
Kevin Kühnert: Silvester gehört der Popmusik
Unter Kolumnist verbringt den letzten Tag des Jahres mit Konzertmitschnitten aus dem 3Sat-Archiv.
Sie haben für Silvester noch keinen Pläne und Verabredungen? Sehr gut! Dann machen Sie jetzt bloß keinen Fehler. Sie müssen weder lustlos im Fonduetopf der Nachbarn herumstochern, noch deren halbtrockenen Sekt trinken oder – witzig, witzig! – in einen Senfkrapfen beißen. Sie brauchen auch keinen DJ Ötzi, der Ihnen in der ARD zum drölfzigtausendsten Mal von einem Stern berichtet, der deeeiiinen Naaamen trägt. Und erst recht müssen Sie sich von Johannes B. Kerner und Andrea Kiewel nicht den Countdown runterzählen lassen. Sorry, Kiwi!
Verabreden Sie sich an Silvester lieber mit 3sat. Ja, wirklich! Der Sender, den man sonst mit alpinen Drohnenaufnahmen, Tango-Dokumentationen und der leisen Hoffnung verbindet, dass nach dem dritten Schwanensee-Akt niemand die kontemplative Stimmung mit Applaus durchbricht, als sei soeben der Urlaubsflieger in Scharm El-Scheich gelandet.
Pop als Praxis
Alles, was 3sat das ganze Jahr über arg nerdy daherkommen lässt, macht den Sender im Silvesterwahnsinn zum idealen Safe Space. Und das Codewort lautet: Pop Around the Clock! Unter diesem Titel werden seit 2002 immer zum Jahreswechsel 24 Stunden lang Konzertmitschnitte gesendet, viele als Erstausstrahlungen. Quer durch die Genres und Epochen, ohne Werbung, ohne Gelaber. Ein herrlich archaisch anmutendes Überbleibsel aus der Hochzeit des linearen Fernsehens, das jährlich aus gutem Grund Top-Quoten einfährt.
Denn wenn die Zeit kurz aus dem Takt gerät, wenn die Grenze zwischen altem und neuem Jahr wie ein Stück Raclettekäse zerfließt, dann zeigt sich Pop nicht als Produkt, sondern als Praxis: Er katalysiert Erinnerungen, lässt uns in Zukunftsplänen schwelgen, liefert Glückskekssprüche und manchmal auch einfach den Soundtrack für dringend notwendige geistige Zerstreuung. Dabei verzichtet die Programmplanung auf jede unnötige Eindeutigkeit in Form von Mottos, Rankings oder krampfhaften Bezügen zum Zeitgeschehen. Das Format verlangt nichts weiter als Aufmerksamkeit – und traut dem Publikum zu, Zusammenhänge selbst herzustellen.
Historisches und Skurriles
Dabei kann, wer mag, auch in diesem Jahr wieder den geschärften Blick auf manch (musik-)historisches Detail richten. Gegen Mittag trifft beispielsweise der mittelalte David Gilmour mit Pink Floyd (London, 1994) auf den älteren Solokünstler (Rom, 2024). Bruce Springsteen ist zu einem Zeitpunkt (Dublin, 2006) zu erleben, an dem er mit „We Shall Overcome: The Seeger Sessions“ Folk-, Gospel- und historische Protestlieder wieder salonfähig machte.
Und den ganzen Tag durchzieht ein schwarzer Faden unterschiedlicher Black-Atlantic-Künstler, deren Konzerte auch als Rudiment einer Chronologie vom Ende der Apartheid bis heute gelesen werden können: Sade (San Diego, 1993), Whitney Houston beim Concert for a New South Africa (Durban, 1994), Mariah Carey bei ihrer Weltstarwerdung (Tokio, 1996), Rihanna (London, 2011) und Usher um Mitternacht (Paris, 2024). Im gemeinsamen Auftritt von Cypress Hill und dem London Symphony Orchestra in der ehrwürdigen Royal Albert Hall (London, 2024) verwirklicht sich zudem – mal wieder – eine visionäre Pointe aus dem Frühwerk der Simpsons.
Mit Luftgitarre und Pfefferminz
Dass ein öffentlich-rechtlicher Kultursender sein Archiv auf diese ungezwungene Art öffnet und das Publikum stöbern lässt, wirkt wie ein leiser, fast altmodisch anmutender Akt kultureller Selbstbehauptung. Und er ermöglicht den Jüngeren unter uns das Eintauchen in authentisch konservierte Momente der Musikgeschichte, die wir so nicht mehr erleben können. Und in denen niemand sein scheiß Smartphone in die Höhe gehalten hat!
Wie auch immer Sie also Silvester verbringen werden, ich wünsche Ihnen dabei einen gut gelaunten Rutsch ins neue Jahr. Ich für meinen Teil werde ab 14.45 Uhr vor dem Fernseher die Luftgitarre zu Westernhagens „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (Hamburg, 1989) spielen und dabei nichts, aber auch wirklich gar nichts vermissen, denn:
„Liebling, lass uns tanzen,
Silvester gießen wir Blei.
Liebling, lass uns lauter singen,
dann sind auch wir bald vogelfrei.“