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Udo Lindenberg im Interview: „Nicht immer nur Popcorn, auch mal Attacke!“

Udo Lindenberg
„Udo Lindenberg – Ich mach mein Ding“ mit Fotografien von Tine Acke

Da überlegt man tagelang, ob man Udo Lindenberg nun eigentlich duzen oder siezen sollte, und dann das: „Hey, wie war dein Name? Daniel, ne? Hi, bin Udo – weißte ja, ne?“ Tja, so entwaffnend kann die erste Begrüßung manchmal sein. Man kam sich fast ein wenig dämlich vor, dass man so lange über die Duz-Frage nachgedacht hatte.

Anlass des Interviewtages war die Veröffentlichung des Bildbandes „Udo Lindenberg – Ich mach mein Ding“ mit Fotografien von Tine Acke (308 Seiten, ca. 500 farbige Abbildungen, Premium-Hardcover, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag). Acke dokumentierte dabei alle Facetten der Tour, angefangen bei den ersten Besprechungen, über die Planung, die Proben und die Konzerte. Vor allem die Show-Fotos sind dabei recht beeindruckend geraten, weil Acke es versteht, mit immer neuen Perspektiven alle Facetten einer solchen Show zu beleuchten – und dabei auch die ruhigen Momente ins Visier nimmt. Dafür kletterte sie sogar manches Mal am Hallendach entlang. Lindenberg dazu: „Wäre Tine runtergefallen, hätte ich sogar meinen Hut abgenommen, um sie fangen.“

Wir sprachen mit Lindenberg über das Touren, sein Musical, seine Selbstwahrnehmung als Künstler und seinen zweiten (oder ist es der dritte?) Karriere-Frühling, den er gerade durchlebt.

Gerade bei den Publikumsbildern im Buch sieht man mal wieder, dass da alle Generationen versammelt sind. Du scheinst bei Kindern, Teenies, gesetzten Hörern und selbst noch deren Eltern akzeptiert zu werden – was meiner Meinung nach, gerade bei den jüngeren, in den letzten zwei drei Jahren noch ausgeprägter zu beobachten ist. Was meinst du: Warum ist das so?

Das kam eigentlich alles durch „Stark Wie Zwei“. Das Musical hat sicher auch geholfen. Und so’n Song wie „Ich mach mein Ding“, das singen halt schon Kinder mit. Und ihre Omas auch. Die Oma-Groupies mit den breiten Unterhosen, die sie dann auf die Bühne schmeißen… Das kommt alles wohl so gut an, weil es noch cool rüberkommt. Weil man mit jungen Leuten wie Max, Jan und Clues’n  zusammen was macht – und trotzdem den Eigensinn noch mitbringt, ne. Und nicht nur Entertainer ist. Klar, dass auch gerne. Aber auch die richtigen Statements bringt.

Musical ist ein gutes Stichwort. Während wir hier sitzen läuft ca. 100 m Luftlinie von unserem Sofa entfernt [wir saßen im Hyatt Hotel am Potsdamer Platz] ein Teil deines Lebens und deines Schaffens in Musical-Form. Schon komisch, oder? Denkst du darüber noch nach?

Ja. Ich denk da oft dran. Ich bin ja auch oft da. Geh oft rüber auf drei bis fünf Bier. Paar Leute treffen. Schnacken und so. Finde das sehr ehrenwert, dass die das machen. Und ist ja auch nicht nur die Story von mir. Sondern von vielen. Eigentlich von allen hier in Berlin. Ohne den Fall der Mauer wäre ja vieles gar nicht passiert. Das Ding mit Clues’n, „Cello“, meine Freunde von Rammstein, Silly, Silbermond und so – wir hätten uns ja gar nicht getroffen. Allein schon deswegen musste die Mauer weg. Um das Spektrum zu erweitern. Mit geilen Musikern. Ich freu mich jeden Tag über mein Musical. Und jeden Tag drüber, dass die Scheiß-Mauer weg ist.

Man sieht es auf den Bildern immer wieder: Auch der „Ich mach mein Ding“-Tour habt ihr dick aufgefahren. Selbst ein Zeppelin war Teil der Show. Hat euch da das Musical-Ding zusätzlich inspiriert? Den Kick gegeben, alles noch einen Tick größer zu machen?

Wir machen ja schon seit Jahren solche Sachen. 1979 mit Peter Zadek – „Dröhnland-Symphonie“ und so. Mit Ulrich Waller – dem Musical-Regisseur – hab‘ ich auch oft zusammengearbeitet, ne. Mit Jürgen Flimm mal n wenig schnacken und so. Mit Castorf und so. Hier mal gucken, da mal gucken. Theater. Fellini-mäßig. Skurrile Gestalten. Auf der Bühne. Filmfiguren. Daniel Düsentrieb. Hatten wir ja alles schon…

Klar. Aber ein Zeppelin?

