Anika Nilles über Rush: „Ich musste mich in Neils Denkweise hineinversetzen“

Anika Nilles hat Neil Pearts Hocker bei Rush übernommen. Was das bedeutet, verrät sie im ersten großen Interview

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Ende März 2026 betraten Rush überraschend die Bühne der Juno Awards im kanadischen Ontario. Ein nostalgischer Moment für die internationale Prog-Rock-Gemeinde – und zugleich die erste öffentliche Bewährungsprobe für eine Musikerin, die vor der wohl größten Herausforderung ihrer Karriere steht: Anika Nilles, die deutsche Tour-Drummerin der Band, hat den Schlagzeug-Hocker des 2020 verstorbenen Neil Peart übernommen.

Die 1983 im bayerischen Aschaffenburg geborene Nilles zählt seit Jahren zu den innovativsten Schlagzeugerinnen der professionellen Drummer-Szene. Mit ihrer Mischung aus technischer Präzision, Groove-orientiertem Spiel und moderner Social-Media-Präsenz hat sie sich weithin einen Namen gemacht.

Ihr Stil verbindet Einflüsse aus Fusion, Funk und Progressive Rock – eine Vielseitigkeit, die sie für das anspruchsvolle Repertoire der Legende der 1970er und 1980er Jahre prädestiniert.

Ein musikalisches Erbe, kein bloßer Kraftbeweis

In ihrem ersten ausführlichen Interview spricht Nilles über die Dimension der Übernahme von Pearts Job. „Sein Spiel war unglaublich energetisch – das ist etwas, womit ich mich sehr wohlfühle“, erklärt sie gegenüber dem Fachmagazin „Classic Rock“. Es geht ihr dabei keineswegs um den reinen Kraftbeweis, sondern um die Pflege eines komplexen musikalischen Erbes.

Pearts Stil sei geprägt gewesen von einer außergewöhnlichen Bandbreite und einem nahezu kompositorischen Ansatz am Schlagzeug. „Er hatte eine enorme Vielfalt an Klangfarben und einen sehr melodischen Zugang“, so Nilles. Besonders charakteristisch seien seine Ride-Becken-Patterns und der unverwechselbare Snare-Sound gewesen – Elemente, die eindeutig seiner Persönlichkeit zuzuschreiben sind.

Nicht nur reproduzieren, sondern verstehen

In Nilles’ Credo ist der Respekt vor dem Original allgegenwärtig. „Neil hat sich selten wiederholt“, betont sie. „Selbst wenn ein Songteil identisch war, hat er diesen beim zweiten Mal anders gespielt. Genau das gibt den Songs ihre Identität.“ Das bedeutet für sie: nicht nur reproduzieren, sondern verstehen und interpretieren.

Innerhalb der Band war der Weg zur endgültigen Entscheidung kein Selbstläufer. Gitarrist Alex Lifeson räumte ein, dass er und Sänger und Bassist Geddy Lee anfänglich unsicher waren. Erst nach mehreren Proben habe Nilles die komplexen Arrangements vollständig durchdrungen. „Beim fünften Durchlauf hat sie es einfach getroffen“, erinnerte sich Lifeson bei der Londoner Radiostation Absolute.

Nilles selbst beschreibt diese Anfangsphase als Prozess der Annäherung: „Es geht vor allem darum, das richtige Gefühl zu treffen. Dafür musste ich mich in gewissem Maß in Neils Denkweise hineinversetzen.“

Ein kultureller Brückenschlag

Dass ausgerechnet eine deutsche Musikerin nun Teil dieses kanadischen Rockmythos wird, markiert einen bemerkenswerten kulturellen Brückenschlag. Nilles bringt nicht nur technische Exzellenz mit, sondern auch eine eigene musikalische Identität. Darin könnte die Zukunft der Band liegen: im Spannungsfeld zwischen Respekt vor dem Vergangenen und dem Mut zur Weiterentwicklung.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.