Scheiß Wetter, bester Line-up-Tag des Wochenendes - so ungefähr lässt sich der letzte, zerregnete Tag des diesjährigen Hurricane zusammenfassen. Petrus kriegt von uns den Mittelfinger - das Publikum und die Acts des Tages den Daumen nach oben.
Jetzt, in der sicheren Distanz unseres "Arbeitszimmers" im
lauschigen Landgasthof Roose, dürfen wir ihn ja sagen - bzw.
schreiben - diesen Satz, der ab dem Auftritt von Kettcar auf dem gesamten
Gelände die Runden machte: "Dort hinten wird's hell!". Man kennt
die Zeile natürlich, aus dem Song "Nacht", dieser wundervollen
Kettcar-Hymne, die man vorzugsweise auf den letzten betrunkenen
Metern zwischen HVV-Abladestelle und Haustür auf Kopfhörern hört.
Kettcar hatten bei ihrem souveränen und wie immer munter von
Wiebusch und Co. kommentierten Auftritt auf der Hauptbühne die
Parole ausgesprochen: "Jedem, der jetzt 'dort hinten wird's hell'
sagt, dürft ihr in die Fresse hauen." Sie sagten es, kurz bevor man
"Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd" anspielte, in
einem der raren Momenten, in dem der Himmel tatsächlich mal kurz
aufbrach und Petrus das Gepladder mal für ein paar Minuten
abstellte.
Aber diese Momente ließen sich am letzten Hurricane-Tag an der
Hand eines betriebsverunfallten Tischlers abzählen: Es waren drei.
Und genau das war der Grund, warum die ausharrenden Besucher des
Hurricane immer wieder trotzig scherzten: "Dort hinten wird's
hell!" Aber dann war es doch meist nur ein Änderung der Schwarz-
und Grau-Nuancen der nächsten Wolkenarmada.
Tja, das Hurricane und das Wetter - das war ja schon immer ein
Wechselbad der Gefühle. Da lagen Sonnenbrand und
Nierenbeckenentzündung schon immer nur einen Tag oder ein paar
Stunden entfernt. Aber man ist ja im stoischen Norden - und wer
nicht zu jenen gehörte, die schon am frühen Mittag das Weite suchte
(was dann doch einige taten), der erlebte noch mal einen Tag, der
in Sachen Line-up fast zuviel gutes aufbrachte. Da suchte man die
lästige Ska-Punks oder die überflüssigen
Mainstream-Rock-Breitbeiner meist vergeblich.
Wer es zum Beispiel schon zur Mittagszeit auf das Gelände
schaffte, der konnte sich an der Red Stage von Mutter den
"Regenwurm" und andere Lieder, bei denen man sich herrlichst an
einem grauen Sonntag umbringen kann, vorspielen lassen. Nicht
umsonst hat deren Sänger Max Müller ja ein Soloalbum namens
"Endlich tot", das zwar undurchhörbar aber ebenso schwarz wie gut
ist. Zeitgleich spielten jedoch auch We Are Augustines aus New
York, die uns später im Interview verrieten, dass sie immer noch
nicht wissen, warum die deutschen Journos immer sagen, sie klängen
wie The National. Aber es gibt ja auch schlechtere Vergleiche.
Vermutlich liegt die oft gebrauchte Referenz in der gemeinsamen
Heimat und einem Sänger, der ähnlich wie The Nationals Matt
Berninger oft eher charismatisch grummelt als laut heraus singt.
Aber Billy McCarthy und seine Bandkollegen sollte man sich merken:
Ihr Debüt "Rise Ye Sunken Ships" hat dann auch entscheidend einige
erreicht, denn die ersten Reihen waren zwar schon matschig aber
pickepackvoll. Für die Band, war es übrigens das erste Festival mit
Regen, das sie jemals gespielt haben. Na, denn herzlich willkommen
in Europa, meine Herren! Da werden noch einige kommen!
