So war das Mini United 2012: Mit Iggy Pop im Kleinwagen


von

Es quietscht und schleift, kurz danach ein Aufheulen – wer den Mini Cooper bisher als praktisches Stadtauto abgestempelt hat, soll hier eines Besseren belehrt werden. Auf einem abgesperrten Asphaltplatz zeigten ausgebildete Stuntmänner, wie man sportliche U-Turns hinlegt und kein Deut vor dem letzten Moment in die Bremsen steigt. Links daneben schön aufgereiht: der Mini einmal chronologisch sortiert. Vom ersten Model bis zum letzten Streich. Ergänzend: einige besonders ausgefallene Modelle, doppelstöckig, mit Ladefläche, ohne Dach oder mit Monsterreifen.

Die südfranzösischen Ortsschaft Le Castellet, etwa 20 Kilometer entfernt von der Côte d’Azur, dient dieses Wochenende mit seiner Formel-Eins-Strecke „Circuit Paul Ricard“ als Schauplatz für das Mini-United Festival. Fans des kleinen Kultautos aus aller Welt treffen sich hier, um gleichgesinnte kennenzulernen, sich über Ausbaumöglichkeiten auszutauschen, die südfranzösische Luft zu genießen und gemeinsam zu feiern.

2003 wurde das Treffen der Markenfreunde erstmalig ins Leben gerufen und hat sich seitdem zunehmend zu einem umfassenden Event entwickelt. Zuletzt wurde im britischen Silverstone der 50. Jährige Jahrestag gefeiert, mit einem Jahr Verzögerung fand nun das vierte Mal die Zusammenkunft der Kleinwagen-Community statt – erstmalig mit einem beachtlichen musikalischen Rahmenprogramm.

So gab es dieses Jahr wahrlich nicht nur für Autofans gute Gründe dem Treiben an der südfranzösischen Rennstrecke beizuwohnen – auf dem Festivalprogramm fanden sich, neben Charlie Winston, Ben Mazué, SOMA, The Rifles, Naive New Beaters, Hubert-Félix Thiéfaine und den Birdy Nam Nams auch Iggy Pop and the Stooges, The Ting Tings und Gossip.

Begonnen hatte das Event, unter strahlender Sonne, bereits am Freitagvormittag. Die Straßen der Umgebung ließen durch einen deutlich überproportionalen Kleinwagen-Anteil auch Unbeteiligte ahnen, dass ein Treffen unter Gleichgesinnten statt finden würde. Keine Straße ohne Mini und auch der See vor dem Gelände war bereits passend dekoriert. Ein kleines Auto (fast) ohne Grenzen, sollte wohl der auf dem Wasser drapierte grünschimmernde Kleinwagen demonstrieren – sicherheitshalber dann jedoch trotzdem mit Betonklötzen unter den Rädern.

Den Eintritt hinter sich gelassen, erstreckt sich das Gelände der Paul Ricard-Rennstrecke vor dem Besucher, erste Minis rasen die sonst für Formel 1-Rennen genutzte Strecke ab, vereinzelte Zuschauer sonnen sich biertrinkend auf den Rängen oder tummeln sich auf dem Gelände. Zwischen Hauptbühne und Verpflegungs- und Ausstellungszelt bieten Liegestühle Erholungsfläche und halbe Coopers in Strandkorboptik Schatten. Man wird informiert, dass es sich bei dem leuchtend roten Ausstellungsstück im weißen Kuppelzelt um das neuste Modell handelt, bei denen auf der Rennstrecke um John Cooper Works Modelle. Zur sportlichen Betätigung  sind Slacklines zwischen den Bäumen gespannt, auf denen sich erste Festivalbesucher in Eleganz und Gleichgewichtstraining versuchen.

Bis 18 Uhr vertreibt man sich so die Stunden, mit der langsam eintretenden Abkühlung betritt dann der erste musikalische Act des Abends die Bühne: die Indie-Britpopper The Rifles. Wenn sie auch das bittere Los der wohl allermeisten Eröffnungsacts ziehen und vor nur wenigen sonnentrunkenen Zuschauer spielen, lassen sie sich den Spaß nicht verderben und überzeugen die Anwesenden spätestens mit dem sommerlich klingenden „Winter Calls“. Bei den folgenden Naive New Beaters und dem französischen Chansonsänger Hubert-Félix Thiéfaine zeigt sich die Zuschauermenge ebenfalls noch eher gelassen.

