Skunk Anansie: Exklusives Akustik-Konzert zum Album „Black Traffic“

Ein wenig befremdlich war dieses Bild ja tatsächlich: Innerhalb von in süßestem Pink ausgeleuchteten Betonwänden fand man sich umringt von schnieken, Frack tragenden Kellnern und Security-Männern. (Nichts für ungut, sie waren wirklich super nett). Da stand man dann direkt neben einem Konzertflügel, dem ganz allein auf dieser Welt das Wort Retrochic zu gebühren schien und der als Crème de la Crème des Kitschs mit einer schier endlosen Reihe weißer, vor sich hinschmelzender Kerzen übersäht war. Schnell hätte man in diesem märchenhaften Glitzerambiente, das nach Limonengras duftete, vergessen können, warum man eigentlich hier war: Um sich exklusiv und live noch vor der Weltpremiere das neue Album von Skunk Anansie anzuhören. Ihrerseits Krawall-Band wider willen.

Sie wissen schon, metallastiger Gitarrensound, kreischend-schrille Frontfrau, die sich wie kaum eine andere über politische Ungerechtigkeiten dieser Welt in Rage singen kann, ein Bassist, der jeden Moment über seine Dreadlocks zu fallen droht. Eben diese Band, die sich sicher niemals, niemals den Mund verbieten lassen oder einen Gang herunter schalten würde.

Na ja, bis auf gestern vielleicht. Da mussten Sie für die Präsentation ihres fünften Albums „Black Traffic“, das heute in die Läden kommt, gleich mindestens drei zurückschalten: Das Set war akustisch. Sonst hätte man andere Hotelgäste gestört. Dieses exklusive Schmankerl des 90er Flashback fand nämlich im Musikerhotel nHow statt, das gerade schwer angesagt ist.

Das erklärt vielleicht auch, warum man sich, bevor das eigentliche Konzert losging, zunächst den neuen Longplayer digital verinnerlichen sollte. Via Macbook. Von Anfang bis Ende. Wirklich. So war die Exklusiv-Premiere irgendwie doch gar nicht so exklusiv. Das Bild gebannt lauschender Gäste hätte anders ausgesehen. Die Zuhörer, eine bunte Mischung aus versprengten, teilweise in die Jahre gekommenen Punkern, Medienleuten, Normalos und der heutzutage nötigen Quote Hipstern, beschäftigte sich lieber mit etwas anderem. Mit der „A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-boo“-Ausstellung zum Beispiel, die derzeit in den selben Räumlichkeiten wohnhaft ist (und die von uns präsentiert wird).

Nippte man gerade noch unbehelligt an seinem Drink und versuchte sich auf die elf neuen Tracks zu konzentrieren, versammelte sich auf einmal alles um die kleine Bühne. Diese fand sich neben besagtem Klavier aufgebaut. Skin, Ace, Cass und Mark hatten die Bühne betreten. Andächtige Stille trat ein. „Helden“ der 90er stört man auch nicht. Außer man ist eine etwas nervöse Moderatorin, die die Band eben noch zum neuen Album ausfragen will. Aber Deborah Anne Dyer kann mit so etwas immer noch umgehen, trotz offensichtlicher Aufgeregtheit. Ganz souverän geht eine Skin damit um, dass die blonde Ansagerin, die nach eigener Aussage daher kam wie eine Walküre oder eben Barbara Schöneberger, fragt, welchem jungen Mann der Opener ihres Neuen Albums „I Will Break You“ geschuldet ist und was der Typ verbrochen hätte. „Na ja, SIE hat alles richtig gemacht.“

Das Publikum fand es lustig; Skin auch und dann ist endlich mal genug des Small Talks und der erste der sechs ausgewählten Songs klingt an, mit Akustikgitarre. Vertraute Gefilde sind die Devise: „Because Of You“, ist der Opener, der sich bereits auf dem Greatest Hits Album „Smashes And Trashes“ fand.

Skin wirkt dennoch noch ein wenig orientierungslos bei dem ersten und einzigen Akustikset, dass die Band jemals spielte. Ruhelos tigerte sie zu Beginn noch hin und her, fand sich nicht so recht ein in diese ruhige Nummer, die da von ihr verlangt wurde. Aber seien wir mal ehrlich: Skunk Anansie ihren scheppernden, rockigen Sound zu verbieten, ist fast so absurd wie  The xx zu sagen, sie sollen doch mal bitte ein bisschen mehr aufdrehen. Die schrille Frontfrau fand sich damit auch nicht ab. Beim zweiten Song „Diving Down“ entschied sie sich dafür, das zu tun, was sie am besten kann: Rocken, ganze Lebensgeschichten mit ihrer geradezu lächerlich vielschichtigen Stimme erzählen, springen, mit den Menschen flirten. Bei dem Song „I Believed In You“ lehnt sie sich süffisant an den Mikroständer und haucht gekonnt das innerste aus ihrer Seele in die Menge. Und diese war begeistert. In den Augen der Leute spiegelten sich die Erinnerungen wieder, die sie mit der Band verbanden, die ab 2001 für acht Jahre von der Bildfläche verschwunden war. Nach jedem der Songs tosender Applaus. Exponentiell steigend je mehr sich Skin den Staub von den Stimmbändern sang. „Gott, du kannst es ja noch nicht einmal bei einem Akustik-Set lassen, zu rocken,“ fasst das Martin Ivar Kent aka Ace, personifizierte Coolness an der Gitarre, zusammen. Als eher melancholisch empfindet das wohl die Sängerin nach eigener Auffassung. Recht hat sie. Denn leider funktioniert Skunk Anansie nicht so ganz ohne Amps und einer vor der Bühne pogenden Menschenmenge. Dann sind die sechs Songs auch schon durch, vier davon waren neu. Die Menschen aber noch nicht. Sie schreien solange Zugabe, bis die Band noch einmal auf die Bühne kommt. Und da ist der Song, auf den doch einfach jeder gewartet hat: „Hedonism (Just Because You Feel Good)“, Lieblingssong des zweiten Albums „Stoosh“ von 1996.

Da fügt sich dann das Bild: Es ist eine Band, deren Sound nicht so richtig angekommen ist in dieser Zeit. Die Bilder diverser Musikergrößen im Raum nicken zustimmend. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Skunk Anansie leben in der Vergangenheit und nehmen den Hörer mit dahin zurück. Schön war das damals, besinnt man sich nostalgisch und geht mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause, wo die elektronisch-lastigen Alben ruhig noch ein bisschen warten können.


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