ROLLING STONE hat gewählt: Die Alben des Jahres 2021


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50. Strand Of Oaks: „In Heaven“

Ein euphorisches Resilienzmanifest – mit himmelhohen Melodien, Indie-Rock-Grandezza, sphärischen Synthie-Umarmungen, Americana, Kathedralenhall und Texten von biblischer Symbolkraft.

49. Arab Strap: „As Days Get Dark“

Das schottische Duo hat diese Selbstzerfleischungssongs mehr als ein Jahrzehnt versteckt und ihrem Slowcore-Songwriting in wuchtigen, düster-ironischen Songs weitere Nuancen hinzugefügt.

48. Abba: „Voyage“

Es war die Sensation des Jahres: ein neues ABBA-Album, und nicht jedes der zehn Stücke muss sich hinter den Klassikern verstecken – von „I Still Have Faith In You“ bis „Ode To Freedom“ passt fast alles.

47. Lana del Rey: „Blue Banisters“

Ihr zweites Album dieses Jahres schrieb und produzierte Del Rey mit Drew Erickson und Barrie-James O’Neill. In dramatischen, mit Piano und Streichern arrangierten Balladen ist sie ganz, nun, Poesie.

46. John Glacier: „Shiloh: Lost For Words“

Die queere Afrobritin sprechsingt zwischen HipHop-Grooves, Trap-Vibes und Electro-Beats über die Leerstellen nach der Clubnacht. Tastende Tracks, die weit über das Feld Rap hinausgreifen.

45. Dean Blunt: „Black Metal 2“

Das Enigma mit der ultratiefen Stimme klaut immer noch -gute Ideen – meist im Niemandsland zwischen HipHop und alternativem Singer-Songwritertum –, doch was dabei herauskommt, ist einzigartig.

44. Crowded House: „Dreamers Are Waiting“

Wiedervereint mit Altproduzent Mitchell Froom, kann Neil Finn zum Comeback lässig singen: „It’s the start of some-thing.“ Eine wärmere Classic-Pop-Decke ist kaum zu finden für diese kalten Zeiten.

43. Pauline Anna Strom: „Angel Tears In Sunlight“

Ein Regenwald aus schillernden und pulsierenden Klangtropfen. Das erste Album der kalifornischen Synthesizer-Pio-nierin seit 33 Jahren ist ihr bestes – und letztes: Strom starb vor der Veröffentlichung.

42. Ja, Panik: „Die Gruppe“

Mit dunklen Beats und noch düsteren Saxofon- und Orgelklängen verleimen Ja, Panik schonungslose Zeitdiagnose und Minimalismusexperiment zu einem Manifest der brütenden Zweifel.

41. Aimee Mann: „Queens Of The Summer Hotel“

Ein Ausflug in die Sommerfrische der 40er-Jahre – oder ins Sanatorium: „Robert Lowell And Sylvia Plath“ und „You Could Have Been A Roo-se-velt“ sind Kurzgeschichten aus einem trügerischen Idyll.

40. The Goon Sax: „Mirror II“

Von V.U. bis hin zu den Chills – in diesem musikalischen Kosmos trifft man beste Bekannte. Und trotzdem: Auf ihrem dritten Album verfestigen die Australier alle Einflüsse zu einem feinen ureigenen Sound.

39. Caetano Veloso: „Meu Coco“

Statt auf Arrangeure, Produzenten und Co-Songwriter zu setzen, fühlte sich Veloso in seinen eigenen Kopf zurückgeworfen. Da er ein Genie ist, entstand ein eindrucksvolles, verspieltes Altersmeisterwerk.

38. International Music: „Ententraum“

Falls dem Trio die Riesenkarriere auch jetzt nicht gelingt, liegt’s vielleicht am beliebigen Bandnamen oder dem monotonen Sprechgesang. Aber -ihre Mischung aus Psychedelia, Prog und Dance ist einmalig.

37. Manic Street Preachers: „The Ultra Vivid Lament“

Was könnten wir in diesen Zeiten besser brauchen als die mächtigen, diesmal besonders poppigen Hymnen der Waliser, die immer noch an Solidarität glauben? „Don’t Let The Night Divide Us“!

