Kolumne

Uwe Kopfs Typewriter: 'Camerons Tasse Tee'

Engländer spinnen gerne, und jetzt wollen sie aus der EU. Von Winston Churchill bis Morrissey prägen Querköpfe die Insel


Foto:
Chris Jackson/Getty Images
Union Jack und Westminster Abbey.

Um den hau der engländer zu begreifen, sollten gerade die Deutschen und Österreicher berücksichtigen, dass Großbritannien immerhin den wichtigsten Mann der Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat: Premierminister Winston Churchill. Er war ein Abweichler und der erste Politiker, der sich gegen Hitler erhob, ihn durchschaute und das Vereinigte Königreich mit Erfolg verteidigte – ohne Churchill hätte Hitler womöglich die Weltherrschaft übernommen, dann gäbe es heute keinen Rock’n’Roll und keinen ROLLING STONE.

Jeder Engländer seit Churchill glaubt, er sei was Besonderes, ein Kauz oder Exzentriker, ein maverick: Bei uns heißen sie ja „Querdenker“, das sind Leute, die sich Petersilie statt Basilikum auf den Mozzarella tun (der Engländer gießt Hummersoße drüber). Der Zweitwichtigste neben Churchill und ein Supermaverick war König Heinrich der Achte, denn zum Segen der Menschen pfiff er auf den Papst und gründete seine eigene Kirche. Um seine Ziele zu erreichen, ließ er allerdings zwei seiner Ehefrauen ermorden und popularisierte diese Sitte unter Eheleuten; am Ende hatte Heinrich sich totgefressen, er ähnelte Reiner Calmund.

Jamie Oliver, obwohl bei Cambridge geboren und mit Philosophie aufgewachsen, lacht ständig beim Kochen, hat die deutschen Kochshows verursacht und den Köchen eingeredet, sich Humor anzutrainieren. Der humorfreie Berliner Adelsreporter Rolf Seelmann-Eggebert anglisiert sich seit 40 Jahren und kriegt demnächst einen Orden von der Queen, weil er nicht aufhört, vor ihr zu dienern, und oft errät, welche Gegenstände in ihrer Handtasche sind. Was Seelmann-Eggebert verschweigt: Frauen aus ganz Europa berichten und klagen über die Leistungen der Engländer im Bett – die Engländer können entweder eine Erektion kaum mal zwei Minuten halten, oder sie praktizieren das Tantra der indischen Einwanderer und folgen so dem Musiker Sting, der vier, fünf Stunden am Stück liebt (und die Frau muss seine Musik dabei erdulden).

David Cameron, derzeit Churchills Nachfolger, plant eine Racheaktion an Europa, hat seine Gedanken ganz quergelegt und überlegt, ob England auf eigene Rechnung existieren und bei der Europäischen Union kündigen soll; Camerons nächster Schritt wird sein, keinen Schlagersänger mehr zum „Eurovision Song Contest“ zu schicken. Um die Resteuropäer verrückt zu machen und aus reiner Bockigkeit, könnte er dann noch den Linksverkehr auf Rechtsverkehr umstellen, das Umstellen bald wieder zurücknehmen und seinen Tee nicht mehr um fünf Uhr nachmittags trinken, sondern Mick Jagger nachahmen – „I got nasty habits, I take tea at three, come on now honey, doncha wanna live with me?“

Der Sänger Morrissey aus Manchester möchte Cameron eigentlich applaudieren, aber dann doch nicht, denn Morrissey eiert so durchs Leben: „Egal, was es ist, ich bin dagegen!“ Groucho Marx meinte diesen Spruch noch als Witz, während Morrissey niemals scherzt – er findet die ganze Welt immer scheiße, darin (neben der Leierstimme) liegt seine Unerträglichkeit: Er offenbart den gleichen Stumpfsinn wie ein Mensch, der alles toll findet. Morrissey lässt sich mit einem Schießgewehr fotografieren, würde im Ernstfall aber nicht mal eine Ohrfeige hinkriegen. Einige Kulturwissenschaftler vergleichen Morrissey wegen seiner Neinsagerei mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard: Ein Skandal, denn Bernhard hat nur ungefähr 70 Prozent der Welt abgelehnt, gehasst und verteufelt, aber 30 Prozent bejaht, gelobt und verherrlicht; 30:70, ein vernünftiges Verhältnis.

Auch John Lennon aus Liverpool war ein Nationalmaverick und angeblich sogar ein Revolutionär, da er ab und zu eine Arbeitermütze trug und eine Kommunistenfaust in die Luft reckte. Aber Lennon und seine Kollegen bei den Beatles haben drei Jahre lang nur das Händchenhalten und Küssen thematisiert, zu mehr reichte die Fantasie nicht bis 1965: Dann erwachte Lennon, ihm flog ein bisschen Heidegger/Sartre/Camus durchs Hirn, weshalb er sich das Lied „Nowhere Man“ ausdachte – love, girl, heart usw. fehlten zum ers­ten Mal; erschütternd, dass Lennon damals bereits 25 gewesen ist. Unser maverick Georg Büchner war in dem Alter schon zwei Jahre tot.

Nächsten Monat kommt der Typewriter von Jenni Zylka.



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