Mit guten Namen ging es weiter: Twin Shadow und Selah Sue (Foto) gleich
hintereinander weg auf der Blue Stage - und so früh am Tag fast
verheizt möchte man sagen. Gerade die quirlige Selah Sue hätte auch
einen besseren Slot verdient. Gleiches gilt für Frank Turner und
seine Band The Sleeping Souls, der ja inzwischen ein gern gesehener
Gast in Deutschland und auch auf dem Hurricane ist, und der sich
später am Stand des Rolling Stone rührend um seine für ein
Autogramm anstehende Fans kümmerte. Frank Turners Sound zwischen
Punkrock und Folk oder "teenage kicks and gramophones" hat eben die
Kraft, einen an so einem schlammigen, verkaterten Nachmittag auf
die Beine zu bringen: "And who'd've thought that after all /
Something as simple / As rock 'n' roll would save us all? /
Who'd've thought that after all / It was rock n roll!", singt er in
diesem Song namens "I Believe" - und die sich in die Luft reckenden
Fäuste pflichteten ihm bei. Und wenn man da so den ein oder anderen
schon um halb vier wankenden sah, wusste man auch, warum so viele
bei "Photosynthesis" mitsangen, obwohl sie den Titel schon
nicht mehr aussprechen konnte: "And I won't sit down / And I won't
shut up / And most of all I will not grow up". Yeah! So muss
das!
Die Epileptiker-Fraktion zappelte ungefähr zeitgleich vor der
Red Stage mit dem Comedy- und/oder Rapper-Duo Die Antwoord aus
Südafrika. Es kam dann auch genauso, wie wir es in unseren
"Empfehlungen des Hauses" in der vergangenen Woche
angekündigt hatten: Jeder wusste, dass man niemals ein Album dieser
Band am Stück durchhören kann, aber die Energie, der Gaga-Faktor
(nicht zu verwechseln mit dem "Lady Gaga"-Faktor) von Zef
Rap-Rave-Master Ninja und Rapperin Yo-Landi Visser und dieser
Soundbastard aus HipHop und Eurodisco lassen einen einfach nicht
stillstehen. Ganz zu schweigen von der schrägen Optik: Ninja, der
sich als Chefmacker gibt und schon mal mit seinem angeblich
eindrucksvollen Gemächt schlackert, und Yo-Landi, die vermutlich
Mitte 20 ist, aber im Körper einer 14jährigen steckt und in ihrem
Golddress die "Little Bitch" gibt - das ist schon, ähm,
ungewöhnlich. Die Kooks verrieten uns dann wenig später im
Interview übrigens, dass sie auch völlig begeistert waren, aber
Angst hatten, Zef backstage anzusprechen, weil der so grimmig
guckte. Als man es sich dann aber traute, lächelte der breit und
freundlich und freute sich wie ein Schuljunge - was mal wieder
bewies, dass diese Band vor allem Show ist, und man weder Texte
noch Biografie nicht zu ernst nehmen sollte.
Ähnlich ist es auch bei K.I.Z., die sich ja in der Rolle der
Enfant Terribles der heimischen HipHop-Szene gefallen. Der
provozierende Pimmel-Humor, der prollig-ironische Sexismus, das
permanente Gefluche - eine Fassade, die einfach zu ihrem Konzept
passt, das jedoch nix mit Kunst zu tun hat, sondern eher lautet:
Kleine, große Jungs haben eine gute Zeit. Und die haben sie eben
durch Fäkalhumor und der Freude, den Leuten ans Bein zu pissen.
Aber man lässt sich doch zu gerne hinreißen, "Hölle, Hölle,
Hurricane!" zu skandieren oder, bevor man "Hurensohn" anstimmt zu
sagen: "Jetzt singen wir die deutsche Nationalhymne!" Live
funktionieren K.I.Z. auf einem Festival natürlich vorzüglich, was
sich auch über Kraftklub sagen lässt, die die Kapazitäten der Red
Stage an ihre Grenzen führte. Durch den schlauchartigen Zugang
drängelte sich die Menge bis fast hin zur Blue Stage. Wer clever
war, verließ das Gelände und guckte von der anderen Seite des
Zaunes. "Gruß an die Zaungäste", gab es dann von Sänger Felix, den
man später noch wild tanzend auf der Terrasse vor unserer Rolling
Stone-Lounge vorfand, wo er wild zu den Ärzten grölte, aber immer
noch Zeit für ein Foto mit Fans hatte.