36. Masha Qrella: „Woanders“

Es war das Jahr des Thomas Brasch: Andreas Kleinerts Film, vor allem aber dieses wunderbare Album würdigen den Lyriker mit mal intro-vertierten, mal tanzbaren Vertonungen seiner Gedichte.

35. The Felice Brothers: „From Dreams To Dust“

Peter Fondas Motorrad braust vorbei, Van Damme trifft Cobain, der Weltuntergang klingt wie Jazz auf der Autobahn, und der knarzige Felice-Folk verwandelt sich in Americana in Cinemascope.

34. Indigo de Souza: „Any Shape You Take“

Die Songschreiberin aus North Carolina erinnert auf ihrem zweiten Album daran, dass die beste Gitarrenmusik auch im Jahr 2021 von Frauen stammt. Waidwunde Rocksongs bar jeder Weinerlichkeit.

33. Jackson Browne: „Downhill From Everywhere“

Immer eine Wohltat, diese sanfte Stimme zu hören – und wie der weise Mann mit den großen Melodien von den Träumen erzählt, die übrig gelieben sind, und den Kämpfen, die es noch zu gewinnen gibt.

32. Matthew E. White: „K Bay“

Trotz Veränderung wiedererkennbar bleiben: Der Studio-Wizard aus Richmond schafft den Spagat mit einem üppigen Neo-Southern-Cocktail – oft roh, doch verspielt seine funky mystique bewahrend.

31. Matt Sweeney & Bonnie „Prince“ Billy: „Superwolves“

16 Jahre nach ihrem gemeinsamen Debüt haben Oldham und Sweeney ein intimes Album mit kargen Gitarren und schonungslosen Lyrics aufgenommen. „God can fuck herself/ And it does, hardcore.“

30. Sons Of Kemet: „Black To The Future“

Shabaka Hutchings spinnt mit seinem Quartett weiter an einer großen Studie über schwarze Identität. Jazz ist hier nur eine Klammer, die Bekenntnisstücke oszillieren zwischen Wut und Euphorie.

29. Tirzah: „Colourgrade“

Skelettiertes Songwriting erster Klasse. Wenn Bitter-sweet-ness statt von Kitsch von klirrender Kargheit erleuchtet ist, wenn elektronischer Noise auf R&B und intime Lyrics trifft, dann ist man bei Tirzah.

28. Olivia Rodrigo: „Sour“

Eine zerstörte Geburtstagstorte. Olivia Rodrigo steckt die Zunge heraus. Auf ihrem Debütalbum singt die 18-jährige Songschreiberin bittersüße, flehentliche Abschiedslieder und vehemente Wutsongs.

27. Bruno Mars & Anderson .Paak: „An Evening With Silk Sonic“

Weil sie es können: Slicke, elegante, meisterliche und komplett retroverliebte Neuerfindung der Four Tops, Jacksons und Natural Four (um nur ein paar zu nennen). Die Partyplatte des Jahres.

26. Rodney Crowell: „Triage“

In kontemplativen Americana-Vignetten betrachtet Crowell den kleinen Vogel im Garten, singt den „Transient Global Amnesia Blues“ und nickt hier Bob Dylan zu und dort Robbie Robertson.

25. Tindersticks: „Distractions“

Das Gegenprogramm zum früheren opulenten Überschwang: Die Tindersticks spielen immer weniger Töne – und wiederholen oft dieselben. In staunenswerter Reduktion gelingen ihnen entlegene Versionen von „A Man Needs A Maid“ und „You’ll Have To Scream Louder“ und zierliche Skizzen wie „I Imagine You“ und „Tue-Moi“. Wo Stuart Staples früher aufgeregt nuschelte, kostet er nun jedes Wort und jede Wiederholung aus. aw

Bester Song: „I Imagine You“

24. Mdou Moctar: „Afrique Victime“

Der nigerische Gitarrist nimmt den durch Bands wie Tinariwen bekannt gewordenen Wüstenblues der Tuareg und nudelt ihn über die dichten Trommelbeats hoch in ausladende, schwere Manierismen. Der ehemalige Hochzeitsmusiker erinnert auf Tamashek an die koloniale Unterdrückung nicht nur der Tuareg, sondern des gesamten Kontinents – und er bleibt in akustischen Liebesliedern auch der dörflichen Tradition seiner Musik treu. ms

