WM-Blog: Vorsicht, ihr Afrika-Versteher!


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Der Filmjournalist, Kritiker und ROLLING-STONE-Autor Rüdiger Suchsland schreibt hier über die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Vorsicht, ihr Afrika-Versteher!

„Da prallen Spieler ab“

Mehmet Scholl über Bastian Schweinsteiger

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Die deutsche Mannschaft wird ins Viertelfinale durchgereicht. Oder? Darauf ein Viertele badischen Wein! Algerien also. Russland wäre gefährlicher gewesen. Von Mexiko oder Chile, mit denen es die WM-Favoriten Holland und Brasilien zu tun haben, einmal ganz zu schweigen. Andererseits sollte man nicht glauben, die Algerier wären nur eine Art Trainingspartner. Schon dass die Algerier von allen deutschen Kommentatoren als „zweite afrikanische Mannschaft“ beschrieben werden, ist eine Beleidigung, vor allem aus Sicht der Algerier selber. Als würde man, wenn die Türken ins EM-Finale einziehen, von einer asiatischen Mannschaft sprechen.

Die Algerier selbst sehen sich eher als zweite Franzosen, als Subeuropäer. Allemal ist Algerien nur geographisch ein Teil Afrikas, kulturell ein Maghreb-Land und damit ein Teil der west-arabisch-islamischen (früher: maurischen) Kultur, und historisch ein Teil des Römischen Imperiums und damit der Mittelmeerkultur. Und wer schon einmal im Maghreb war, weiß, dass man da kulturell auf den schwarzen Kontinent herabblickt, und feinsinnig – auch noch auf Französisch – von den Sub-Sahara-Staaten spricht, wenn man Schwarzafrika meint.

Also Vorsicht, ihr Afrika-Versteher!

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Vorsicht ist auch sonst angesagt. Denn die Algerier könnte man als Angstgegner der Deutschen bezeichnen, sie haben die beste Bilanz aller Mannschaften der Welt gegen das DFB-Team: Zwei Spiele, zwei Siege. 100%!

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Am Spiel der Deutschen im Spätzle-Duell war angenehm, das Jogi Löw zumindest den größeren Teil unserer Ratschläge von gestern befolgt hat: Schweinsteiger von Anfang an, Götze raus und Pause für Khedira. Sogar Podolski spielte von Anfang an, und bildete damit die von mir als unwahrscheinlich, aber interessant angesehene Flügelzange mit Müller. Die war besser, als erwartet.

So richtig gut aber war nichts am Spiel der Deutschen. Sie gehören nicht zum engsten Favoritenkreis.

Nur Özil war wieder super. Und Müller bleibt ein Phänomen – er steht immer richtig! Warum Podolski in der zweiten Halbzeit raus musste, erschloss sich nicht. Klose ist auch besser als Joker ab der 60. Minute. Von Lahm dagegen war wieder nichts zu sehen. So sehen Arbeitssieger aus.

Die Mannschaft des schwäbischen Kaliforniers trat in Tennishemden mit ordentlichem Kragen an, als wolle sie in Wimbledon auflaufen, blieb aber sonst unauffälig.

Warum Ghana und Portugal im Parallelspiel nicht bedingungslos und riskant stürmten, ist unverständlich. Ronaldo hatte vor dem Spiel Zeit gehabt zum Friseur zu gehen, aber offenbar nicht dazu, seine Mannschaft auf ein alles-oder-nichts einzustellen. Man fragte sich, wie die Portugiesen je den Seeweg nach Indien finden konnten.

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Noch ein paar Bemerkungen zu Afrika: Es ist ja kein Rassismus, sondern Realismus, wenn man feststellt, dass der afrikanische Fußball nicht zufällig so schlecht ist, wie auch bei dieser WM. Seit 1978 hat die FIFA die Zahl der afrikanischen Teilnehmer von 1 auf 6 Teilnehmer erhöht. Das hat Blatter und seiner Kamarilla viele Stimmen gesichert. Aber das Niveau hat nicht im gleichen Maß zugenommen.

Es ist jedesmal wieder das Gleiche: Seit 1990 heißt es vor einer WM, in diesem Jahr werde endlich Afrika der Durchbruch gelingen. Und jedes mal bleiben die afrikanischen Länder gnadenlos auf der Strecke. Das ist auch kein Zufall sondern ökonomische wie kulturelle Notwendigkeit: Die Infrastruktur in Afrika ist schlecht, das Geld versickert. Die korrupten, meist miserablen Verbände sind ein künstliches Gebilde, eine Maske, die nur so aussieht wie ein Verband, die von Kriechertum und Willkür beherrscht und von Oligarchen kontrolliert wird. Staatschefs diktieren dem Trainer sogar die Mannschaftsaufstellung. Die Nationalmannschaft ist das Aushängeschild des jeweiligen Landes, aber auch dazu da, die ganzen Probleme, die sie eigentlich haben, zu verdecken. Fußball dient in Afrika mehr als irgendwo sonst als Opium fürs Volk, er lenkt von Miseren ab.