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Roskilde: Drei Fragen an Pressesprecherin Christina Bilde


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Schon seit Jahren ist der ROLLING STONE immer wieder gerne auf dem dänischen Roskilde Festival zugegen. So auch in diesem Jahr, was bei Headlinern wie Bon Iver, Bruce Springsteen und The Cure nicht verwundern dürfte. Dennoch ist das Roskilde nicht unbedingt nur ein Festival, das man aufgrund der dort spielenden Bands besucht. Die lange Tradition (das erste Roskilde fand 1971 statt), die engagierte Ausrichtung (Einnahmen werden fast komplett gespendet), die entspannte Stimmung vor Ort (die aus dem Engagement zahlreicher Volunteers resultiert) und das schöne Festivalgelände ergeben eines dieser Festivals, für das viele ihr Ticket schon kaufen, noch bevor der erste Act bekannt gegeben wird. Dieser Trailer zeigt die Stimmung vor Ort sehr schön:

Seit Samstag ist das Roskilde Festival in Berlin im RAW-Tempel in der Revaler Straße zu Gast. Berlin ist eine Station auf dem sogenannten Road Trip, mit dem die Roskilde-Macher zwar auch das Interesse an ihrem Festival wecken wollen, in erster Linie aber die Leute auffordern, ihre eigenen Ideen und Visionen einzubringen. Die Einweihungsparty findet dort heute ab 19 Uhr statt, die Workshops begannen bereits am Samstag.

Wir sprachen mit Roskilde Pressesprecherin Christina Bilde über den Road Trip, den Reiz des Roskilde und den tragischen Suizid einer deutschen Festivalbesucherin im letzten Jahr.

Was verbirgt sich hinter dem Road Trip und dem Motto: „Kannst du ein Festival gestalten?“
Der Road Trip ist zum einen ein Showcase-Abend mit Bands, die auch auf unserem Festival spielen werden, und zum anderen der Versuch, den Ablauf des Roskilde zu spiegeln. Auch auf dem Festival gibt es ja eine „Warm up“-Phase, bevor die eigentliche Musik beginnt. Für viele Gäste ist gerade diese Zeit ein Highlight. Man feiert auf den Campingplatzen, und man kann sich dort kreativ entfalten. Die Leute bauen ihre Camps, haben ihre Mottos, aber sie tun es nicht so wie auf anderen Festivals, wo viele ihre Burg bauen und für sich sein wollen. Nein, bei uns laden sie andere ein teilzunehmen, hereinzukommen. Auf dem Road Trip wollen wir das nun zusammenbringen: Wir möchten die aufstrebende Musikszene unseres Landes zeigen und wir möchten die Gäste einladen, ihre Ideen, ihre Kreativität in Berlin einzubringen. Die ersten Tage geht es – wie beim Warm up – um das kreative Entfalten. Und danach steht die Musik auf dem Programm. So ist es auf dem Roskilde ebenso: Man kann natürlich auch lediglich die Musik und die kulturellen Angebote schauen, aber man ist nicht bloß Publikum, man hat immer auch die Möglichkeit selbst mitzugestalten. So holt man das meiste aus dem Festival – wenn man denn will. Aber wir haben großes Glück mit unserem Publikum: Es will genau das. Es macht mit. Die offene, tolerante Atmosphäre beweist das. Aus diesem Grunde haben wir auch ein neues Festivalareal erschlossen. Wir nennen es „Dream City“. Dieses Areal wird schon früher geöffnet sein, so dass die Leute dort auch größere Kunstwerke oder dergleichen bauen können. Oder Blumen pflanzen wollen. Inspiriert ist das vom Burning Man Festival. Der Road Trip soll erste Ideen dazu sammeln und zusammenbringen.

Mein liebster Platz auf dem Roskilde ist das Ende der großen Wiese vor der Hauptbühne. Wenn man da oben steht und auf das Publikum und die Hauptbühne herabblickt, kommt man sich vor wie auf einem Feldherrenhügel. Was ist Ihr liebster Platz auf dem Festival?
Eine schwierige Frage. Für mich lebt das Festival mehr von seiner gesamten Atmosphäre. Ich nehme es nicht wirklich in „Lieblingsplätzen“ wahr, ich mag es umherzustreifen, und ich mag es vor allem, wenn es dunkel ist, und man wirklich nirgendwo das Gefühl hat, man müsste vor irgendwas Angst haben. Aber ich glaube, was mich immer wieder am meisten begeistert, ist der Weg, den man geht, wenn man vom Check In die Straße zum Festivalgelände läuft, über die Autobahnbrücke geht und dann rechts die Rückseite der Orange Stage sieht. Spätestens da hört man diese wundervollen Festivalgeräusche, dieses Summen und Dröhnen in der Luft. Das ist jedesmal ein besonderes Gefühl.

Im vergangenen Jahr konnte man wieder einmal beobachten, wie die Berichterstattung in Deutschland bei den großen Nachrichtenportalen funktioniert. Kaum einer schrieb über das friedliche Roskilde Festival oder die Tatsache, dass ein beachtlicher Betrag für wohltätige Zwecke erwirtschaftet wurde – stattdessen berichteten alle über den tragischen Selbstmord einer Deutschen, die von einem Turm sprang. Hat Sie das getroffen?
Das war natürlich eine tragische Geschichte, die uns sehr schockiert hat. Eine junge Frau hat sich entschlossen, ihr Leben zu beenden. Allerdings muss man dazu sagen, dass das leider überall hätte passieren können. Man kann sein Festival noch so sicher machen: Wer sich das Leben nehmen will, der findet einen Weg. Wir haben uns aber nicht über die Berichterstattung geärgert. Für uns war es viel wichtiger zu helfen. Wir haben sehr viel Sozialarbeiter auf dem Gelände im Einsatz. Die haben sich um alle gekümmert, die diesen tragischen Vorfall miterlebt oder gesehen haben. Und wir haben mit allen Mitteln versucht, die Personalien der Verstorbenen herauszufinden. Das war ja auch nicht so leicht.

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