Warum die Vaterfiguren wieder da sind

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Warum die Vaterfiguren wieder da sind

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Der Fußballtrainer Jupp Heynckes war ein „Opa mit Hund“ (Franz Josef Wagner) im wohlverdienten Ruhestand. Doch dann ließ er Hund und Frau zurück, aber vor allem den Hund. Weise lächelnd trainiert Heynckes, 72, jetzt wieder den deutschen Fußballmeister FC Bayern München.

Heynckes ist Symbolfigur einer Zeit, als „wir“ jung und erfolgreich waren. Das bezieht sich in diesem Fall konkret auf jene Mannschaft des FC Bayern, die 2013 die Champions League gewann. Die Mannschaft spielt zu großen Teilen immer noch, aber das ist kein Vorteil, die Alterungsprozesse von Profifußballern vollziehen sich immer schneller, die Modernisierungszyklen des Spiels auch. Der Club hatte in einem hellen Moment tatsächlich versucht, den Schritt in die Zukunft zu gehen. Heynckes’ direkter Nachfolger, Josep Guardiola, entwickelte den auf überlegene individuelle Klasse basierenden Effizienz-Stil der Bayern zu einem komplexen Teamkunstwerk weiter. Aber er gewann damit halt die Königsklasse nicht. Mit Nachfolger Ancelotti wollten die Bayern schon zurück zu einfachen Wahrheiten. Am -Ende blieb nur die eine, dass der Italiener einfach zu faul war.

Heynckes hat Know-how und einen erprobten Führungsstil, keine Frage. Aber die Rezeption seiner Rückkehr steht für eine resignative Gesellschaft, die bitter entschlossen ist, die Zukunft auf jeden Fall zu verschieben. Ach Elektroautos, ach erneuerbare Energien, ach Europa, ach hohes Pressing des Gegners! Alles so kompliziert. Früher brauchte es den ganzen Schnickschnack auch nicht.

Die Restauration

Bei Heynckes bekommt der Traditionalist wieder Boden unter die Füße. Jeden auf der richtigen Position einsetzen! Müller spielen lassen, statt ihn auf die Bank zu setzen! Gerecht sein, aber auch väterlich streng. So wie es auch Wolfgang Schäuble, 75, mit den Griechen war.

Letzteres ist von mir ironisch gemeint, von anderen aber überhaupt nicht.

In beiden Fällen handelt es sich um eine Restauration der Vaterfigur. Es sind beides keine klassisch-autoritären Vaterfiguren, sie haben sich modernisiert und emanzipiert, aber sie haben ihre wertkonservative Welt nie verlassen – und sind deshalb potent geblieben. Das ist die Illusion.

Jupp Heynckes

Es ist bezeichnend, wie der langjährige Finanzminister Schäuble nach seiner Abschiebung in das repräsentative Amt des Bundestagspräsidenten emporgehoben wurde, auch von Linksliberalen, die ihn früher hassten wie die Pest. Wenn einer die Würde des Bundestags gegen die Rechtsextremen unter den AfD-Abgeordneten verteidigen könne, dann Old Schäuble, heißt es jetzt. Früher machte es vielen Angst, dass Schäuble – etwa als Innenminister – auf sie aufpasste. Heute beruhigt es sie.

Während es für ältere Frauen „They never come back“ heißt, sind 2017 noch mehr alte Männer zurückgekehrt. Etwa Harrison Ford, 75, in der Rolle, die er 1982 im Science-Fiction-Film „Blade Runner“ gespielt hatte. 2020 schwingt er auch wieder als Indiana Jones die Peitsche. Das bedient wohl hauptsächlich die Sehnsucht nach dem Immergleichen und folgt aus der zunehmenden Reduzierung des Kinos auf eingeführte „Marken“. Aber vulgärpsychologisch darf man vermuten, dass der historische Unterschied zwischen den „Blade Runner“-Filmen darin besteht, dass deren apokalyptische Welt einem heute wirklich Angst macht. Da ist es schon sehr beruhigend, dass Väterchen Ford dort 35 Jahre später noch relativ gut erhalten ist.

„Seinfeld“-Erfinder Larry David, 70, ist auch wieder da: nach sechs Jahren mit der preisgekrönten HBO-Serie „Curb Your Enthusiasm“, in der er seinen Alltag zu Kunst macht, nämlich den eines misanthropischen, auf sich selbst fixierten Multimillionärs, der sich alles erlauben kann und das auch tut. David steht in seiner kindischen Bockigkeit aber nicht für die Rückkehr der Vaterfigur, sondern für einen anderen Typus, der mächtig im Kommen ist: den des alten Mannes, der im Kopf ein narzisstisches Kleinkind geblieben ist und jetzt trotzig auf der ganzen Welt herumtrampelt. Diesen alten Mann verkörpert idealtypisch der amerikanische Präsident Donald J. Trump.

Es gibt also den alten Mann der konservativ gewordenen früheren progressiven Gesellschaft. Er soll eine Entwicklung ins Negative aufhalten – selbst wenn das auf Schäuble oder noch einen „Indiana Jones“-Film hinausläuft. Was man hat, hat man. Und es gibt den alten Mann der neuen und reaktionären Rebellen. Er soll das, was die anderen vorangebracht haben, zurückdrehen zu dem, was davor war. Im wirklichen Leben ist es währenddessen so, dass der alte Mann mit Mitte 70 stirbt und die alte Frau übrig bleibt.

Alexander Hassenstein Bongarts/Getty Images
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