Parole Brandi: Vier Mal masturbieren ist die bessere Meditations-App
Je eigenwilliger die Rituale, desto besser fließen die kreativen Säfte, findet unsere Kolumnistin.
Das Leben normt sich zunehmend. Menschen, die früher niemals joggen gegangen wären, laufen heute mit gehetztem Blick durch die Grünanlagen von Großstädten. (Ich gehöre dazu).
Sport, Ernährung und Supplements gehören für viele zum Alltag und sind nicht mehr wegzudenken. Gegen den Stress, den das permanente Self-Tracking verursacht, helfen Yoga, vielleicht die Sauna im Fittie oder Sex über eine App. Es gibt ja auch Meditations-Apps, eine Verfehlung der Menschheit, die eine eigene Kolumne verdient hätte.
Das ist ja alles schön und gut. Aber ich bin davon überzeugt: Die Bedingungen für kreatives Schaffen sind so vielfältig, wie die Menschen selbst.
Nein, keine Angst – früher war nicht alles besser.
Trotzdem gab es zu früheren Zeiten wirklich die merkwürdigsten Routinen von großen Künstler:innen und Denker:innen. Individuelle Marotten, die noch nicht aus dem vernünftigen Normieland des Internets stammten und sicherlich eine Menge mehr über die betreffende Person aussagten, als jede Biografie es hätte herausarbeiten können.
Genies mit faulen Äpfeln
Es ist bekannt, dass zum Beispiel Beethoven jeden Morgen exakt fünfundsechzig Kaffeebohnen abgezählt hat, mit denen sein Morgenkaffee zubereitet werden musste, und sich anschließend einen Krug mit kaltem Wasser über den Kopf goss.
Schiller soll nur nachts geschrieben haben. Inmitten gefährlich vieler Kerzen, während er nach und nach zwei Flaschen Rotwein leerte und faule Äpfel um ihn her kullerten, weil ihr Geruch seine Fantasie anregte.
Marcel Proust schrieb ausschließlich im Bett, wo er fast die meiste Zeit über zu finden war. Und eine brave Haushälterin brachte ihm ein Croissant und einen Milchkaffee. Oft das einzige, von dem er sich ernährte.
Und die Frauen?
Überhaupt, die Frauen. Die schienen oft einfach, naja, früher nicht so richtig zum kreativ sein zu kommen, nicht wahr? Es ist hinlänglich bekannt, dass Gustav Mahler (dessen Werk ich sehr schätze), ein regelrechtes Arschloch war und seiner Alma das
Nicht umsonst hat eine schriftstellerische Urgewalt wie Virginia Woolf den Appell verschriftlicht, eine Frau brauche „Ein Zimmer für sich allein“, um schreiben zu können. Seit den Zeiten von Woolf oder Harriet Beecher Stowe („Onkel Toms Hütte“), Margaret Mitchell („Vom Winde verweht“) oder Mary Shelley („Frankenstein“) haben Frauen es geschafft, sich mehr Freiheiten zu erkämpfen und können, wenn sie heute Künstlerinnen sind, ihren Tagesablauf selbst bestimmen. Was als revolutionärer Akt gar nicht hoch genug gehängt werden kann.
Schrieben Frauen wie die Brontë Schwestern oder Jane Austen noch in mageren, hart ergatterten Stunden zwischen einer täglichen Flut von Haushaltspflichten, dürfen heute Literatinnen wie Zadie Smith auch mal „wochenlang nichts“ schreiben, wenn das dazu dient, einem Buch die nötigen Ruhepausen zu verschaffen. Juli Zeh hat, glaube ich, irgendwo mal erzählt, dass sie früher nur nachts und nur mit viel Rotwein und Zigaretten schreiben konnte. Was sie allerdings mittlerweile aufgegeben hat, weil sie sich wohl Gedanken um die Nachhaltigkeit einer solchen Schreibpraxis gemacht hat.
