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Hurricane 2011: Beth Gibbons Lächeln. So war der Freitag

Ein grandioser Start in das Hurricane-Wochenende mit Portishead und Arcade Fire in den Hauptrollen. Ob das noch besser werden kann? Der Nachbericht von Vor-Ort-Reporter Daniel Koch.

Kein schöner Start: Strahlend grauer Himmel, es regnete unablässig – und dann musste ein Großteil der Rund 70.000 Zuschauer auch noch das gesamte Gepäck samt Zelt, Verpflegung und dem Getränkebestand einer mittelgroßen Kneipe vom Park- zum Campingplatz schleppen. Der Anreise-Donnerstag setzte also alles daran, den Euphoriebremser zu geben. Dennoch: Am Freitagmorgen lichteten sich die Wolken, vereinzelt zeigte sich die Sonne und als das Festival dann um ca. 13.30 die Tore öffnete, war der Eichenring in Scheeßel zumindest für ein paar Stunden eine saftig-grüne Rasenfläche, lediglich durchschnitten von staubigen Wegen und dem Parcours der Pferderennbahn. In diesen ersten ruhigen Minuten ist es ja oft am schönsten – wenn die Meute noch draußen vorglüht, lediglich die ersten Neugierigen über das Gelände streifen und man selbst noch mehr Euphorie als Erschöpfung in den Knochen hat.



Hinzu kam, dass der Freitag für einen Großteil der Leserschaft sicher am meisten zu bieten hatte: Wann im Leben hat man denn schon mal die Chance Portishead live zu schauen? Gibt leider nicht mehr so viele in den letzten Jahren. Und im Anschluss dann auch noch Arcade Fire mit ihrem inzwischen vormvollendeten Bühnendrama – besser hätte es kaum starten können.

Zuvor hatten allerdings Twin Atlantic und Yoav jeweils auf den beiden Hauptbühnen die Gelegenheit ein paar neue Fans zu gewinnen, was erstere durch etwas zu betonte Begeisterung ein wenig vergeigten, letzterem aber mit Charme und veritablen Hits wie „Club Thing“ und „Beautiful Lie“ gelang. Der israelisch-südafrikanische Songwriter mit Electro-Affinität und Akustikgitarre sorgte auch für die vielleicht amüsanteste Ansage des Tages, als er von seiner Tour mit Katie Melua berichtete und diese als recht öde verkaufte. Ein Adjektiv, das auch für den Auftritt von Glasvegas zutraf, die zwar immer noch den ein oder anderen übergroßen Song haben, meist aber von ihrem übergroßen Bühnenschriftzug überstrahlt werden. Man mochte fast singen: „Here we here we here we fucking go home...“, vor allem wo James Allan komplett weißgewandet ähnlich abgehoben wirkte, wie einst Johnny Borrell von Razorlight auf einem abgesoffenen Glastonbury-Festival.

Gut und immer besser hingegen werden Kashmir, die sich bisweilen als die dänischen Coldplay abzüglich des Schmocks empfehlen. Da sie seit mittlerweile 1991 aktiv sind und ihre Oeuvre auf sechs durchweg überzeugende Alben verteilt haben, und bei all dem die Leidenschaft nicht verloren zu haben scheinen, begeisterten sie geradezu auf der Green Stage und füllten langsam aber stetig die Reihen vor ihnen. Ganz großes Kino, nicht zuletzt auch aufgrund der cleveren Bühnengestaltung. In ihrer Heimat Dänemark landen die Herren um Charismatiker Kasper Eistrup übrigens regelmäßig auf Platz 1 der Albencharts.

Aufgrund des bösen bösen Timetables musste man Suede dann leider ausfallen lassen. Zwischen Portishead und Arcade Fire spielend, war es fast unmöglich Brett Anderson noch die Ehre zu erweisen. Was doppelt schmerzte, als „Beautiful Ones“ herüberwehte und man später von einem Kollegen hörte, Brett Anderson hätte sich mit einer Inbrunst in die Songs geworfen, die seinesgleichen suchte. Dass dem so war, kann man in unserer Galerie sehen.