Ja. Das fiel mir irgendwie ein. Ich dachte, das passt ja ganz gut. Ich bin ja hier auch Sänger zu Luft, zu Lande und zu Wasser. Zu Wasser ja auch mit den „Rocklinern“. Auf hoher See. Und zu Luft leicht wie eine Feder – Castaneda und so. Und in Fliegemaschinen. Ufos. Ufo = Udo. Ist ja naheliegend irgendwie. Und Zeppelin – das war das erste Fluggerät, das Kontinente überwinden konnte. Easyges reisen, langsamer, genauer gucken. Ist einfach ein geiles Fluggerät, und natürlich auch ne geile Show. Zeppeline reisen auch durch die Zeiten. Du guckst sie an und du reist automatisch in die Zwanziger. Und mit meiner Show reise ich ja auch durch die Zeiten – durch meine Alben. Passte doch ganz gut. 

Die Show setzt ja oft auf große Momente. Gab es dann auch eher kleine, ungeplante, die ganz unerwartet für dich persönlich zu großen Bühnenmomenten wurden?

Man musste natürlich ein wenig experimentieren. Emila Arata, die Frau in der Kugel, wie sie da oben Cello spielt – geht das überhaupt, kann sie das auch noch machen? An ihrer Show wurde jeden Tag aufs Neue gefeilt. Einmal hatte sie ganz glitschige Finger und wäre beinahe abgerutscht. Und ich bin ja auch mal mit dem Zeppelin die Traverse gekracht – weil das Zeppelin da abgerissen ist. Hochgefährlich – erneut hab ich mein Leben riskiert! Für die Show. N‘ Märtyrer – wie in „Nasses Gold“. Ha! So was gibt natürlich immer n Kick. Ansonsten haben wir natürlich immer an der Dramaturgie gedreht. Kommen dann ja auch immer andere Gäste. So’n Familientreffen. Dann kommt mal Stefan Raab. Dann kommt mal Clueso. Oder Peter Maffay. Oder Max Herre – ganz grandios! Mit „No Future“. Wahninns-Song. Den hat er wieder entdeckt. Kam an und meinte: „Hey Udo, kannste dich noch erinnern, dass du mal was mit ‚No Future‘ geschrieben hast. Und ich so: „Ja, stimmt, da war mal was!“ Das hab ich ihm zu verdanken. Das sind so Momente, die man nicht planen kann. Oder die Sache mit Cluese. Kam an mit „Cello“ an, war damals drei Jahre alt, kletterte am Plattenschrank der Eltern rum, entdeckte den Song, mochte den schon als Kind. Kam damit bei mir an, etwas anderer Rhythmus – ein Rhythmus, wo du mitmusst. Und ich sach: „Klingt geil, lass machen!“ Wurde dann ja ein riesengroßer Hit. Und auch die Sachen mit Jan Delay. Das sind ja kleine Brüder und große Brüder gleichzeitig. Sagen dann auch mal: „Das kannste anders machen, kannste hipper machen.“ Das ist bei den Songs wie bei der Show – das sind alles demokratische Prozesse. Manches ist auch ziemlich sponti. Und nachher haste ne ganze Show voll großer Momente. Das kannste nicht planen.

Deine MTV Unpluggd-Session beginnt ja mit „Die Bühne ist angerichtet“. Ein saustarkes Intro, wenn ich das mal so sagen darf. Gefällt mir in dieser zurückgenommenen Version fast noch besser als das Original. Was ich mich schon beim Hören fragte: Gibt es diese Momente bei dir noch? Dieses: „wenn’s dann plötzlich mulmig im Magen rumort / und der Lampenfieber-Vampir mich voll durchbohrt / wenn ich, obwohl ich sonst so easy bin, total vibrier‘ / und der Roadie bringt mir schnell noch ’n Beruhigungsbier.“

