So war das Konzert von Prag in Berlin: Alle lieben Nora (außer Caro)


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Spät abends, als alles längst vorbei war, kam Nora Tschirner noch in die Kneipe. Einfach so, ohne hysterischen Auftritt und große Entourage. Sie hatte ihre Bühnenkluft, eine dunkelblaue Matrosenbluse, anbehalten und quatschte in einer Ecke der Bar mit einigen Kumpels. Zwei, drei Stunden zuvor stand sie noch mit ihrer neuen Band Prag auf der Bühne des Babylon Kinos am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Ein bestuhlter Auftritt, der eine kurze Aufwärmtour durch Deutschlands Millionenstädte (Hamburg, Köln und München) abgeschlossen hatte. Das Konzert war komplett ausverkauft, so dass der große Freundeskreis der Band gleich dutzendweise von der Gästeliste gekickt werden musste. Die übliche Berliner Uffjeregtheit mit reichlich Semi-Prominenz begleitete also einen ganz besonderen Debüt-Gig.

Zum Thema „Singende SchauspielerInnen“ ist schon viel gesagt worden und zumeist gleicht sich das Urteil: Unnötig bis schrecklich. Ausnahmen bestätigen die Regel. Im Falle Nora Tschirner ist das Fazit ebenfalls klar: To know her is to love her! Ihre Bühnenansagen sind oft genug wirklich witzig, auch wenn sie in ihrer „hoppla, jetzt komm icke“-Art ein wenig an die frühe Anke Engelke erinnert, die ja bekanntlich in einer Kölner Soul-Coverband gesungen hat und gelegentlich noch singt. Das Prinzip Rampensau.

Nora Tschirner ist die humorvolle Frontfigur der Generation Bart, die dunkelhaarige Grace Kelly der Mumford-And-Sons-Jugend, die beim Berliner Auftritt in all ihrer coolen Trendheit (Hüte, Anzüge, Golfschuhe) keinerlei Unsicherheiten zeigte. Der denkwürdige Abend wurde von einem Making-of-Film in verwaschener Instagram-Optik eingeleitet, wo La Tschirner in jeder Einstellung aussah, wie am Telefon ausgedacht. Jede Bewegung, jedes Lächeln, jedes rot karierte Cape, jede Bommelwollmütze mindestens ein Europäischer Filmpreis. Die Band Prag war damals nach Prag gefahren, um mit dem Tschechischen Rundfunk Symphonie-Orchester die Single „Sophie Marceau“ einzuspielen, die genau so klingt wie man sich das vorstellt: Streicher, Pathos, Melancholie, der ganze Scheiß vom Feinsten. Als der Film zu Ende ging, stand – bumm – eine neunköpfige Band auf der Bühne und die Tschirner spielte in ihrem Matrosenhemd Glockenspiel, Gitarre und Percussionsklöppel. Und machte witzische Ansagen.

Der Spannungsbogen des Prager Chanson-Pop ließ sich natürlich über die gesamte Strecke von etwa 60, 70 Minuten nicht durchhalten. Aber bei den Zugaben „Und jeder hält die Luft an“ und „Bis einer geht“ stand das Publikum in den Stuhlreihen. Sänger Erik Lautenschläger oder vor allem Gitarrist Tom Krimi demonstrierten, dass Prag weit mehr sind als ein Designerwitz. Die von der Band postulierte „Wir sind die neue keine falsche Bescheidenheit“ stimmt wirklich. Selbst wenn Prag nur einen Winter lang tanzen. Vielleicht muss La Tschirner jetzt keine albernen Häschen-Filme mehr mit Till Schweiger drehen.