ROLLING STONE Weekender 2014: der Samstag mit Jeff Tweedy, Bob Mould, Gisbert zu Knyphausen


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Der Samstag

Mittagszeit, Talkrunden-Zeit! Wie jedes Jahr um 13.15 Uhr lud die ROLLING-STONE-Redaktion zum Gespräch ins Rondell, um über den Weekender, die Alben des Jahres, 20 Jahre ROLLING STONE und die Website zu sprechen. Moderiert von Autor und Musiker Eric Pfeil, stellten sich Sebastian Zabel, Maik Brüggemeyer, Birgit Fuß, Sassan Niasseri und Arne Willander den Fragen. „Wie viel Rock and Roll steckte in den Anfangstagen des Stone 1994?“, wollte Pfeil wissen.

Willander, Redakteur der ersten Stunde, berichtete von den Herausforderungen, eine Weltmarke auf dem deutschen Markt zu etablieren –„und dazu noch BAP zu berücksichtigen“, Wolfgang Niedeckens Band, die der damalige Chefredakteur auch gerne im Heft haben wollte. Auf seine persönliche Lieblingserfahrung der vergangenen 20 Jahre angesprochen, verwies Maik Brüggemeyer auf ein Zufallstreffen mit einem „Toningenieur“ in den Abbey Road Studios, der sich dann als Paul McCartney entpuppte. Birgit Fuß verteidigte U2 und ihr Album „Songs Of Innocence“, Sassan Niasseri lobte das entspannte Solodebüt Damon Allbarns, „Everyday Robots“ – und Chefredakteur Sebastian Zabel erklärte, wie es ist, bei der „Spex“ seine journalistische Karriere zu starten und zwei Jahrzehnte später für Deutschlands größtes Musikmagazin zu arbeiten.

Und, gerichtet an den Herrn im Publikum, der sich Wein-Ausschank auf dem Weekender wünscht: Wir werden das Thema ansprechen für 2015!

Die Konzerte:

Augustines

Die Augustines sehen sich am Samstagabend beim ROLLING STONE Weekender am Weißenhäuser Strand mit einem eklatanten Technikproblem konfrontiert, das ihnen das Rückgrat der Band, ihre lauten Gitarren, nimmt. Nach einem gelungenen Start herrscht plötzlich Ruhe auf der Zeltbühne, ein technischer Defekt, der sich so leicht nicht lokalisieren lässt, legt die Band kurzzeitig lahm. Der Notfallplan tritt in Kraft, um das von den ersten Songs bereits aufgepeitschte Publikum bei der Stange zu halten. Den Augustines  hilft hier, dass sie wahre Akustikshow-Aficionados sind und Gitarrist Billy McCarthy von Haus aus ein Stimmorgan besitzt, das selbst große Festivalzelte unverstärkt beschallen kann.

Und dann gibt es doch noch ein Happy End: Techniker Alex reckt den Daumen nach oben, eine verstärkte Gitarre erklingt. Der Band ist die Erleichterung anzumerken, denn wie sie nun über die Bühne springen, tanzen und grölen, das ist pure Euphorie. Was Musik so alles kann.

Gisbert zu Knyphausen

Im Baltic Saal wird es emotional: Gisbert zu Knyphausen ist zu Gast und hat die Kid Kopphausen Band dabei. Die kleine Bühne ist gut gefüllt und doch fehlt einer: Es ist Nils Koppruch, der 2012 überraschend verstarb. Der andere Teil von Kid Kopphausen führt nun weiter, was damals hohe Wellen in der deutschen Singer/Songwriter-Szene schlug. Mit „Nils, es ist schön, dich gekannt zu haben.“, geht ein Gruß an den Kumpel raus dabei lächeln sich die Jungs auf der Bühne zu.

Gisbert zu Knyphausen spielt für das aufmerksame Publikum beim ROLLING STONE Weekender sowohl eigene Songs wie „Mörderballade“, aber auch von Koppruch geschriebene Stücke („Zieh dein Hemd aus Moses“). Für „Das Leichteste der Welt“, dem Song, in dem es über das Wiederaufrappeln nach dem großen Sturm geht, bekommt Knyphausen gesangliche Unterstützung aus dem Publikum. Ohnehin meint man, dass seine Zuschauer diesmal besonders nah herangerückt sind, um kein Wort des Musikers, keinen Ton der Band zu verpassen. Denn auch wenn Nils nicht mehr dabei sein kann, auch Gisbert hat noch eine Menge zu erzählen. Gut aufeinander eingespielt kreiert die Band einen intimen Moment inmitten des Festivaltrubels, der den Gästen lange im Gedächtnis bleiben wird.

