Wir warten auf das neue Garbage-Album

Selten zuvor wurde ein Album so oft verschoben, selten zuvor der Vorgänger mit Remixen derart ausgeschlachtet. Nun aber soll endlich Bescherung sein.

Shirley Manson hat eine neue Gitarre. Eine Fender Strat, orangerot. „Passend zu meinem Haar“, erklärt sie. Ihr Haar ist dunkelbraun. „Nicht das Haar auf dem Kopf. Mein Schamhaar.“

Mit solchen Äußerungen erfreut Shirley Manson seit dem Garbage-Debüt 1995 regelmäßig; manche Interviews wirken, ab hätte sie sich die schmutzigen Worte für ein Herrenmagazin zusammengesucht – aus einem Pornomagazin. Offenbar gefallt sich die 30jährige als Zwitter aus Femme fatale und Lolita, dazu noch ein bißchen Provokation nach Calvin-Klein-Art Zur Musik hat Manson sich dagegen nur selten geäußert- hier beschränkt sie sich auf die Arbeit der Sängerin.

Um eines brauchen sich Garbage 1998 keine Gedanken mehr zu machen: Daß sie noch immer die Band „von diesem Nirvana-Produzenten“ aus Madison/ Wisconsin sind. Butch Vig kann froh sein, wenn ihn anläßlich des neuen Albums überhaupt noch jemand zum Interview bittet. Garbage, eine demokratische Einheit – wie Vig, ganz Understatement, noch 1995 unablässig beteuert hat? Von wegen.

Garbage sind jetzt nur noch Shirley Manson. Nur noch schottisch gerolltes „R“ und Grimassen und ihr orange-rotes Haar. Nur noch After-Hours-Coolness, gepaart mit zielgerichtetem Charisma. Nur noch Shirley. Die Manson (doch, doch, so wird das seriöse deutsche Feuilleton sie nach Erscheinen des neuen Albums dann nennen) beantwortet die Fane-mail der Band, die Manson kommandiert die anderen per Augenaufschlag im Studio herum, die Manson diskutiert mit dem Vertreter der Plattenfirma potentielle Regisseur-Kandidaten für das neue Video: Ob sie ihr nicht mal den Clip schicken könnten, den Stephane Sednaoui für Fiona Apple gedreht hat? Und das“Smack My Bitch Up“ von TTie Prodigy bitte auch.. „Nee, hast Du nicht – Du hast uns zwei andere geschickt, nicht das. lind weißt Du, was ich auch klasse finde? Dieses Aphex Twin-Teil…“ Am anderen Ende der Leitung ist leises Seufzen zu hören: „Push It“, die erste Single-Auskopplung des neuen Garbage-Albums, muß in vier Wochen bereits draußen sein – und Shirley Manson diskutiert ganz entspannt darüber, wer das Video drehen soll.

Garbage stehen unter Druck Dreimal ist die Veröffentlichung des zweiten Albums mit dem Arbeitstitel „Sad Alcoholic Clowns“ schon verschoben worden, von Ende ’97 auf Februar, aufMärz, dann April, jetzt soll es im Mai kommen, wahrscheinlich, vielleicht. Noch jedenfalls sitzen Shirley Manson, Buteh Vig, Steve Marker und Duke Erikson im Studio, vor einer großen Tafel, auf der Shirley den Stand der Dinge bei den einzelnen Tracks festhält: „Wicked Wayz“ -Make chorus rock, dudez! „Sleep Together“ -Remix drums! -Push It“ -MIXED! Ottly 75 more to go, boys! Noch diskutieren Leute, die ein paar Tracks gehört haben, darüber, ob Garbage nun mehr in Richtung „Industrial Electro“ oder „Goth Dance“ tendieren. Noch sind sich alle einig, daß Garbage nach wie vor nicht nur wie eine kaum kontrollierbare Band klingen, sondern auch eine sind.

„Das Album wird ein kleines bißchen schizophrener als das erste“, verkündet Shirley in der „Garbage Zone“ („The Oflficial Fanzine“), „in mancher Hinsicht ist es noch düsterer als sein Vorgänger… aber irgendwie versucht es, einen optimistischen Ansatz zu finden. Macht das irgendeinen Sinn? Wahrscheinlich nicht… Auch gut: Sagen wir einfach, Beats und Gitarren und Melodien zum Mitpfeifen – das ist unser Hauptanliegen!“

