Satiriker mit bohrenden Fragen: Filmemacher Michael Moore wird 60

Den politischen Filmemacher Michael Moore eint mit seinem Kollegen Sacha Baron Cohen ein trauriges Schicksal. Um beide ist es zwangsweise ruhiger geworden, weil sie selten noch verdeckt arbeiten können. Jeder weiß, wie sie aussehen, und was sie machen – selbst, wenn Cohen verkleidet auftritt, etwa in seinen Rollen als Borat oder Brüno. Als investigative Satiriker hatten sie zuvor die Irren unserer Gesellschaft bloßgestellt: Rassisten, Waffen-Fetischisten, Homophobe und korrupte Politiker. Nur kommen sie heutzutage kaum noch an diese Leute ran, ihre Interview-Anfragen sind zunehmend ins Leere verlaufen. Moores letztes Kinowerk war das nicht mehr ganz so beachtete Finanzkrisen-Schau „Capitalism: A Love Story“ (2009), und Sacha Baron Cohen spielt mittlerweile in nicht von ihm dirigierten Hollywood-Produktionen mit, zuletzt im Musical „Les Misérables“.

Anfang der 2000er-Jahre befand sich Michael Moore, der heute 60 wird, auf dem Höhepunkt seiner Popularität – und seines Schaffens. Für seine Dokumentation „Bowling For Columbine“ (2002), die das Schulmassaker an der Columbine High School und die US-Waffengesetzte thematisierte, erhielt er einen Oscar; seinen darauf folgender Film „Fahrenheit/911“ (2004) ist mit einem Einspielergebnis von mehr als 220 Millionen Dollar noch immer die erfolgreichste Doku aller Zeiten.

Im ROLLING-STONE-Porträt blicken wir auf die Ereignisse der Jahre 2002/2003 zurück:

Aus ROLLING STONE 10/2009

von Jürgen Ziemer

Er sieht aus wie ein dicklicher Bernhardiner, der gerne gelobt werden möchte. Einer, der die Spur des Stöckchens aufnimmt, sie unnachgiebig verfolgt, um dann das Tätscheln und Kraulen zu genießen, wenn er alles richtig gemacht und abgeliefert hat. Und so „geil abgeliefert“, um es mal mit den Worten von Heinz Strunk zu sagen, wie 2002 hat Michael Moore vermutlich selten.

In „Bowling For Columbine“ untersuchte der meist gutgelaunte Dokumentarfilmer den Amoklauf von zwei Schülern der amerikanischen Columbine High School, dem 12 Mitschüler, ein Lehrer und die beiden Täter zum Opfer fielen. Seinem satirischen Konzept folgend, das ihn seit der General Motors Provokation „Roger & Me“ Jahr für Jahr ein wenig berühmter werden ließ, stellt Michael Moore Fragen, die kaum einer seiner Gesprächspartner erwartet. Der Präsident der amerikanischen National Rifle Association und ehemalige „Ben Hur“-Darsteller Charlton Heston wurde vom dicken Frechdachs jedenfalls als mitleidloser Waffennarr vorgeführt. Der Make-up-Rocker Marilyn Manson andererseits gilt seit „Bowling For Columbine“ als nachdenklicher Intellektueller, der (wer hätte es anders erwartet) gerade die schwierigen Kids versteht. In einem von Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ unterlegten Teil des Films werden die übelsten militärischen und geheimdienstlichen Aktionen der USA aufgezählt: Vom 1953 gestürzten iranischen Premierminister bis zu einer Finanzhilfe von 245 Millionen Dollar an das längst von den Taliban beherrschte Afghanistan im Jahr 2001. Trotz harscher Kritik an seinem polemischen Stil und dem Hang zu Inszenierungen erhielt Michael Moore im folgenden Jahr völlig zu Recht den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Und wusste auch diese Steilvorlage zu nutzen, mit seiner inzwischen legendären „Shame on you, Mr. Bush!“-Rede. Gut, Moore ist übermotiviert und schießt gerne mal übers Ziel hinaus, aber gerade in der bleiernen Zeit nach 9/11 war er einer der wenigen, die mehr wissen wollten, als die Bush-Regierung bereit war zuzugeben. Amokläufe von Schülern – wie der von Robert Steinhäuser in Erfurt – waren in diesem Jahr in Deutschland überhaupt ein großes Thema. Schuld waren hierzulande im Zweifelsfall allerdings immer Gewaltvideos und Computerspiele.

Fast noch mehr als der rundliche Volkstribun Michael Moore hat uns 2002 die Einführung des Euros beschäftigt. Einer der meistbenutzten Sätze des Jahres war folgender: „Das ist ja eine Unverschämtheit, das muss man sich mal vorstellen, das sind ja … Mark!“ Die Währung des Wirtschaftswunders hatte uns verlassen, und hinter jedem Preisschild und auf jeder Speisekarte witterten wir heimtückische Preiserhöhungen. Und so war es meistens ja auch, oder? Im Sommerurlaub freute man sich trotzdem darüber, dass man nun weder umtauschen noch umrechnen musste – zumindest in den 19 Staaten, die den Euro eingeführt hatten. Aber eigentlich war 2002 ja das“.Internationale Jahr des Ökotourismus“, wir grübeln heute noch, was damit eigentlich gemeint war. Zu Hause bleiben? Fahrradtouren machen? Auf internationalen Rockfestivals den Müll wegräumen?Nein, da war uns der Pilz des Jahres wesentlich sympathischer: Orangefuchsiger Raukopf, das klingt ja nun wirklich herzallerliebst.

Und wo wir gerade bei Dingen sind, die einem wirklich nahe gegangen sind, die einen regelrecht berührt haben: Gerhard Schröders selbstloser Einsatz beim Jahrhunderthochwasser an der Elbe. Zur Motivation der Helfer hatte der Kanzler extra seinen Wahlkampf unterbrochen. Das deutsche Volk dankte es ihm später, mit einer knappen Wiederwahl der rot-grünen Koalition.

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