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Willanders WeltKolumne

Das Stadtbild und das sozialdemokratische Arbeitsethos

Über zwei eigentlich abgelegte Narrative, die heute in der Politik der Koalition wieder aufscheinen.

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Wo ich herkomme, aus der Hamburger Vorstadt, da gab es einen Hähnchengrill, und in der Adventszeit ging man über den Weihnachtsmarkt. Es gab ein Museum und Weihnachtsmärchen im örtlichen Theater, das wiederum in einem Saal des Museums untergebracht war. Es gab ein Hallenbad, in dem immer „Griechischer Wein“ und später Kool & The Gang und „Sussudio“ von Phil Collins und Philip Bailey gespielt wurde. Man sprach von „Gastarbeitern“.

War man progressiv, kaufte man später „beim Türken“. Ich, zum Beispiel, Lakritz und Weingummi. Noch Progressivere kauften Gemüse. Der Balkan-Spieß in der Blauen Adria war eine Wucht. Die S-Bahn-Strecke in der Vorstadt wurde nach Hamburg verlängert. Wir wurden Kosmopoliten.

Meine Mutter erzählte damals, in den späten 70er-Jahren, als wir zeitweilig in einer Hochhaussiedlung in Kirchdorf-Süd wohnten, zwei Narrative, die noch nicht so genannt wurden: Die Jugendlichen müssen von der Straße geholt werden. Die Mean Streets von Kirchdorf. Sie hingen dann vor dem Jugendclub herum, wo es eine Tischtennisplatte gab, hörten Smokie und hatten eine Bürste in ihren John-Travolta-Jeans.

Die noch Cooleren spielten „Star Wars“ nach. Unsereins ging zum Training auf dem Fußballplatz, und wenn es Winter war und abends früh dunkel, fürchteten wir, dass der Räuber Hotzenplotz um die Ecke kam oder ein Mitschnacker.

Das andere Narrativ war, dass derjenige, der nicht fleißig war und keine Arbeit hatte, irgendwann unter der Brücke schlafen würde. Nun lag der Ort zwar an der Elbe, aber diese Art von Brücken gab es nicht. Es waren riesige Autobahnbrücken und Rastplätze für Lkw-Fahrer, Orte, wie man sie aus „Aktenzeichen XY … ungelöst“ kannte.

Heute sind überall Dönerläden

Die zwei Narrative scheinen heute in der Politik der Koalition wieder auf. Friedrich Merz macht sich Sorgen um das „Stadtbild“. Die mythische Fußgängerzone der 70er-Jahre, dieses einstige Idyll der Begegnung und des Handels zwischen Kaufhalle und Schuhgeschäft, zwischen Nordsee und Budnikowsky, gilt als marode und sieht auch so aus. Heute sind überall Dönerläden. Aber da arbeiten ja Menschen, so wie früher Menschen beim Imbissbüdchen gearbeitet haben. Und andere essen.

Merz meint wahrscheinlich eher die unbeschäftigten Subsidiären, die sich in Grüppchen um den Stadtbrunnen zusammenfinden. Oder die Jugendlichen, die sich in der Nähe der Parkplätze bei Aldi, Lidl und der örtlichen Tankstelle vor den Toren der Kleinstädte langweilen.

Sagen wir so: Wir wissen, was er meint, aber die Formulierung ist etwas ungefähr, und die Empörung darüber war dennoch sehr groß. Am Ende seiner Einlassung zu dem „Problem im Stadtbild“ spricht Merz von „Rückführungen“. Sie seien „in der Koalition verabredet“. Und er habe gar nichts zurückzunehmen!

Ist der Oldenburger Tahsim Durgun, Autor des Bestsellers „Mama, bitte lern Deutsch“, im Stadtbild nicht erwünscht, wie er vermutet? Natürlich ist er erwünscht. Denn er, der Lehrer werden wollte, gehört zu denjenigen, die jeden Morgen aufstehen und fleißig arbeiten, also jenem bürgerlichen Idealtypus, den Lars Klingbeil vor Augen hat, wenn er diese Stanzen wiederholt wie im letzten Kabinett Hubertus Heil: „Wir brauchen fleißige Hände und kluge Köpfe.“

Und wenn Tahsim Durgun morgens mal nicht aufsteht, ist es auch egal, denn er ist ja jetzt ein erfolgreicher Schriftsteller. Und an dem Arbeitsethos seiner Eltern hatte er nie Zweifel. Nun ist er mit 28 Jahren aus der elterlichen Wohnung ausgezogen und hat ein Apartment im Nebenhaus gemietet. Es ist vielleicht kein exemplarisches Narrativ für eine Integrationsgeschichte. Aber jedenfalls ist es doch besser, auf der Frankfurter Buchmesse herumzuhängen, als unter Brücken zu schlafen.