bild“-Zeitung liegt dort herum, neben einer gebrauchten blauen Gesichtsmaske. Die Maske ist innen voller knallrotem Lippenstift, die Farbe hat das Material durchtränkt, so das auf der Außenseite ein diffuser roter Kreis entstanden ist. Die Trägerriemen sind durchgerissen. Wie wohl die Trägerin der Maske damit ausgesehen haben mag? Elephant Woman.

Ein großer dürrer Mann verlässt mit drei kleinen Jungen das Einkaufscenter, sie sind keine zehn Jahre alt, der Einkauf scheint sie gestresst zu haben und sie piesacken sich gegenseitig. Der große dürre Mann bleibt stehen, ganz ruhig, er bindet ein Gummiband um sein langes, lockiges, halbgraues Haar, dann schreit er einen der Jungen an: „Felix, lass das verdammt noch mal, sonst schaller ich Dir eine!“ Die Stimme des Mannes ist hoch und brüchig, fast kreischend, der Junge fährt zusammen und senkt sofort den Kopf. Ich überlege, ob ich aufstehen soll um dem Mann eine Lektion zu erteilen. Ich stelle mich vor ihn und versuche ihm eine Kopfnuss zu geben, er weicht aus, mein Kopf schnellt vogelhaft ins Leere, er macht einen Ausfallschritt und schlägt mir mit der Faust einen schwungvollen Haken in den Magen, als ich zu Boden gehe, tritt er mich gekonnt zusammen. Die Jungen jubeln ihm zu. Dann gehen die Vier glücklich nach Hause. Das möchte ich lieber nicht, deshalb lasse ich den Mann ungeschoren davonziehen. Die armen Jungen.

Ich blättere gedankenverloren in der „Bild“-Zeitung, versuche dabei immer nur die äußerste Spitze der Seite zu berühren – wegen der Viren – und denke darüber nach, was heute mein Thema sein könnte. Schließlich ziehe ich meinen Notizblock und meinen Bleistift aus der Umhängetasche und beginne zu schreiben:

Ich ärgere mich häufig. So sehr, dass ich mich frage, ob etwas mit meinem Stoffwechsel nicht stimmt. Worüber ärgere ich mich? Wenn ich genau drüber nachdenke – dann ist die Antwort darauf meistens: über Dummheit. Menschliche Dummheit. Ich ärgere mich über dumme Produkte und Konstruktionen, über dumme Regeln und Gesetze, über dummes Verhalten und Benehmen, über dumme Ideen. Ich ärgere mich über die Dummheit einzelner, denen ich im Alltag begegne. Über ihren Egoismus, ihre Stumpfheit, ihre Unsensibilität und Arroganz. Mehr noch ärgere ich mich aber über die Dummheit von Gruppen. Zum Beispiel Männergruppen unter Alkohol am Vatertag. Oder Männergruppen unter Alkohol beim Junggesellenabschied. Oder Männergruppen unter Alkohol in der Bundesbahn. Im gleichen Abteil. Direkt neben mir. Mit einer vollen Kiste Bier und einem Ghettoblaster mit Helene Fischer, Andrea Berg und dem Wendler. Über Männergruppen unter Alkohol ärgere ich mich grundsätzlich. Es sei denn ich gehöre zu so einer Gruppe. Denn drinnen in dieser Blase der Dummheit fühlt es sich ganz wunderbar an. Sehr angenehm und anregend und vor allem sicher. Frauengruppen unter Alkohol sind übrigens keinen Deut besser. Denn in Gruppen geben die Menschen grundsätzlich ihr individuelles Denken auf, speziell wenn sie mit Alkohol arbeiten. Und Menschen sind sehr gerne in Gruppen. In Gruppen unter Alkohol.

Eine Kellnerin kommt aus dem Freesen Center. Sie schlurft zu meinem Tisch, zieht sich ihre Maske im Gesicht so zurecht, dass die Nase oben über den Rand hängt und fragt, ohne mich anzuschauen, mit tonloser Stimme: „Bitte?“ Ihr Blick schweift dabei in unbestimmte Ferne, fokussiert nichts, und ich denke über diesen speziellen Blick nach, den ich schon so häufig bemerkt habe, dieser degradierende Profiblick. Ich bestelle eine Tasse Kaffee und ein „Freesen Frühstück“, ohne zu wissen, was das ist. Sie zieht ab, als wenn wir uns nie begegnet wären, ich wende mich wieder meinem Notizblock zu:

Aber am meisten ärgere ich mich über die Dummheit von Massen. Massen sind noch deutlich dümmer als Gruppen oder Einzelne. Massen können so unglaublich dumm sein, so kopflos und ferngelenkt, dass Ärger schon gar nicht mehr die adäquate emotionale Reaktion darauf zu sein scheint. Meist schlägt der Ärger dann auch um. Zum Beispiel in Abscheu. Oder in Angst. Auch in Ungläubigkeit. Oder in Verachtung. Darüber wie Menschen in Massen immer wieder gemeinschaftlich das so offensichtlich Falsche wählen oder tun können, wie wir gerade aktuell an diversen Orten der Welt beobachten können. Es ist oft von der sogenannten Schwarmintelligenz die Rede. Viel wichtiger aber erscheint mir in diesem Zusammenhang der Begriff Schwarmdummheit. Der Mensch neigt stark zur Schwarmdummheit.

Die Kellnerin kommt wieder, stellt den Kaffee vor mir ab und eine Brötchenhälfte mit einer Käsescheibe darauf, das ist scheinbar das „Freesen Frühstück“. „Tschön“ sagt sie tonlos und bleibt stehen. Ich verstehe, dass ich zahlen soll, sie möchte das Thema vom Tisch haben. Wie soll ich denn hier zu etwas kommen? Ich zahle, packe meinen Block und den Stift wieder ein und esse das „Freesen Frühstück“. Das nächste Mal schreibe ich woanders.

Autorenbild von Kerstin Behrendt