Bester Song: „Afrique Victime“

23. Chris Eckman: „Where The Spirit Rests“

Aus einer Krise hat der Walkabouts-Kopf sein bisher beeindruckendstes Solowerk erschaffen: In manchmal unfassbar langsamen, ziemlich langen, niemals langweilenden Liedern wandert er durch eine karge Landschaft und versucht die Verzweiflung abzuschütteln, „these times are tough on love, tough on sex and swagger“. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass nur eins hilft: „Calm The Fuck Down“. Geht mit diesem Album besonders gut. bf

Bester Song: „CTFD“

22. Arooj Aftab: „Vulture Prince“

Arooj Aftab verbindet die Kunst des Sufi-Gesangs mit jazzhaften Instrumentierungen und den elektronischen Experimenten der Gegenwart. „Vulture Prince“ ist ein Memento -Mori für ihren Bruder. Zugleich singt sie von der ewigen Wiederkehr und den Begräbnisritualen ihrer pakistanischen Heimat. Dort werden die Leichen in Bäume gelegt, um von Geiern gefressen und in den Kreislauf der Natur zurückgeführt zu werden. JB

Bester Song: „Mohabbat“

21. Danger Dan: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Vollkommen überraschend veröffentlichte Danger Dan von der HipHop-Formation Antilopen Gang ein absolut hinreißendes Klavieralbum der alten Schule. Gleich im ersten Lied, „Lauf davon“, eine Randy-Newman-Referenz, Melodien mit Ben-Folds-Gütesiegel, von Dan himself virtuos pianiert. Angenehm reduziert arrangiert, eloquent betextet und nicht selten mit der gesellschaftskritischen Kabarettbissigkeit eines Georg Kreisler. ISM

Bester Song: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

20. Lil Nas X: „Montero“

Eine Zeit, in der ein Album wie dieses alle Streaming-Rekorde bricht, ist vielleicht doch nicht ganz so beschissen: „Montero“, das Debüt von Lil Nas X, ist musikalisch und lyrisch virtuos, und es ist hochpolitisch. Es gibt Rap, Trap und Rockballaden zu hören, Lieder aus einem beschädigten Leben und über die Wonnen des schwulen Sex. Die alte afroamerikanische Figur des Tricksters erhält in Lil Nas X eine fabelhafte Reinkarnation. JB

Bester Song: „Industry Baby“

19. Cassandra Jenkins: „An Overview On Phenomenal Nature“

Cassandra Jenkins sollte 2019 mit David Berman auf Tour gehen, als Gitarristin der Purple Mountains. Leider kam es anders. Der Verlust des Vorbilds und Freunds ist eines der Themen, die Jenkins hier in atemberaubenden ätherischen Songs verarbeitet. Das Motto der New Yorkerin: Nichts verschwindet wirklich, es ändert nur die Form. Trotzdem ist da viel Melancholie, ausbalanciert durch eine fast an Lou Reed erinnernde Lakonie. JZ

Bester Song: „Ambiguous Norway“

18. Courtney Barnett: „Things Take Time, Take Time“

Das Heimatland unter einer Feuersbrunst, die Welt in einer Pandemie und das eigene Leben in Scherben: So machte Courtney Barnett ihr lässigstes Album. Im Duo mit Warpaint-Schlagzeugerin Stella Mozgawa nahm sie Lieder auf, die klingen, als könnten sie einem durch eine Panikattacke helfen. Barnetts Fluchtpunkte sind das Leben in den Vororten, die kleinen Momente des Glücks und die schönen Dinge, die in der Zukunft liegen. MB

Bester Song: „Turning Green“

17. Sault: „Nine“

Das geheimnisvolle Londoner Soul-Kollektiv um Produzent Inflo (Mi-chael Kiwanuka, Little Simz, Adele) legt nach. Nach den „Untitled“-Alben nun eine fiebrige Genrecollage von Rap bis Afrobeat. „The pain is real“, heißt es in „Fear“, ein Widerstands-Credo gegen Polizeigewalt. Bittersüß wird es, wenn Sängerin Cleo Sol ihre magische Stimme erhebt. Es brennen die „Wildfires“, und schwarze Musik ist moderner denn je. RN