Tweedy

Um 20.45 Uhr entert Jeff Tweedy mit seinem Sohn Spencer an den Drums und Band die Bühne des Baltic Saals, um die durchweg gelungenen Songs seines Familienprojekts Tweedy zu präsentieren. Die neue Platte „Sukirae“ – benannt nach dem Spitznamen der Ehefrau Tweedys – liefert den Spannungsbogen: Brüchig und stürmisch gerät der Einstieg mit „Please Don’t Let Me Be So Understood“; „Summer Noon“ (zu hören auch auf dem Soundtrack von „Boyhood“) schimmert live noch ein wenig mehr; „Low Key“ ist nicht weniger als einer der besten Pop-Songs, die der Sänger je geschrieben hat und bezaubert das zunächst noch etwas skeptische Publikum. Schließlich aber beweist Tweedy mit der ätherischen, einfühlsamen Nummer „Nobody Dies Anymore“, das er mit den großen Themen des Lebens wie kein anderer subtil und offenherzig umzugehen weiß. Nach etwas mehr als einer Stunde schmeißt der gut gelaunte Sänger seine Band aus dem Raum, um berückende Solo-Fassungen von Wilco-Klassikern wie „I Am Trying To Break Your Heart“, „Hummingbird“ und „Spiders (Kidsmoke) anzustimmen. Natürlich geraten diese Songs zu den Höhepunkten des Abends, weil sie eindrücklich beweisen, dass sich hinter den komplexen Arrangements seiner Band ehrliche, zartfühlende Folk-Lieder verbergen. Deutsche Anhänger der Chicagoer Band werden so schnell nicht mehr in den Genuss kommen, Wilco-Songs auf derart intime Weise hören zu können. Schließlich tritt der 47-Jährige eigentlich nur in den USA ohne Begleitung seiner kongenialen musikalischen Kompagnons auf. Der Applaus fällt entsprechend laut aus. Ein Grund für Vater und Sohn, sich vor aller Augen herzlich zu umarmen.

Bob Mould

Mit viel Krach und einmalig eingängigem Grunge-Punk-Pop beendete Bob Mould das Weekender-Programm im Baltic Saal. Mit 54, Brille, Halbglatze und ein paar spärlichen grauen Haaren auf dem Kopf, wirkt Mould zwar nicht wie ein typischer Rockstar, doch was sich auf seinen letzten beiden, erstaunlich reflektierenden und altersweisen (und doch nicht leisen) Soloplatten „Beauty And Ruin“ und „Silver Age“ bereits andeutete, stellt der Songwriter live eindrucksvoll unter Beweis – er kann noch rocken. Und wie! In einem kraftvollen, gut 75 Minuten langen Set, powerte sich das Hüsker-Dü-Mastermind mit seinen zwei Mitmusikern durch ein wildes Programm mit aktuellen Titeln und erstaunlich vielen Songs seiner alten Bands.

Bereits der Opener „Flip Your Wig“ stammte aus dem ebenso fantastischen wie bahnbrechenden Oeuvre der legendären Hüsker Dü, die so unterschiedliche Künstler wie R.E.M. oder Nirvana maßgeblich beeinflussten. In klassischer, minimaler Punkbesetzung – Bass, Schlagzeug, Gitarre, inklusive gelegentlichen Ausflügen in den zweistimmigen Gesang – gelang es den drei Musikern, einen äußerst variablen Sound zu kreieren, der auf dem Festival nicht nur in puncto Lautstärke seinesgleichen suchte. Ebenfalls äußerst positiv fiel auf, dass sich Moulds neuere Kompositionen perfekt ins Set integrierten. „Tomorrow Morning“, „The War“ oder „Hey Mr. Grey“ (in dem sich Mould selbstironisch auf die Schippe nimmt) überzeugten genau so wie die ‚Hits’ von Sugar, die frenetisch gefeiert wurden: „If I Can’t Change Your Mind“ natürlich und „Helpless“. Nachdem ein völlig durchgeschwitzter Mould für eine Zugabe auf die Bühne zurückkam und eine wilde Version von „Makes No Sense At All“ darbot, stand im Baltic Saal wirklich keiner mehr still.

Editors

Die Editors aus Stafford beschließen um 23:30 Uhr in der Zeltbühne das  Programm auf dem Weekender mit einer Performance, die es so schnell nicht wieder geben wird. Weil Gitarrist Justin Lockey erkrankt ist, stand der Auftritt der Band auf der Kippe. Allerdings wäre es insgesamt der letzte Gig auf ihrer Tour zum neuen und inzwischen vierten Album („The Weight Of Your Love“) gewesen – und deswegen schloss man sich spontan noch in London in einen Proberaum ein, um eine Akustik-Show zu planen. Auch für die Editors ist das Neuland, da die Band sonst mit ihren sphärischen Elektrogitarren-Klängen glänzt. Und so sitzt Sänger Tom Smith nur mit der Klampfe in der Hand auf einem Stuhl und fleht das Publikum lächelnd an, doch bitte gnädig zu sein mit der ungewöhnlichen Sound-Premiere. Ein wenig unwohl scheinen sich die Jungs zunächst noch zu fühlen, mehrmals werden die Techniker lautstark gebeten, den Klang auf die Bedürfnisse der Band anzupassen. Doch Songs wie „Munich“, „A Ton of Love“ oder „Smokers Outside The Hospital“ geraten auch in der Akustik-Fassung anmutig, wenngleich nicht ganz so druckvoll wie von den Editors gewohnt. Als Bonus für die Fans gibt es zum ersten Mal auf Tour den Track „Forgiveness“ zu hören. Dabei verirrt sich Smith in einer falschen Songzeile, schüttelt den Kopf und blickt aufrührerisch ins Publikum: „Hey, das ist aber schließlich auch ein neuer Song!“ Eine ergreifende Cover-Version des Bruce-Springsteen-Klassikers „Dancing The Dark“ bietet einen weiteren Höhepunkt. Ein wenig erleichtert und glücklich den schwierigen Umständen eine durchaus anmutige, intime Show abgetrotzt zu haben, schicken die Editors ihr Publikum in die für den Spätherbst fast noch milde Novembernacht und bedanken sich für den anhaltenden Applaus. Das Festivalwochenende am Weißenhäuser Strand hätte nicht stimmungsvoller enden können.

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