So reagiert die ukrainische Popkultur auf Putins Krieg


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Zwischen Kyiv und der kalifornischen Stadt Santa Barbara liegen 10.100 Kilometer Luftlinie. Die russische Invasion der Ukraine, die seit dem 24. Februar 2022 wütet, ist weit weg von dem Strandstädtchen, in dem ich ein Auslandsjahr verbringe und für das hiesige Uni-Radio eine Show über osteuropäische Musik produziere. Die Sendung heißt МУЗЫКА (ausgesprochen MUSIKA, was Musik auf russisch bedeutet) und basiert lose auf einer Playlist zu osteuropäischem Post-Punk, die ich vor knapp einem Jahr für den ROLLING STONE zusammengestellt habe.

Musik aus Osteuropa gehört aber schon viel länger zu meiner Identität: Ich bin in Russland geboren und in Deutschland aufgewachsen, und während meiner Kindheit lief im Auto meiner Eltern sowjetische Rockmusik in Dauerschleife. Teile meiner Familie leben immer noch Moskau. МУЗЫКА hat den Anspruch, ein Stück Osteuropa – insbesondere Russland, Ukraine und Belarus – an die Westküste zu bringen. Bis Ende Februar gab es unter anderem Sendungen über Protestmusik in Belarus, den revolutionären Charakter sowjetischer Rockmusik und osteuropäischen Hiphop.

Invasion als Zensur

Am Nachmittag des 23. Februars 2022 kalifornischer Zeit sitze ich also apathisch auf dem Sofa meiner WG in Kalifornien und warte auf Krieg. Seit Monaten warnen westliche Geheimdienste vor einer Eskalation, bis Mitte Februar halte ich einen Krieg trotzdem für unwahrscheinlich. Doch binnen einer Woche ändert sich meine Wahrnehmung, wie auch die Prognosen der Analysen, Berichte, und Experten-Tweets, die ich obsessiv lese. Dann eröffnet der russische Präsident im Staatsfernsehen die Invasion, und zehn Minuten später fliegen Bomben auf ukrainische Städte. Es ist ein Donnerstag, ich werde in den nächsten Tagen kaum bis schlecht schlafen, und bis Sonntag habe ich eine Sendung über osteuropäische Musik zu produzieren.

Der Krieg ist eine Zäsur auf unendlich vielen Ebenen – und natürlich auch für МУЗЫКА: Die Invasion zu ignorieren und einfach weiterzumachen, kommt nicht infrage, aber wie umgehen mit all den neuen Auswirkungen und Dynamiken zwischen den osteuropäischen Ländern, die zentral für die Radiosendung sind – etwa mit Musik von russischen Künstler*innen, die die Invasion möglicherweise unterstützen? Zugleich wurde der Krieg nach einer Woche voller Solidaritätskundgebungen in Santa Barbara recht schnell zu einem realitätsfernen Ereignis, von dem eine Stadt mit minimaler osteuropäischer Diaspora (es reicht nicht einmal für einen osteuropäischen Supermarkt, aber immerhin für einige solidarische ukrainische Flaggen) nicht wirklich betroffen ist – schließlich kommen hier keine ukrainischen Geflüchteten am Bahnhof an.

Solidarität mit der Urkaine

Deshalb gibt es bei МУЗЫКА seit Beginn der Invasion monatliche Solidaritätssendungen für die Ukraine, wo ausschließlich Musik von ukrainischen Künstler*innen, hauptsächlich in ukrainischer Sprache, gespielt wird. Weil viele Menschen in der Ukraine seit Kriegsbeginn bewusst aufgehört haben, russisch zu sprechen, liegt der Fokus auf ukrainischer Sprache und Kultur. Außerdem beinhaltet die Sendung grobe Überblicke und Erklärungen zum Krieg – beispielweise warum der Konflikt nicht neu ist, sondern bereits seit 2014 andauert, wie Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Land verteidigen, was ein Informationskrieg ist, wie die russische Gesellschaft auf die Invasion reagiert. So sollen die Solidaritätssendungen den Krieg für eine Community, die vom Konflikt nicht direkt betroffen ist, sichtbarer machen, gleichzeitig aber auch zeigen, dass sowohl die Ukraine als auch Russland und Belarus viel mehr als dieser Krieg sind.