Nee, gibt es noch. Klar. Das kleine Beruhigungsbierchen und den Biss vom Lampenfieber-Vampir. Schon noch. Brauch aber auch das Adrenalin. Spannung und so. Weißte? Zu cool is‘ auch nicht gut. Und natürlich ist man – gerade bei der ersten Show – noch n‘ bisschen nervös. Wird das auch alles funktionieren? Oder kommt es doch zu Abstürzen? Wie geht das alles über die Bühne? Aber wenn ich dann rausfliege mit dem Zeppelin ist das vorbei. Vorher, die stillen Momente. Die sind sehr schön. Die sind ja auch von unsrer Foto- Chefin Tine sehr schön eingefangen für das Fotobook. Die Minute vor der Show. Das haste manchmal auch ganz einsame Momente. Da sind 20.000 Menschen, aber manchmal stehste da und denkst: Wahnsinn. Gehst kurz in dich und so. Denkst an die Show. Und die sind ja gekommen, um mit uns zu feiern. Die wollen ja auch die Songs feiern. Sind ja auch deren Songs. Nicht nur meine. Ihre Geschichten und ihre Biografien und so. Erste Liebe. Von Zuhause raus. Und rumtrampen. Petting-Aktionen. So Sachen. Einstieg in die Politik. Auf Demos gehen. Und dann denk ich: OK, die wollen feiern. Dann geh ich jetzt auf die Bühne und feier eben mit. Sing ich denen eben einen – und die singen ja auch für mich. Reich ja auch mal das Mikro ein wenig rum. Ist also ’ne ziemlich basisdemokratische Angelegenheit. 

Du hast vorhin mal gesagt, dass es für die Leute auch wichtig ist – und für dich – dass man nicht nur Entertainer ist, sondern auch deinen Eigensinn bewahrt und die richtigen Statements bringt. Zählst du das generell zu deinen Aufgaben?

Auf jeden Fall. Das ist ja auch immer wieder in meinen Liedern drin. „Mein Ding“ zum Beispiel. Das is‘ wichtig: Sein eigenes Ding machen. Der Eigensinn – hat Hermann Hesse ja schon viel drüber gesagt. Reih dich nicht ein in die Armee der Mitlatscher. „Die stumme Armee“ wie der große Dramatiker Heiner Müller mal gesagt hat. Die eben durch Passivität viele Dramen und Tragödien des Weltgeschehens mitträgt. Sich nicht einschaltet und so, ja? Ich will auch nicht nur Entertainer sein. Klar, mach ich auch gerne. Aber eben auch die richtigen Statements und Sensibilisierungsverfahren. Und Aufforderung zum Machen. 

Gilt das auch für andere Künstler? Siehst du die ebenfalls in der Pflicht, das zu tun? Stellung zu beziehen? Ich habe gerade kürzlich die Killers interviewt – eine Riesenband, aber bei politischen Äußerung dermaßen vorsichtig, dass politisches quasi kaum vorhanden sind.

Klar. Wenn der das hinkriegt der Popstar. Oder die Starin. Dann ist das toll. Find ich schon. Kriegt nicht jeder hin, klar. Gibt auch Leute mit der Schere im Kopf. Mit der Vorzensur. Die sagen: Das läuft dann nicht im Radio. Also mal ’n bisschen easy machen. Nicht politisch. Nicht provo und so. Das find ich dann aber eher langweilig. Deshalb haben wir ja auch den Panikpreis bei Hermann-Hesse-Festival in Calw – Udo-Lindenberg-Stiftung und so. Da prämieren wir eben diese Leute, die sich hervortuen durch eigene, ganz freche Texte. Auch politisch, auch Anmache. Die auch anecken. Umbequem sind. Nicht im Radio stattfinden. Die kriegen bei uns fette Preise. Stipendien. Knete. Produktion. Die kriegen Crashkurse von mir. Gehen mit denen ins Studio, kriegen Plattendeals und so. Das sind natürlich ganz andere als bei DSDS oder Supervoice oder wie das heißt. Das macht diesen Beruf auch zu einem sehr edlen, sehr ehrenwerten. Nicht so nach dem Motto: Mach dir ein paar Stunden, geh ins Kino, vergiss die Welt da draußen. Nicht immer nur Popcorn – auch mal Attacke. 

Mist, meine Zeit ist jetzt leider auch um. Die Kollegin drängt schon. Aber das kann man ja super als Schlusswort stehen lassen.

Kannste wohl sagen! Dann mach’s gut – und schau mal beim Musical vorbei.. Lohnt!

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe

Was ist nur aus dieser Band geworden, die einmal so treffend den „Trouble“ nach der verloren gegangenen Liebe besang, sich in die Gehirnwindungen eines Wissenschaftlers vergraben konnte, das erbarmungslose Verstreichen der Lebenszeit in eine grelle Klavier-Tanz-Nummer überführte und den Titel eines ihrer kürzesten und schönsten Songs dem goldenen Mantra eines Kultbuchs für Nerds und Studenten entlieh? Ich muss zugeben, dass ich an Coldplay verzweifle. Ich kann nicht begreifen, wie es möglich sein kann, dass vier doch recht begabte Typen, die einen Haufen unsterblicher Lieder geschrieben haben, plötzlich aufgehört haben, Musik zu machen. Oder wenigstens Musik, die berühren will. Wie sensibel…
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