Straßenmusik international

Vor einiger Zeit saß ich in Hamburg in der Schanze vor einem Restaurant auf der Straße. Um mich herum hockten viele Menschen an Tischen und speisten, während sie sich über coole Großstadtthemen wie zum Beispiel Gendern und Ramensuppe unterhielten.

Nach einiger Zeit rückte ein kleiner Trupp von rumänischen Straßenmusikern an und machte sich bereit zum Aufspielen. Ich beobachtete eine gewisse Gestresstheit in den Gesichtern der Gäste, die den Musikern am nächsten saßen. Als die Musik begann, nahm der Geräuschpegel deutlich zu. Die drei dunkelhaarigen Männer in einfacher Kleidung mit Gitarre, Tamburin und Gesang machten eine normale Unterhaltung anspruchsvoll. Viele Gäste schwiegen genervt oder versuchten, sich fast schreiend und mit anklagenden Blicken auf die Musiker zu verständigen. Nach zwei Songs ging der Tamburinspieler mit seinem Hut durch die Reihen, und die meisten der Anwesenden griffen schnell, fast übereilig zu ihren Portemonnaies, um Münzen abzuwerfen.

Ich verstand, was sich im Vergleich zu früher verändert hatte: Bis vor einigen Jahren entlohnte man Straßenmusiker FÜR ihre Anwesenheit, FÜR die untermalende Unterhaltung, das Schöne, das sie einem unverhofft geschenkt hatten. Heute aber bezahlt man sie dafür, dass sie schnellstmöglich weiterziehen. Man bezahlt, um sie loszuwerden, damit man sich endlich weiter ungestört unterhalten kann.

Dagegen eine Straßenszene in Cadiz in Süd-Andalusien: Auch dieses Mal saß ich, zusammen mit vielen anderen Menschen, vor einem Straßenrestaurant. Man unterhielt sich und speiste. Es war früher Nachmittag. Auf einmal tauchte ein merkwürdiger, dicker, kleiner Mann auf, der eine große blinkende Box vor sich herschob. Er trug ein fliegerseidenes, hautenges Kostüm um seinen bohnenhaften Leib. Auf dem Kopf saß eine Baseball Cap, unter der im Nacken eine kurze blonde Miniplimatte hervorlappte. Das breite, kreisrunde Gesicht wurde von einer verspiegelten Nickelbrille geziert.

Er zückte sein Handy, das mit der Box verbunden war, und begann zu scrollen, einen Song auf seinem Handy zu suchen, zu dem er performen konnte. Allerdings fand bereits diese Suche  in enormer Lautstärke statt. Immer neue Tracks wurden knallend angespielt. Irritiert unterbrachen die Menschen ihr Mahl. Als er den passenden Song gefunden hatte, drehte er die massive Box noch ein Stückchen weiter auf und begann zu performen: Da er kein Mikro besaß, tat er einfach so, als ob er den Song singen würde und tanzte völlig selbstbegeilt und mit autoerotischen Sexposen einen grotesken Animationstanz. Sein kleiner, fetter Körper wand sich in immer neuen erregten Posen. Sein Kopf war rot angelaufen. Der Po zuckte pumpend hin und her. Und die miese Chart-Technomukke ließ den ganzen Platz beben.

Ich beobachtete die Leute. Sie alle hatten mit dem Essen und den Unterhaltungen aufgehört und verfolgten das Geschehen mit aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Ich erwartete, dass der Restaurantbesitzer oder einer der Gäste dem Spektakel ein Ende setzen würde. Aber weit gefehlt: Als der Song ausgeklungen war, verbeugte sich der säuische Zwerg, und das Publikum applaudierte begeistert. Essen und Unterhaltung waren vergessen, man wollte mehr von der Darbietung. Anlass genug, sofort wieder mit dem brüllend lauten Gescrolle zu beginnen und den nächsten Technosexknaller von der Leine zu lassen.

Die ganze Show zog sich mindestens 20 Minuten hin, und der Performer wurde danach fürstlich von den Gästen belohnt.

Zwei Möglichkeiten mit einer ähnlichen Situation umzugehen.

Ich überlasse Ihnen die Interpretation.

 

Autorenbild von Kerstin Behrendt