Die Vielfältigkeit der ukrainischen Musikszene lässt sich in einer einzelnen Radiosendung (oder einem Text) nicht zusammenfassen, einige der für mich aufregendsten Künstler*innen aus der Ukraine sollen an dieser Stelle aber hervorgehoben werden. Die Rapperin Alyona Alyona ist zurzeit dabei, international eine der bekanntesten ukrainischen Musiker*innen zu werden – auf ihrem Album „Galas“ versammelt sie eine hochkarätige Auswahl an internationalen Features, unter ihnen der deutschsprachige Rapper Olexesh. In der ukrainischen Provinz aufgewachsen und als Erzieherin ausgebildet, rappt Alyona Alyona, gebürtig Alyona Savranenko, präzise über Themen abseits des herkömmlichen HipHop-Materialismus, etwa über das Leben auf dem Land sowie Body Positivity. Seit Beginn der Invasion hat die Künstlerin nicht nur neue Musik produziert, die spezifisch den Krieg thematisiert, sondern auch als Freiwillige in einer Kyiver Apotheke geholfen.

Das Dream-Pop-Duo Tember Blanche spielt normalerweise sachte melancholische Liebeslieder mit sanfter Gitarrenmusik. Seit der Invasion hat das Duo zwei Lieder veröffentlicht, in denen die harmonischen Melodien weiterhin zentral sind, aber die Texte sind vom Krieg inspiriert: Der Song „Ненароженим“, übersetzt etwa „Ungeboren“, ist verstorbenen Kindern aus Mariupol gewidmet.

Desweiteren gibt es allerlei bemerkenswerte Bands, die Teil des osteuropäischen Post-Punk-Revivals der vergangenen Jahre sind, wie etwa SMURNO, oder The Last Passenger. Besonders einzigartig sind zudem Projekte, die ukrainische Folkmusik mit zeitgenössischer Musik verbinden, wie etwa die Rapperin Alina Pash, oder das Kalush Orchestra, die Musikinstrumente aus der ukrainischen Folklore nutzen und mit HipHop-Melodien sowie Texten zu ukrainischer Identität kombinieren.

Popkultur und Krieg

Natürlich ist die ukrainische Popkultur auch vom Krieg betroffen. Das spiegelt sich in etwa darin, wie ukrainische (und auch russische) Künstlerinnen und Künstler auf den Konflikt reagieren. Die Popsängerin Khrystina Soloviy hat etwa ein ukrainisches Cover des Partisanenliedes „Bella Ciao“ namens „Українська лють“ veröffentlicht, was so viel wie „ukrainische Wut“ bedeutet. Im Lied lobt sie die Stärke der ukrainischen Armee und glaubt an eine Welt ohne russische Aggression. Die Punk-Band Бетон (ukrainisch für Beton) hat das Lied „Kyiv Calling“, einer Neuinterpretation des legendären Clash-Songs, herausgebracht. Dass ukrainische Bands Lieder über den Krieg veröffentlichen, ist aber nicht neu – wie auch der russisch-ukrainische Konflikt schon vor Februar 2022 begonnen hat (sondern 2014, mit dem Euromaidan und der Annexion der Krim). Die Sängerin Стасик etwa, die nach dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine im Jahr 2014 in der ukrainischen Armee im Donbass gedient hat, verarbeitet diese Erfahrung in ihrer Musik, in der sie auch ukrainische Identität betont.

Über die Musik hinaus haben sowohl russische als auch ukrainische Künstler*innen ihre Internet-Präsenz mit solidarischen ukrainischen Flaggen ausgestattet. Auf YouTube haben viele die Bildansicht ihrer Musikvideos mit Nachrichten an Menschen in Russland bestückt, die auf die Realität des Krieges aufmerksam machen – mit Mitteilungen wie „You are killing us“/ „Ihr tötet uns“. Da Menschen in Russland inzwischen kaum die Möglichkeit haben, sich über die Invasion zu informieren (der russische Staat hat alle unabhängigen Medien, jegliche Opposition sowie die Nutzung des Begriffs „Krieg“ im Zusammenhang mit der Invasion verboten sowie den Internetzugang im Land stark eingeschränkt), ist das ein kleiner Versuch, über andere Wege Information jenseits der russischen Propaganda zu verbreiten.

Mit Musik und Radiosendungen in Kalifornien lässt sich kein Krieg gewinnen oder verlieren – aber immerhin kann Musik an den Krieg erinnern, der für viele inzwischen Alltag geworden ist, und Solidarität erzeugen. Deshalb wird es, solange es МУЗЫКА und diesen Krieg gibt, weiter Solidaritätsshows geben.