Auch die Shins bekamen, ähnlich wie die schon anfangs erwähnten
Kettcar auf der Hauptbühne, auf der Blue Stage ihren Moment des
Sonnenscheins, der laut bejubelt und von James Mercer perfekt
beschallt wurde. Überhaupt schien der ja oft so schüchtern wirkende
James Mercer guter Dinge zu sein. Oft lächelte er und scherzte:
"Das Wetter hier erinnert uns ziemlich an unsere Heimat in
Portland, Oregon. Und der Wald dahinten sieht aus, wie der Wald, in
dem ich als Kind immer gespielt habe." Mercer hat bis zu seinem
dritten Lebensjahr als Sohn eines G.I.s in Deutschland gewohnt -
muss man wissen. Die zauberhafte Natasha von Bat For Lashes hatte
auf der Red Stage leider nicht ganz so viel Publikum, wie ihre
Stimme verdient hätte, ihre starke Ausdruckstanz-Performance tat
das jedoch keinen Abbruch. Sie schlängelte sich zum Rhythmus ihrer
geisterhaften Popsongs, sah dabei in ihrem Kleid fantastisch aus
und schloß das Set mit ihrer traurigen Pophymne auf ihre erste
Jugendliebe "Daniel". Dass das dem Autor dieser Zeilen gefallen
hat, dürfte bei einem Blick in die Autorenzeile klar sein.
The Temper Trap wärmten die Menge vor der Red Stage dann mit den
ambitionierten Popsongs ihres gerade veröffentlichten Zweitwerks
und natürlich mit "Love Lost" und ähnlichem. Schönster Moment war,
als die Securitys der Bühne plötzlich einen Clown verspeist hatten,
sich gleichzeitig auf die Metalgitter stellten und die Menge
dirigierten. Da dachte man: So muss man das machen mit dem
Scheißwetter! Mit guter Laune dagegen halten!
Die Scheiß-Wetter/Super-Bands-Gleichung gab es dann zu den
Headliner-Zeiten in seiner extremsten Ausprägung. Der Regen
peitschte noch ein wenig fieser durch den stärker werdenden Wind
und zu der eh schon schweren Frage, ob man sich nun die gute
Abendunterhaltung der Ärzte abholt, den Nostalgie-Dance bei New
Order mitmacht oder sich die wehmütigen Bläser von Beirut anschaut,
kam noch das Angebot ein Elfmeterschießen der britischen
Fußballmannschaft anzuschauen, was ja auch immer eine gewisse
Dramatik mitbringt. Nun ja - wie das mit dem Elfmeterschießen
ausgegangen ist, wird ja jeder mitbekommen haben. Ähnlich
erwartbar, aber eben auch ähnlich mitreißend waren Die Ärzte. Die
kamen mit 20 Minuten Verspätung auf die Bühne. Beziehungsweise, wie
Farin klarstellte: "Wir standen hier auch frierend auf der Bühne.