Bevor dann der Abend der übergroßen Gefühlte von Portishead und Arcade Fire zelebriert wurde, wärmte Guy Garvey und seine Mannen von Elbow die Stimmung mit englischem Charme gehörig auf. Schon seltsam, dass selbst diese langsam schwelgenden Songs wie „Lippy Kids“ funktionieren – bei dem ja sogar gepfiffen wird, was ein echtes No-Go auf Rockfestivals sein dürfte. Aber Garvey bemühte sich auch um den letzten Fan oder Nicht-Fan, redete unablässig mit dem Publikum, badete in der Menge, ließ sich eine Sonnenbrille schenken und forderte selbst „all the people at the cocktail bar“ auf, ihnen doch bitte mal zuzujubeln. Was diese trotz Cocktail in der Hand dann auch taten. Wie passend: Die Textzeile „I’ve been working on a cocktail names ‚Grounds for Divorce’ erhielt laute Props und Cheers. Der Ausklang dann zum weltumarmen: „Open Arms“ und „One Day Like This“ – zwei Songs, die geschrieben wurden, um sie von diesen Riesenbühnen zu singen.

Was man von den quälend schönen Songs von Portishead nicht unbedingt sagen kann. Und das wurde wie erwartet zum Problem, wenn man es nicht mehr in den vorderen Bühnenbereich schaffte und zwischen labernden Menschenhorden ausharren musste, die trotzdem keinen Platz machen wollten. Dennoch war es wunderschön und ergreifend, was dort aus den Boxen rollte. Diese langsam schiebenden Bässe, von denen man nie weiß, aus welchem Keller Geoff Barrow sie geholt und wie er sie die Treppe raufbekommen hat. Wie sanfte Wellen massieren sie mir den Bauch, während Beth Gibbons in das Mikrofon haucht und jault und säuselt. Und dann dieser eine Moment – war es bei „The Rip“ oder bei „Machine Gun“ – wo Gibbons Blick in die Runde streift, Barrow streift, dann Adrian Utley und dann plötzlich bricht dieses freie Lachen heraus, wird geschluckt, fängt sich in einem wunderschönen Lächeln. Gestern Nacht schrieb man noch ganz ergriffen in den Blog: „Verdammt noch mal – wenn das unser Fotograf geschossen hat, möchte ich mit diesem Lächeln an der Zimmerwand aufwachen.“ Portishead waren also mitnichten dort, um bloß ein wenig Geld in die ausgedünnte Bandkasse zu spielen. Musikalisch atemraubend, perfekt gespielt, glaubwürdig dargeboten – und visuell wunderschön verpackt, mit vielen Gibbons-Schwarzweiß-Aufnahmen und auch bei den Live-Bildern auf den Leinwänden konsequent durchgezogener Schwarz-Weiß-Ästhetik –findet man im Rückblick nur noch schwärmende Worte.

Arcade Fire enttäuschten im Anschluss ebensowenig. Ihre Show, die sie vor allem um die „The Suburbs“-Optik gebaut haben, wird immer eindrucksvoller und bietet augenscheinlich mit jedem weiteren Gig ein oder zwei neue Leinwände auf. Diesmal fanden sich auch Szenen aus „The Suburbs“, dem Kurzfilm von Spike Jonze und der Band, wieder. Doch trotz dem visuellen Overkill und einem Bühnenaufbau, an dem man sich nicht sattsehen kann, schaffen es Arcade Fire immer noch, die Blicke auf ihre stürmische Performance und ihre Charakterköpfe zu ziehen. Und natürlich immer wieder den Publikumschor einzufordern. Denn, wie eine Freundin ganz richtig bemerkte: „Die haben schon ganz schön viele UUUHHHSSSS und AAAAHHHHSSSS in ihren Songs.“ In der Tat. Vor allem im Rausschmeißer „Wake up“, der skandierend eingefordert wurde: „Ohne ‚Wake Up’ gehen wir nicht nach Haus!“ wurde da gefordert. Zuvor wurden zwar „Neighborhood #3“„Intervention“ und „No Cars Go“ geliefert, den Kern des Sets bildeten aber vor allem die Songs von „The Suburbs“. Angefangen mit „Ready To Start“ – wie passend – und zu Ende gebracht nach „Wake Up“ mit dem Song, in dem Arcade Fire Cyndie Lauper nacheifern: „"Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)". Dass sie trotz zweier gefeierter Alben damit durchkommen, wo doch bei anderen Bands immer nur die frühen Hits gefordert werden, zeigt, was für einen steilen Flug die Kanadier hinter sich haben – Absturz ausgeschlossen.

Wer dann noch nicht genug hatte, der konnte noch versuchen, sich an den 20.000 wartenden vorbeizudrängeln, um sich in das Zelt der White Stage zu Digitalism zu quetschen. Oder aber man schaute sich die bunten Bilder der Chemical Brothers an, die auf unseren Fotos zwar toll aussehen, aber seit vier Jahren dieselben sind. Bum Bum Bum macht’s trotzdem gut. Das können sie ja.