Bester Song: „Bitter Streets“

16. Low: „Hey What“

Keine andere Band schafft es so eindrucksvoll und konsequent, ihren Sound immer wieder zu dekonstruieren. Auf „Double Negative“ ließen Low 2018 ihre apokalyptischen Folksongs mit den Mitteln des Mainstream-Pop von Produzent BJ Burton verfremden. Auf dem ebenso meisterhaften Nachfolger thronen ihre hymnischen Harmonien nun unberührt und engelsgleich über einem kalten, rauen Ozean aus verzerrter Electronica. MB

Bester Song: „All Night“

15. Billie Eilish: „Happier Than Ever“

Das Teenage-Wunderkind von vor zwei Jahren hat seine massiven, schläfrigen Beats und die begeistert hüpfenden Selbstbestimmungsparolen vollends gegen eine California-noir-Stimmung eingetauscht, die Lana Del Rey fortschreibt und in ihrer bewegenden Unmittelbarkeit noch übertrifft. Radikal verlangsamt, ungemein konsequent. Jetzt blond und in Korsage statt grünhaarig im Baggy-Sweater. Ein Akt der Selbstbestimmung, auch das. SZ

Bester Song: „Everybody Dies“

14. The War On Drugs: „I Don’t Live Here Anymore“

Er hat sich nicht neu erfunden, aber den Feinschliff abgeschlossen und den Stadion-Synthie-Sound perfektioniert. Die neuen Songs von Dylan- und Bruce-Spring-steen-Jünger Adam Granduciel, selbst ein großartiger Produzent und auch ein Experte für Neu! und 80er-Soft-Rock, erwiesen sich als eine Art Festung gegen Schwermut und Ungemach, mögen die Texte noch so traurig erscheinen. „Bette Davis Eyes“ meets Americana. FL

Bester Song: „Occasional Rain“

13. Floating Points, Pharoah Sanders & The LSO: „Promises“

Sehr sicher wird man dieses spirituelle und aus neun Sätzen bestehende Orchesterwerk, das Pharoah Sanders gemeinsam mit dem britischen Komponisten Sam Shepherd (Floating Points) mit achtzig Jahren aus sich schöpfte und mit ergreifend-zärtlichen Saxofonpassagen erleuchtet, zu einem der großen Spätwerke des populären Jazz zählen. Dabei entwickelt dieser leise, in sich gekehrte Klangstrom einen geradezu meditativen Sog. MV

Bester Song: „Movement 7“

12. Del Amitri: „Fatal Mistakes“

Justin Currie hat sich endlich wieder mit seiner Band zusammengetan, gemeinsam sind sie unwiderstehlich. Del Amitri liefern genau den richtigen, gleichzeitig entspannten und präzisen Background für Curries Geschichten über ein verlorenes Land und vergangene Liebe. Wie der Schotte es schafft, dass all der Fatalismus so schön klingt, bleibt sein Geheimnis. Auf jeden Fall weiß er, wovon es auch 2021 zu wenig gab: „Musicians And Beer“. BF

Bester Song: „Close Your Eyes And Think Of England“

11. Lana Del Rey: „Chemtrails Over The Country Club“

Melodramen aus einem Club, in dem Lana Del Rey das einzige Mitglied ist: Zu den ins Neblige wehenden Stücken von Jack Antonoff singt sie mit schmerzlich schöner Kopfstimme -ihre sehnsüchtige Lyrik, Nachhall der Obsession für die 50er-Jahre und Ausdruck ihrer romantischen Persona als singende Lana-Turner-Wiedergängerin. Glühende, intime Balladen im Dämmer des Tragischen. Der letzte Song dieses Albums ist Joni Mitchells „For Free“. AW