Aber es gab ein Problem. Ein Arschlochproblem. Ja, so kann man das
nennen. Ein Arschlochproblem." Und Bela fügte hinzu: "Dafür lassen
wir uns dann heute nicht vorschreiben, wann wir von der Bühne
müssen!" Und dann ging es schon los und die im Wind und Regen
harrende Menge von Anfang bis Ende ab. "Hurra" war da der perfekte
Einstieg, selbst wenn die (Wetter-) "Wende"-Ausblieb. Das Set war
dann die gewohnte Mischung aus neuen Songs, den Hits, Hits, Hits,
einem Medley mit alten Quatschnummern und natürlich "Zu Spät" im
Zugabenteil. Schön war der kleine Diss gen Campino, als man bei
"Arschloch" die Zeile sang: "Du hast nie gelernt dich zu
artikulieren / und selbst Campino hatte niemals für dich Zeit / Oh
oh oh Arschloch". Bela gab übrigens den Fanboy und spielte auf
einem Drumkit, das mit dem Schriftzug von The Cure bedruckt war. Er
hatte ja schon in unserem Interview gesagt
(http://www.rollingstone.de/magazin/features/article290373/bela-b-von-die-aerzte-im-interview-kurz-vor-der-show-hoere-ich-bruellend-laut-musik.html):
"Der Höhepunkt ist sicher, dass wir mit The Cure auf einem Festival
spielen. Der Name meiner Band neben The Cure auf einem
Festival-Shirt, ist für mich jetzt schon ein Höhepunkt des
Jahres."
New Order lieferten derweil auf der blauen Bühne ein Best
of-Set, aufgehübscht mit satten Visuals, die aber auch nicht
überspielen konnten, das "Hooky", also Peter Hook, einfach eine
Leerstehle hinterlassen hat, die der neue Basser nicht füllen kann.
Er war stets bemüht, den so einzigartigen Bass-Sound hinzubekommen
- aber man weiß ja, was diese Formulierung bedeutet. Konnte man
aber dennoch drüber hinwegsehen, wenn man sich diesen Songs und
ihrer mitschwingenden Bedeutung für die Popkultur einfach
hingibt.
Der poetische Ausklang auf der Red Stage kam dann von Beirut,
die zwar aufgrund der Soundüberschneidungen in den Songpausen die
New Order Songs mitsingen konnten, wenn sie aber ihre Bläser
erklingen ließen, war das alles vergessen und die paar Tausend
Menschen, die sich dort zusammengefunden hatten, tanzten mit einer
Hingabe zu den Balkan- und ja oft auch Walzer-inspirierten
Bläsermelodien, dass es eine wahre Freude war. Da sah man
schunkelnde Pärchen, eine Dame mit Kopftuch, die Salsa mit
Balkan-Folk zusammentanzte, eine Mädchenriege, die verschiedene
Choreographien ausprobierten und immer wieder sich zum wehmütigen
Bläserklang wogende Hüften.
Tja, und dann war es auch schon vorbei mit dem Hurricane 2012
und man zieht den Hut vor all jenen, die sich nach dem letzten Gig
noch in ihre hoffentlich nicht weggewehten, vermutlich aber nassen
Zelte schleppen musste. Vielleicht halfen ihnen dabei ja auch ein
paar Zeilen aus dem Kettcar-Song mit dem Satz, den man nicht sagen
durfte: " Und alles was ich brauche heut nacht / Eigentlich nicht
viel / Nur einen Platz / Von dem aus ich / Deinen Schlaf beobachten
kann / Das ist eigentlich nicht viel / Alles." Und das ist
schließlich auch so, wenn der Platz eine feuchte Iso-Matte ist.
Florence and the Machine sind wunderbar pathetisch und extravagant – Noel Gallagher spielt stoisch seinen Stiefel durch. Schlimm? Nein, genau richtig so! Seine Fans sind im Glückszustand.
In diesem Jahr werden wir zusätzlich zur umfangreichen Bild- und Wortberichterstattung täglich kleine Videointerviews und -Impressionen vom Festival bringen. Hier gibt's alle Infos zur Hurricam!
Der Supergau ist ausgeblieben: Deutschland hat 4:2 gewonnen und The xx und die Sportfreunde Stiller mussten während der Übertragung nicht vor leeren Rängen spielen. Doch auch wenn der Fußball kurz im Mittelpunkt stand, der erste Festivaltag überzeugte vor allem durch seine Musik.
Auch am zweiten Festivaltag waren unsere Reporter auf dem Zeltplatz unterwegs, um die diesjährige Hurricane-Stimmung direkt bei Euch, den Besuchern, aufzunehmen.