Um 23h betritt dann der Hauptact des Abends samt Mannschaft die Bühne: Iggy Pop & The Stooges. Auch wenn das Publikum, ausgenommen die ersten Reihen, immer noch eher gelassen dem Treiben zuschaut, lebt Iggy Pop auf der Bühne das Kontrastprogramm. Schon nach zwei Songs hat er jeden Zentimeter der Bühne bespielt. Mit der Wasserflasche in der Hand wirft er sich in seine Klassiker. Von dem neuen Album, das ausschließlich französische Chansons und Popklassiker enthält, gibt es nichts zu hören – dafür gibt es aber das Programm, das die Mehrheit von ihm sehen will. Für die hinteren Reihen schade, für die forderen umso lohnender: Auf der Bühne sieht man Pop nur selten. Viel häufiger scheint er vorne im Publikum zu stecken, oder zumindest auf der tiefergelegten Vorbühne. Mitleid hat man für den Herren an der anderen Seite des Mikrofonkabels, der während des Konzerts durchgehend damit beschäftigt ist, das Kabel ein- und auszurollen, mehr Kabel hinterherzuschmeißen oder es wieder hinter den Monitorboxen herauszuziehen. Nach einer Stunde, inkulsive den Klassikern „Search And Destroy“, „Raw Power“ und „Gimme Danger“ humpelt ein durchgeschwizter Iggy Pop dann von der Bühne, hinterher The Stooges, in gleicher Gangart. Auch ein Iggy Pop wird halt nicht jünger.

Den Abschluss gibt der französischen House-DJ Martin Solveig, der mit dem Dance-Hit „Hello“ 2010 die europäischen Charts weitreichend einnahm und anscheinend auch einen sicheren Platz in Mini-Radios sein eigen nennt. Denn wenn Iggy Pop die Zuschauer bereits langsam wachgeschüttelt hat, kommt die Kleinwagen-Gemeinschaft erst jetzt richtig aus sich raus. Neben seinen eigenen Hits kübelt er vor allem Verkaufsschlager von Rihanna und Adele durch seinen Plattenteller. Dem Großteil der Festivalbesucher scheint’s zu gefallen.

Am zweiten Tag zeigt sich das Festivalgelände nach Ankunft von seiner deutlich volleren Seite. Sei es, weil Samstag ist, oder wegen dem vielversprechenden Musikprogamm, einen freien Liegestuhl braucht man nicht mehr zu suchen.

Nach dem einleitenden Beitrag von Ben Mazué, der im Laufe seines Sets immer mehr an einen französischen Max Herre erinnert, setzen SOMA das Programm deutlich gitarrenlastiger fort und schaffen so einen guten Einstieg für die folgenden The Ting Tings. Das britische Popduo lässt sich in keinem Moment anmerken, dass sie (meist) lediglich zu zweit auf der Bühne stehen und Katie White hat sich bei Iggy Pop am Vorabend offensichtlich eine gute Scheibe abgeschnitten. Auch sie hält es durch, wenn auch mehr auf coole Eleganz gepolt, fast eine Stunde lang ununterbrochen über die Bühne zu hüpfen. Dabei wird sie nicht müde, dem französischen Puplikum ihre Sprachkenntnisse zu präsentieren. „Merci Beaucoup“ heißt es so vor und nach jedem Song, eine Ansage wird gar komplett auf französisch, vom Blatt abgelesen, vorgetragen. „Hang It Up“, „Hands“ und „That’s Not My Name“ schlagen dann auch erhoffte Wellen, und mit einem noch lauteren „Merci beaucoup“ verabschieden sich nach einer Stunde die beiden Briten von der Bühne.

Gossip sind zweiter Headliner des Abends und hatten eigentlich – wie Beth Ditto vorher im Interview erklärte „ein kleines Festival“ erwartet, heißt es doch Mini United. Aber macht ja nichts.  23.30 läuft Beth Ditto dann barfuß im schwarzen Glitzerkleid auf die Bühne. „Long Long Distance“ leitet das Set ein sowie das kurz danach folgende „Pop Goes The World“. Den Titel als Programmpunkt genommen folgt ein Gossip-eigener Mash-up im Laufe dessen Beth Ditto The Talking Heads „Psycho Killer“, Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ und Jason Mrazs „Love Is A Four Letter Word“ anstimmt. Im Gegensatz zu Katie White zeigt sie in Ansagepausen dann auch, dass sie nicht bloß französisch sprachlich bemüht ist – sondern offensichtlich auch begabt. Zum Ende des Sets, nach der neuen Single „Perfect World“ und dem Gossip-Hit schlechthin „Heavy Cross“ nimmt auch sie dann noch einmal ein kleines Bad in der Menge…