Warum das Sjock Festival in Belgien vieles anders (und vielleicht besser) macht
Humane Bierpreise, Bechersammeln als Volkssport und ein bisschen Rebellion.
Viele bekannte Festivals werden immer teurer und größer, um den nächsten Besucherrekord zu knacken. Umso überraschender ist es, wenn man aber plötzlich auf ein Festival stößt, das sich diesen Trends ganz bewusst komplett entzieht. So geschehen beim Sjock Festival (gesprochen: Shock Festival) im belgischen Gierle. Bekannt ist es bei Punkrock-, Rockabilly-, Garage-Rock- und Surfmusik-Fans aus ganz Europa. Trotzdem erinnert dieses vereinsorganisierte Festival eher an ein generationsübergreifendes Volksfest als an ein klassisches Rockevent. Für 80 Euro ist man das ganze Wochenende dabei, Parken inklusive.
Keine Taschenkontrollen, keine Bevormundung
Was mich irritiert hat: Am Eingang wurde mein Rucksack nicht kontrolliert. Niemand wollte wissen, ob ich Glasflaschen dabeihabe. Bei Großveranstaltungen wie Rock am Ring oder Hurricane undenkbar. Die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die Waffen, Pyro oder andere gefährliche Gegenstände aufs Gelände schmuggeln, wäre viel zu groß. Bei einem Festival dieser Größenordnung scheint das aber zu funktionieren. Vor allem wohl, weil man sich einfach aufeinander verlässt. Die freiwilligen Helfer sind Nachbarn, Freunde, Jugendliche und Eltern, und das Publikum weiß das zu schätzen.
Müllvermeidung dank Teamgeist
Von deutschen Festivals bin ich es auch gewohnt, meine Pfandbecher gut zu verteidigen – immerhin werden pro Stück bis zu drei Euro auf den Getränkepreis draufgeschlagen. Beim Sjock geben viele dagegen freiwillig ihre Becher ab und vor allem die Kids sammeln sie. Denn das Festival hat ein schlaues System: Man besorgt sich Tokens an einem Stand, ein Plastikchip ist drei Euro wert. Sammelt man zehn Getränkebecher oder Plastikflaschen, bekommt man einen Token von der Pfandsammelstelle zurück.
Ein paar mal Bücken also und schon hat man sich eine Cola oder ein Bier für drei Euro verdient. Für eine große Portion Pommes braucht es zwei Token – auch noch ein guter Deal. So hält sich das Festivalgelände sozusagen auch von ganz allein sauber. Auch lange Bierschlangen vermeidet das Festival durch die Token-Regel. Trotz Andrang am Stand bekam ich nach etwa einer halben Minute ein Getränk hingestellt, selbst wenn gerade nebenan der Headliner spielte.
Musikalisch liefert das Sjock deutlich mehr ab, als man bei einem 80-Euro-Wochenendticket erwarten würde. Allein für einen der Headliner müsste man schließlich heutzutage so viel zahlen. Internationale Acts wie Refused, Melissa Etheridge und Wolfmother teilen sich die Bühne mit Alternative-Bands wie Fidlar, The Undertones und Turbonegro.
Obwohl das vom örtlichen Jugendclub geführte Festival keine Hammergagen zahlen kann, zeigen sich offenbar selbst weltbekannte Bands begeistert von dem Konzept und reisen gern für diese Erfahrung aufs platte Land. Hinzu kommen Geheimtipps aus der Szene, die auf die drei Bühnen des Geländes verteilt werden. So viel Mut zum Booking würde ich mir bei jedem Festival wünschen.
Festival geht auch anders, wenn man nur will
Auch das „Sjock“ ist inzwischen kein „Geheimtipp“ mehr. Aber es ist für mich ein kleines, aber feines Vorbild, das zeigt: Festival geht auch ganz anders, wenn das Zusammengehörigkeitsgefühl da ist. Und Alternativen zu den Big Playern der Festival-Szene gibt es in Deutschland und im europäischen Ausland reichlich.