Masturbation und Käse-Schinken-Sandwich
Aber dass Frauen heute überhaupt so eine Art der Wahl haben, ist eine riesige Errungenschaft und sollte absolut ausgekostet werden. Wir sollten uns alle eine möglichst bekloppte Routine zulegen, an der die Leute einen wirklich im Grunde unserer Seele erkennen können.
Denn Kreativität folgt immer einer feinen Kalibrierung, die genau auf die Person abgestimmt ist. Und jeder Mensch muss selbst am besten wissen, was die eigene Produktivität in Wahrheit fördert.
Manche Menschen brauchen das Wohlgefühl des eigenen Bettes, andere müssen jeden Morgen neben sich stehen und wie ein Feldwebel gegen den inneren Schweinehund angehen.
Aber einige Menschen, die ich kenne, haben es geschafft, sich dem Diktat der Gesundheit und der Vernunft auch heute noch zu widersetzen. Ich habe eine Bekannte, die Bilder malt und jeden Morgen als erste Amtshandlung viermal masturbiert. Einfach, um auf Touren zu kommen. Anschließend trinkt sie noch einen Energydrink, isst ein Käse-Schinken-Sandwich mit Mayonnaise und Ketchup, raucht bis in den Abend und malt und zeichnet auf dem Boden ihrer Wohnung liegend vor sich hin.
Der Geruch von Tomaten
Eine Freundin der Familie lebt auf dem Land und liegt morgens zunächst eine gute Stunde wach im Bett, um ihren Körper und alles, was sie besitzt oder draußen hört, zu begrüßen. Ja, auch den Ofen und die Toilettenspülung. Dann geht sie (meist noch im Dunkeln) nackt hinaus und legt sich in einen mit eiskaltem Wasser gefüllten Futtertrog, bürstet sich danach am ganzen Körper ab und kugelt einmal die Weide hinunter bis zum Weidezaun, hinter dem der Wald anfängt.
Eine andere (mittlerweile verstorbene) Bekannte konnte nur arbeiten, wenn sie sich bei Sonnenaufgang in ihr Gewächshaus mitten unter die Tomatenpflanzen gesetzt hat. Da das eine saisonale Angelegenheit war, konnte sie, anders als viele Kolleg:innen, in Herbst und Winter im Grunde gar nicht arbeiten, weil ihr der Geruch der Tomaten dann fehlte. Sie versuchte es wohl einmal mit Lilien, die sie alternativ überall im Zimmer aufstellte, musste aber nach einem Tag das Experiment abbrechen, weil sie von dem Duft der Blumen bohrende Kopfschmerzen bekam.
Die Morgenente (süß-sauer)
Und dann gibt es noch meine Freundin Luise, die morgens zu gar nichts zu gebrauchen ist, es sei denn, ihre Partnerin bringt ihr eine „Ente süß-sauer“ ans Bett. Die zwei leben in einer Stadtwohnung über einem chinesischen Imbiss, wo jeden Abend eine Ente gekauft werden muss, damit die Gute am nächsten Morgen auch aufstehen will. „Wozu soll ich sonst aus dem Bett, kannst du mir das sagen? Es braucht schon einen starken Anreiz!“ hat sie mir mal erklärt und ich fand das, ehrlich gesagt, ziemlich plausibel.
Weil auch ich langsam mal wieder vorankommen muss, habe ich mir mein altes Hexenritual verordnet, das ich hier nicht aufschreiben kann, da es nicht ganz legal ist und außerdem sonst seine Wirkung verliert. Nur so viel: Es hat mit dem Abbrennen von Dingen zu tun. Und ja, auch ein bisschen mit Nacktheit und natürlich auch mit Musik. Und ich komme, seitdem ich das (anstelle von Netflix) mache, wieder auf Ideen, die sich anfühlen, als wären es meine eigenen.
Ich kann also allen nur raten, sich auf die Suche nach den eigenen Ritualen zu machen, alle gesellschaftlichen Regeln über Bord zu werfen und einfach nochmal ganz von vorne anzufangen. Irgendwo in der Nähe steht doch immer ein Futtertrog voll Wasser.