U2 Richtung Zoo: So entstand „Achtung Baby“


Tokio, Ende 1993, Mitten im Nebel des auslaufenden 20. Jahrhunderts. Die größte, teuerste und technologisch ambitionierteste Rock-Tournee der Geschichte neigt sich gerade ihrem Ende zu, als es Bono ausnahmsweise gelingt, dem engmaschigen Netz von Managern und Betreuern zu entkommen. Zusammen mit "Fighting" Fintan Fitzgerald, dem langjährigen U2-Stylisten, stürzt er sich in das Nachtleben einer Stadt, die er "the world capital of Zoo TV" nennt. Zugeknallt bis über beide Ohren, bar jeder Orientierung in einer fremden Kultur, erfahren sie hautnah, was es bedeutet, "lost in translation" zu sein.
Nach einer durchzechten Nacht in unterirdischen Techno-Clubs finden sich Bono und Fitzgerald im Morgengrauen in einem Apartment wieder, das von halbnackten japanischen Mädchen bevölkert wird. Eines bietet ihm Heroin und Sex an, doch Bono lehnt dankend ab und verkriecht sich in eine Ecke, um seinen Rausch auszuschlafen. Er wird wieder geweckt, als plötzlich eine Python über seine Beine kriecht. Er schießt erschrocken hoch, schüttelt fassungslos den Kopf und rennt auf die Straße, um ein Taxi zu finden. "Das war's", stöhnt er, zurück im Hotel. "Ich habe den Bogen überspannt. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Polizei hätte mich in einer Crack-Höhle der japanischen Mafia verhaftet, umgeben von Prostituierten und Heroinsüchtigen." Er geht schlafen, doch die Bilder in seinem Kopf laufen weiter, albtraumartige Sequenzen auf mehreren Kanälen, bevölkert von Nazis und Teufeln, Bill Clinton und Elvis, Frank Sinatra, Naomi Campbell und brennenden Hakenkreuzen. Seit drei Jahren nun sind U2 schon auf diesem seltsamen Trip. Waren sie in ihrem früheren Leben noch aufrechte christliche Rocker, die die Menschheit aus dem Sündenpfuhl zu reißen suchten, sind sie inzwischen - gekleidet in schwarzem Leder und umgeben von Super-Models - zu abgehobenen Selbstdarstellern mutiert, die sich an ihrem eigenen Narzissmus, ihrer eigenen Scheinwelt berauschen. Wie konnte es so weit kommen? Die Gegend rund um die Hansa Tonstudios hat heute keine Ähnlichkeit mehr mit dem Niemandsland, das man noch Mitte der 90er-Jahre dort vorfand. Der frühere Tanzpalast der Nazis, später Geburtsort von Bowies legendärem Album "Heroes", liegt heute vis-a-vis der neuen Metropolis, die sich Potsdamer Platz nennt – ein überdimensionales "Fuck off", das der kapitalistische Westen gen Osten schickt: Wir haben gewonnen, ihr habt verloren. Als U2 im November 1990 hier aufkreuzten, lagen die Hansa-Studios noch am Rande des Todesstreifens, der einst Ost und West trennte. Auf den Straßen parkten noch immer die Trabis, die U2 zu ihren zeitweiligen Maskottchen machen sollten; wo zwölf Monate zuvor noch die Mauer stand, befand sich nun ein "Mad Max"-ähnliches Panorama aus Geröll und Alt-Metall, ein "surrealistischer Schrottplatz", wie Bono es formulierte.

Die besten Sänger aller Zeiten: Bob Dylan – Essay von U2-Sänger Bono

Bob Dylan hat geschafft, was nur sehr, sehr wenige Sänger schaffen – er hat anders gesungen als irgendjemand vor ihm. Heute leben wir in einer Welt, die von seinem Gesang geprägt ist. Fast niemand singt mehr wie Elvis Presley, aber Hunderte versuchen, wie Dylan zu klingen. Als Sam Cooke dem jungen Bobby Womack Dylan vorspielte, wusste der damit nichts anzufangen. Cooke erklärte es ihm dann: Ab sofort kommt es nicht mehr darauf an, wie schön eine Stimme ist. Was zählt ist nur, ob du ihr glaubst, dass sie die Wahrheit sagt. Bob Dylan singt traurige Lieder, ohne sentimental zu werden…
Weiterlesen
Zur Startseite