ROLLING STONE Beach: Die Heiterkeit bringen „Schwarze Magie“

Stella Sommer und ihr Bandprojekt präsentieren elegante Lieder für harte Zeiten.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Die in Berlin lebende Songwriterin Stella Sommer ist in Nordfriesland aufgewachsen. In einem kleinen Ort an der Nordsee. Der Auftritt ihres Bandprojekts Die Heiterkeit beim ROLLING STONE Beach ist also fast ein Heimspiel.

„Ich glaube, dass in fast allen Ländern auf der Welt der Norden immer gleich aussieht“, hat sie mal über ihre Herkunft geschrieben. „Irgendwie öde und flach. Fast so, als würde hinter der Nordgrenze eines jeden Landes eine Schlucht aufgehen und die Welt dahinter enden. So habe ich es mir zumindest als Kind vorgestellt.“

Über das Meer erreichten sie die Radiowellen, die Songs von Bob Dylan, Elvis Presley, den Beatles und den Monkees zu ihr spülten. Und irgendwann fischte sie ihre eigenen Lieder aus den Fluten, die Spuren ihrer Vorbilder trugen, aber doch sehr eigen waren, weil sie wie alle großen Songwriter:innen eine eigene Sprache erfand, die eng mit ihrer Stimme und ihrer Herkunft verbunden ist. Ein bisschen spröde, dunkel, auf lakonische Art poetisch, abgründig, immer ein Geheimnis bewahrend.

Diese eigene Stimme war seit dem ersten Album ihres Bandprojekts Die Heiterkeit, „Herz aus Gold“ von 2012, präsent. Seit 2018 veröffentlicht sie zudem unter ihrem eigenen Namen auch Alben mit Liedern in englischer Sprache, die ihr auch des öfteren ob ihrer dunklen Intonation Vergleiche mit Nico einbrachten. Ungeachtet der Sprache wurde ihre Stimme eine wichtige Gefährtin in der immer dunkler werdenden Welt. „Wenn es soweit ist, werden wir es wissen, es kommt immer anders, als gedacht“, sang sie 2016 auf einem Doppelalbum mit dem schönen Titel „Pop & Tod I + II“, um uns dann zu beruhigen: „Es wird in Ordnung sein.“ 

Vom Great American Songbook zum 60s-Folk

Neun Jahre später sang sie zu einem Johnny-Cash-Boom-chicka-boom-Beat: „Schwarze Magie hilft unter Garantie/ Sie bringt dich an dein Ziel und enttäuscht dich sicher nie/ Ich tendiere zu schwarzer Magie.“ Es war der Titelsong des vielleicht besten Heiterkeit-Albums „Schwarze Magie“, das vom Great American Songbook inspiriert ist, aber zugleich von sehr gegenwärtigen Ängsten handelt und nach Strategien sucht, diese zu überwinden. „Auch das hier wird vorübergehen“, sang Sommer. „Auch das hier wird man überstehen/ Der Mund ist eine Wunde, die lacht/ Auch das hier wird man überstehen/ Ich singe die Jahreszeiten, singe den Regen/ Ich singe die Zeiten und dich sing ich mit.“

„Schwarze Magie“ ist in seiner musikalischen Eleganz und seiner Balance zwischen Doom und Humor, Klarheit und Geheimnis das für mich beste deutschsprachige Album des 21. Jahrhunderts – und der Nachfolger, über den Sommer in unserem Podcast ROLLING STONE WEEKLY verriet, das er von der Folkmusik der 60er-Jahre und den frühen Alben von Bob Dylan beeinflusst ist, soll auch schon in Arbeit sein. Vielleicht bekommen wir beim ROLLING STONE BEACH im November also neben hoffentlich viel schwarzer Magie auch schon die ersten neuen Lieder zu hören. Sommers Auftritt mit ihren aktuellen Mitstrei-ter:innen Sonja Deffner, Hanitra Wagner und Philipp Wulf ist jedenfalls ein guter Grund, unserem Festival im November mit großer Heiterkeit entgegenzublicken.