Bester Song: „Dark But Just A Game“

10. Arlo Parks: „Collapsed In Sunbeams“

Die neue Gen-Z-Klassensprecherin erzählt von erdrückender Stille („The air was fragrant and thick with our silence“), vom Zurschaustellen ihres Leidens („Wearing suffering like a silk garment“), von Robert Smith und Sylvia Plath und hinterfragt sexuelle Identitäten. Und Arlo Parks singt so betörend schön, vermengt so smooth-subtil Vintage-Soul, R&B, Folk und Jazz, dass selbst Schweres unerhört leicht klingt. GR

Bester Song: „Just Go“

9. Sophia Kennedy: „Monsters“

Live haut sie in die Klaviertasten wie keine andere. Auf ihrem zweiten Album perfektioniert die amerikanische Hanseatin mit großer Stimme ihren cinematischen Sound. Klug gesetzte Electro-Effekte wuschen über Arrangements. Manche Songs sind schlicht Modern Soul, „Cat On My -Tongue“ elegischer Indie-Pop. Sie kann Gruselthriller wie Revuefilm, meisterlich variiert sie Stimmungen zu einem atmosphärischen Verwirrspiel. RN

Bester Song: „Orange Tic Tac“

8. Flowerpornoes: „Morgenstimmung“

Es könnte in die Rockgeschichte eingehen als das unverkrampfteste Konzeptalbum ever. Die Idee: Lauter Leute (und ein Hund und der Mond), die mit dem Künstler, der sich selbst und seine Pappenheimer sehr gut kennt, abrechnen, also mit dem leibhaftigen Tom -Liwa. Aufgenommen in Neil-Young-Manier an nur einem Tag, ist „Morgenstimmung“ ein Fanal der Selbstbezichtigung, hingeknallt mit der Leichtigkeit des Augenblicks. MG

Bester Song: „Ich mag Kopfschmerzen“

7. Brandi Carlile: „In These Silent Days“

Es ist sicher kein Zufall, dass Blau die vorherrschende Farbe auf dem Cover dieses Albums ist. Denn „In These Silent Days“ ist ein melancholischer (Rück-)Blick auf eine romantische Beziehung, der Joni Mitchells „Blue“ von 1971 thematisch und in den ruhigeren Momenten auch musikalisch nahesteht. Carlile hat den Klassiker auch schon mehrmals öffentlich aufgeführt. Nun hat sie selbst einen aufgenommen. MB

Bester Song: „This Time Tomorrow“

6. Villagers: „Fever Dreams“

Dieser Conor O’Brien ist schon ein Fuchs: Er denkt sich faszinierende Melodien aus, reichert die mit ordentlich versponnenen Spielereien an und kriegt dann doch jedes Mal die Kurve, sodass es nicht zu abseitig wird, sondern zum Staunen schön. Im Kern ist Villagers immer noch Folkpop, die opulenten Sounds hören sich jetzt nur manchmal an, als hätte der Ire tolle Pilze gefunden. Ein surrealer Wachtraum voller Überraschungen. BF

Bester Song: „Momentarily“

5. The Weather Station: „Ignorance“

Die kanadische Songschreiberin Tamara Lindeman findet auf „Ignorance“ zu einer musikalischen Sprache, die klingt, als hätte Mark Hollis die Arrangements zu einer Everything-But-The-Girl-Platte ersonnen, die von Waronker/Titelman produziert wurde. Alles fließt und flottiert, sucht und sinniert in diesem zwischen Folk, Pop und Jazz changierenden Reigen. Schönere, kunstvollere Lieder hat im Jahr 2021 niemand geschrieben. MG

Bester Song: „Tried To Tell You“

4. Damon Albarn: „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“

Damon Albarn, der unberechenbarste Songwriter des Britpop, entpuppt sich in seinem Solowerk als großer Introvertierter. Nach dem entschleunigten „Everyday Robots“ und seinen komplexen Ausflügen in den gewieften Party-Bombast (Gorillaz) findet er mit dahinfließender Kammermusik und dem schönsten Gesang seiner Karriere zu einer ganz eigenen kontem­plativen Form, inspiriert von Landschafts­poemen des Dichters John Clare. MV

