TV-Tipp: „Raw“ – Kannibalismus 2.0


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Die zurückhaltende Justine studiert Tiermedizin und ist entsprechend entsprechend schockiert von seltsamen, blutigen Ritualen an ihrer Veterinär-Uni in Belgien, die ältere Studenten nutzen, um Anfänger zu demütigen.

Doch sie sorgen so auch für eine bislang unentdeckte Lust nach Fleisch bei der 16-Jährigen, die auch bereits andere um sie herum ergriffen hat. So labt sich Justines Schwester Alexia sogar am Fleisch von Menschen. Und das ist nicht ganz legal zu beschaffen…

Wer nun einen stumpfen Splatter-Film erwartet, der hat noch nichts von der französischen Welle von Body-Horror-Filmen gehört, die vor allem auch feministische Akzente setzt (siehe „In My Skin“ aus dem Jahr 2002 von Maria de Van oder „Swallow“ von Carlo Mirabella-Davis von 2019), und möglicherweise auch nicht darüber nachgedacht, welche philosophischen Tendenzen sich hinter dem Tabuthema Kannibalismus verbergen.

Wir sind doch alle nur Tiere

Drehbuchautorin und Regisseurin Julia Ducournau, übrigens Arzt-Tochter, hat für ihren beunruhigenden und zugleich unheimlich reizvoll inszenierten Film die Identitätsfindung von Jugendlichen samt grotesker Angst vor dem Erwachsenwerden als Tableau gesucht, um eine stille wie rohe Geschichte zu erzählen, die nur eines zum Ziel hat: Den Zuschauer ins Mark zu treffen.

Die Inspirationen liegen dafür fast auf der Hand: Französische Märchen von Perrault, Erzählungen von Angela Carter, Claire Denis‘ „Trouble Every Day“, so ziemlich jeder Film von David Cronenberg und sogar „Der Elefantenmensch“ von David Lynch. Denn hinter der Psychofabel, die sich als Horrorfilm tarnt, steckt auch eine spiegelverkehrte humanistische Botschaft: Vergiss nicht, Du bist auch nur ein Tier.

Ducournau reüssierte mit ihrem ersten, symbolschwangeren Spielfilm, der aufgrund der Thematik schwierig zu finanzieren war, beim Filmfestival in Cannes in der Kritiker-Sektion. 2021 gewann sie an der Croisette die Goldene Palme mit ihrer ebenfalls an Cronenberg angelehnten Fantasy-Groteske „Titane“.

Tele 5 zeigt den in Deutschland auf dem Fantasy-Filmfest vorgeführten, aber dann nie im Kino ausgewerteten „Raw“ am Mittwoch (18. Mai) um 22.10 Uhr.