A A A
Kommentare (4)
Selbes festival?

Waren wir auf dem gleichen festival?
Portishead war stinklangweilig, live noch wesentlich deprimierender als auf Platte, vollkommen ungeeignet für eine Festivalhauptbühne.
Ähnliches gilt für Arcade Fire, seichtes Pop TamTam, das sind keine topacts, für die es sich 126,50 € zu zahlen lohnt. Bestenfalls für die Red stage geeignet. Da hingegen kam man ab 15.00 uhr schon nicht mehr rein, und deswegen mussten die Massen auf festivaltaugliches Musik von Sum 41 und Sick of it all verzichten. Ganz schlechte Planung.
Zumindest vom Meinungsbild um mich rum stand ich damit wohl nicht allein.
Gottseidank war der Samstag besser.

"Seichtes Pop TamTam"?!?

Lieber Nick, in der Frage: "Wie bediene ich ein riesiges grölendes, halbverblödetes Festival-Publikum mit 2,5 Durschnittspromillen und 16 Durchschnittsjahren, die einfach nur sinnentlehrt ihren irritierenden ersten Hormonschub wegpogen wollen?!" sind Bands wie Portishead oder Arcade Fire sicherlich nicht die richtige Antwort - da gebe ich dir genauso recht wie man sich zur letzten Portishead-Scheibe mit Wonne die Pulsadern aufschneiden konnte. Arcade Fire allerdings als "seichtes PopTamTam" zu bezeichnen, diese Band als nicht Haupt-Act-würdig darzustellen und sich dagegen Sum 41 sowie Sick of it all als "festivaltaugliche Musik" zu wünschen, passt ja unter oben genannte Kriterien der rhetorischen Frage. Oder ich sag's mal so: Geh doch nächstes Jahr zu "Rock am Ring" oder ähnlichen "Top-Act-Festivals"... - da sind dann hoffentlich Acts, für die es sich deiner Einlassung nach gaaanz bestimmt lohnt 126,50 Euros zu zahlen. Nächstes Jahr z. B. - dann sind dort grölende Düsseldorfer Pseudo-Punks als Haupt-Act - vielleicht dann die "richtige" Festival-Atmosphäre? Aber da sind dann wieder nicht die privilegierten Micky-Maus-Mittelstands-Punks von Scum 41 dabei... schade aber auch - hätte man aber meinen können, weil noch teurer...

Antwort

Lieber Sandro
Danke dass du mich für 16, grölend, halb verblödet und 2,5 promille Intus hälst.
Fühle ich mich mit 31, akademischer Grad, und selber schon als Musiker auf einer festival Hauptbühne gewesen nicht angesprochen. 2 Bier hatte ich getrunken....Punkt für dich.
Meine Schwester als Portishead Fan der ersten Stunde fand es auch ziemlich langweilig, aber über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten..
Habe den obengenannten Bands ja nicht Ihre Daseinsberechtigung für Festvials abgesprochen, lediglich Ort und Zeit blieben für mich und alle um mich rum fraglich.
Binsenweisheit ist, dass manche Musik auf Platte nicht funktioniert, aber dafür besser in der Liveatmosphäre, und andersrum, ein Grammy fürs Beste Album nicht automatisch heißt, dass es sich hierbei um einen sehenswerten Liveact handelt. Außerdem beschleicht einem der Verdacht, dass es Portishead und Arcade Fire schon so oft im Doppelpack gab, dass da vielleicht eine Gemeinsames Marketing dahintersteckt. Ist aber Spekulation.
Mir gefällt es zwischen grölenden und hormonschiebenden Teens auf jedenfall besser, als auf der VIP Veranda Prosecco zu schlürfen (hatte ich auch schon)
Zum priviligierten Mittelstandspunk sag ich jetzt nichts, da hört ja jeder den unerträglich kleingeistigen deutschen Sozialneid raus. Oder ist es der Neid, dass es deine Punkband nicht über die Mittelstufenfete des örtlichen Gymnasiums herrausgeschafft hat?
Mit Bestem Gruß

Antwort auf die Antwort

Lieber Nick,
dann bin ich ja nochmal einen Tick älter als Du und ich fand den Auftritt von Arcade Fire den mit weiten Abstand besten des gesamten Wochenendes. (Portishead waren auch großartig) Sie gelten ja auch nicht unberechtigt ale eine der besten Livebands des Planeten.
Klingt blöd: Sum 41 kenn ich gar nicht.

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