Bester Song: „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“

3. Little Simz: „Sometimes I Might Be Introvert“

Das Akronym des Albumtitels lautet „SIMBI“, so nennen ihre Freunde Simbiatu Ajikawo. Wir kennen sie als britische Rapperin Little Simz. Um die Spannung zwischen der privaten Person und dem Star geht es hier. Die hat auch eine gesellschaftliche Dimension, denn während Simz bewundert wird, begegnet Simbi noch immer dem alltäglichen Rassismus. Diese Positionen spielt sie auf diesem hochspannenden Album meisterhaft durch. MB

Bester Song: „Point And Kill“

2. St. Vincent: „Daddy’s Home“

Ich bau mir die musikalische Welt, wie sie mir grad gefällt, sagte sich einmal mehr Annie Clark und taucht tief und übers bloße Zitat hinaus in die 70er-Jahre ein. All der E‑Piano-Schmelz einer sanft auf-/untergehenden Sonne hindert sie aber weiterhin nicht daran, auch dahin zu gehen, wo’s schön wehtut. Weshalb die böse Psych-Ballade „The Laughing Man“ und der Mit-mir-nich!-Funker „Down“ um das beste Stück ringen – unter anderen. JF

Bester Song: „The Laughing Man“

 

1. Nick Cave & Warren Ellis: „Carnage“

Acht Songs, in denen insgesamt 22-mal das Wort „sky“ fällt und nur einmal das Wort „heaven“. Nick Cave blickt zum Himmel, befragt aber das „kingdom in the sky“, nicht das „kingdom in heaven“ – und erhält von oben auch keine Antwort. Hat er Gott nach dem Unfalltod seines 15-jährigen Sohnes den Rücken gekehrt? Ist seine Musik als Ausdruck des Zorns auf den unergründlichen Willen des Allmächtigen konzipiert? Das wäre zu einfach, und vereinfachende Deutungen erfuhren schon „Skeleton Tree“ (2016) und „Ghosteen“ (2019). Sie sind mehr als Anleitungen zur Trauerbewältigung und Zeugnis religiöser Zwiegespräche – sie beinhalten auch abstrakte Gedanken zur Hoffnung auf Wiedervereinigung nach dem Tod.

„Carnage“ hält die Klasse beider Vorgänger und ist Caves erstes Songalbum, in dem sein Partner Warren Ellis im Titel genannt wird – abgesehen von 18 gemeinsamen Soundtracks. Sie wissen, wie aus Harmonien Melodien entstehen, aus Melodien Geschichten, und aus Geschichten eine Reise, die mit der ersten Zeile beginnt und mit der letzten endet.

Neu ist der groteske Humor als Konter gegen die Absurdität, auf die dringlichste Frage im Leben: „Was kommt nach dem Tod?“ , keine Antwort zu erhalten. „I am a Botticelli Venus/ With a penis“, reimt Cave im Rassismus reflektierenden Epos „White Elephant“ und entlarvt sich als weißes männliches Unglück: „A protester kneels on the neck of a statue/ The statue says: I can’t -breathe“ – dichterisch die einzige Extrovertiertheit, die er sich leistet. Der Chor am Ende hat Ähnlichkeit mit dem christlich konnotierten „Rivers of Babylon“ von Boney M., aber dies dürfte nur ein Zufall sein.

Der Nick Cave des Jahres 2021 nennt sich „Balcony Man“. Der erhöhte Ort ist sein Rückzugsgebiet – ein eigenes „kingdom“ mit Blickrichtung „sky“. Von dort kann er nicht ins Geschehen eingreifen, er glaubt aber alles zu verstehen: „Reading Flannery O’Connor with a pencil and a plan.“

Wer vom Herzen als „open road“ singt, teilt tatsächlich mit, dass sich ihm echte Straßen nicht mehr erschließen. Nick Cave kennt diese Angst, der Balkon-Mann fragt Fred Astaire um Rat: „What am I to think on this balcony, Fred/ Where everything is amazing that stays in bed?“ Er springt nicht, er geht wieder rein. Alles, was aufregend ist, muss in den eigenen vier Wänden stattfinden. Das konnten 2021 alle nachempfinden. In zehn Jahren werden wir die Ära der (Selbst-)Isolation hoffentlich verdrängt haben.
Und über dieses Album staunen.
Sassan Niasseri

Bester Song: „White Elephant“