Das Hauptanliegen ihrer Plattenfirma sieht ähnlich konkret aus: Das Album muß her, schnell, und bitte keine erneute Remix-Variante (nachdem Spezialisten wie Todd Terry, Tricky, Goldie und Massive Attack die Garbage-Tracks aufpoliert und gefleischwolft hatten, gab’s zwischenzeitlich Gerüchte, jetzt wolle auch noch die Band selbst ein offizielles Remix-Album veröffentlichen), sondern ein richtiges, neues, zweites Garbage-Werk. Schon Anfang letzten Jahres hatte sich die Band abgemeldet und in einem Blockhaus verbarrikadiert. Und jetzt sitzen sie seit fast genau einem Jahr in Butch Vigs Studio in Madison/ Wisconsin fest einer Gegend, die gemeinhin nicht gerade für ihre ablenkenden Eigenschaften bekannt ist. Genützt hat das offenbar nichts. Nun gelten die drei produzierenden Herren der Band ja auch nicht unbedingt als Schluderer – vor drei Jahren mußte man ihnen die Mastertapes des Garbage-Debüts mehr oder weniger unter Waffengewalt wegnehmen – worauf vor allem von Butch Vig lautes Wehklagen zu vernehmen war. Jetzt aber mutmaßen, glauben, wissen selbst Vertraute der Band, daß die Songs zum neuen Album längst komplett sind – und daß kein mit gesundem Gehör ausgestatteter Zeitgenosse die Minimal-Differenzen zwischen dem 118. und dem 121. Remix wahrnehmen könnte. Butch Vig kann. Und ist deshalb mittlerweile doch „a little panicky“.

Natürlich produzieren gut vier Millionen verkaufte Debüt-Alben im Verein mit fünf Hit-Singles sowie drei Grammy-Nominierungen und einem MTV-Award eine gewisse Erwartungshaltung. Vielleicht auch deshalb haben Garbage nicht allzu viel am Konzept geändert „Less projeet, more band“ – und ein ergänzender Verweis auf Portishead: Auch die hätten mit ihrem ersten Album einen gänzlich neuen Sound erschaffen – und ihn auf dem Nachfolger lediglich verfeinert. Garbage tun das unter anderem, indem sie Loops aus eigenhändig mit dem Recorder aufgenommenen Straßengeräuschen, Wortfetzen und Industrielärm unter die neuen Tracks legen (und sich vorher durch 120 verschiedene Versionen durcharbeiten, wie bei „Push It“). Indem sie Gitarren in ein Fender Rhodes hineinschlittern lassen und das Resultat mit einem Sample-Polterrhythmus mixen. Und indem Shirley Manson „intimer und direkter als beim ersten Mal“ textete, wie sie „Face“ verriet Texte a la Dylan oder Cave möge man aber nicht von ihr erwarten. Was man erwarten kann, deutet die erste Single „Push It“ an: Da säuselt die Manson ein „Don’t worry baby“ in dreifaltiger Beach Boys-Harmonie über einer apokalyptisch dröhnenden Wand aus übereinandergestapelten Gitarren. Garbage oder die Eleganz des Krachs. Das Konzept, kieksigen, manchmal rotzigen Girl-Pop mit der Wucht und dem Sound von Nirvana zu verquicken, hat entscheidend zum Garbage-Phänotnen beigetragen. Und alles klang wie aus einem Guß.

Shirley Manson möchte es lieber ein bißchen detaillierter: Beach Boys, Julie London, Kraftwerk, Andrew Greigs „Adventures With The Heretical Buddha“ und Patti Smith das seien die Einflüsse.Was die so alles kennt „Und megaharte Beats, Wall of Sound Old-School-Synthesizer, das ganze bläh, bläh, bläh.“

Es scheint, als wollten Garbage damit alles abdecken, was derzeit irgendwie cool, erfolgreich und innovativ ist – und zugleich das, was früher cool, erfolgreich und innovativ war. Wieder eine Doppelstrategie, mit der sie jugendliche Trendsetter ebenso erreichen wie die älteren Rock-Hörer. Shirley Manson eint ohnehin alle Fraktionen: Das Frauenklischee des „Vamp“ ist lange nicht bedient worden – hier erfahrt es eine Renovierung. Dabei muß Shirley nicht befürchten, daß Garbage-Songs psychologisch analysiert werden könnten – wie es gerade bei Songschreiberinnen so gerne praktiziert wird. Ein Geheimnis wäre auch nicht zu lüften – ist schon alles ausgeplaudert. Einen Teil des von Manson erwähnten „Blah, blah, blah“ hat sie übrigens höchstselbst beigesteuert: „Die Jungs wollten, daß ich Gitarre spiele. Und zwar unkonventionell.

Deswegen hab ich inzwischen auch dieses orange-rote Teil hier, die Gitarre, meine ich. How fucking cool is that?“

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