Smashing Pumpkins – „Gish“ 35th Anniversary

1991 erobert Rock die Charts, doch „Gish“ macht Smashing Pumpkins als eigenwillige Außenseiter neben dem Grunge-Hype sichtbar

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Das Jahr 1991 war vielleicht nicht „The Year Punk Broke“, wie Thurston Moore in der Tour-Dokumentation über Sonic Youth und deren Support-Acts Nirvana und Dinosaur Jr. urteilte, aber es war das Jahr, in dem Rockmusik die weltweiten Charts eroberte und für viele Jahre einige der erfolgreichsten Bands hervorbrachte. Guns N’ Roses mit „Use Your Illusion“, die Grunge-Musiker Nirvana und Pearl Jam mit „Nevermind“ und „Ten“, Metallica mit ihrer Hinwendung zum Hardrock auf dem „Black Album“, die Red Hot Chili Peppers dank ihres Dance-Rocks auf „Blood Sugar Sex Magik“ und R.E.M., die sich mit „Out of Time“ vom College-Rock lösten und Hymnen schrieben.

Bereits im Mai 1991, noch vor all diesen wegweisenden Platten, erschien das Debüt der Smashing Pumpkins – und wurde ab Herbst im Zuge von „Nevermind“ und „Ten“ als Grunge vereinnahmt. Der geografische Abstand der Band aus Chicago zum Seattle-Hype ließ die Pumpkins allerdings wie Außenseiter erscheinen.

Ob diese Zuordnung zum Grunge zum mangelnden Erfolg der Platte (Platz 195 der Billboard-Charts) beitrug, lässt sich nicht beurteilen. Immerhin wurde „Gish“ von Nirvana-Produzent Butch Vig noch vor dessen Arbeit an „Nevermind“ betreut. Doch schon die Single „I Am One“ oder das brillante „Bury Me“ zeugen vom Eklektizismus der Pumpkins. Drummer Jimmy Chamberlin spielt Funk-Rhythmen, D’arcy Wretzky legt eine Rave-Basslinie darunter, wie sie direkt der Madchester-Szene entstammen könnte. Nicht die Superstars U2, die ein halbes Jahr später mit „The Fly“ eine Baggy-Single veröffentlichen sollten, sondern die Newcomer um Billy Corgan verbanden früh die Kultur der Hacienda mit Rock.

„Gish“: Große Platte – ohne Bonus

Der zelebrierten Ungepflegtheit des Grunge setzten die Smashing Pumpkins einen Sixties-Look mit Vintage-Kleidung entgegen. Mit 24 Jahren konnte Billy Corgan letztmals volle, lange Haare präsentieren, doch sein psychedelisches Auftreten verortete die Band weniger im Grunge als im Hardrock und Metal. Er liebte die Scorpions, Yes und den Orientalismus von Led Zeppelin, was sich in „Siva“ und der balladesken „Suffer“ mit ihrer an einen Basar erinnernden Percussion widerspiegelt. D’arcy Wretzky durfte das abschließende „Daydream“ singen; sie war keine herausragende Sängerin und auch als Bassistin nicht unumstritten. Corgan, der heute im Clinch mit ihr liegt, muss sich vorwerfen lassen, sie mitunter eher als Zierde betrachtet zu haben.

Nur 20.000 Dollar kostete die Produktion von „Gish“. Gitarrist James Iha sagte später, er hätte das Album nach dem Durchbruch der Pumpkins 1993 am liebsten neu von Vig abmischen lassen – mit jenem legendären Sound, der das zweite Werk „Siamese Dream“ prägte: Gitarren wie Schwärme lärmender Hornissen.

Eine nachträgliche Klangpolitur wäre allerdings kaum notwendig gewesen. „Gish“ und „Siamese Dream“ sind gerade im Vergleich so reizvoll, weil „Gish“ wie ein live eingespieltes Album wirkt, auf dem sich die vier streitbaren Musiker noch als Band begegnen. Zwar spielte Corgan – wie später bei „Siamese Dream“ – zahlreiche Gitarren- und Bass-Parts selbst neu ein, doch verzichtete er hier noch auf das exzessive Spurendoppeln, das den Nachfolger so monumental machte.

Was man dem Label allenfalls vorhalten kann, ist der Verzicht auf Bonusmaterial zum 35. Jubiläum. Outtakes und Demos waren bereits auf dem Reissue von 2011 enthalten. Allerdings veröffentlicht Billy Corgan auf der Pumpkins-Website immer wieder frühe Clubaufnahmen aus Chicago, die bis ins Jahr 1988 zurückreichen.

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Eine Soundpolitur wäre absolut nicht notwendig gewesen. „Gish“ und „Siamese Dream“ sind in der Gegenüberstellung deshalb so reizvoll, weil „Gish“ wie ein live aufgenommenes Album klingt, in dem die vier streitbaren Musiker sich tatsächlich noch verstehen. Zwar hat Corgan, wie später bei „Siamese Dream“, sämtlich Gitarren- und Bass-Parts beider Musiker neu eingespielt, anders als bei „Siamese Dream“ diese aber nicht mit unzähligen Spuren gedoppelt.

Das Einzige, was man vielleicht dem Label vorhalten kann, ist der Verzicht auf Bonusinhalte zum 35. Jubiläums der Platte. Outtakes und Demos waren zwar bereits im 2011er-Reissue enthalten, allerdings veröffentlicht Billy Corgan auf der Pumpkins-Homepage immer wieder Frühaufnahmen aus den Clubs von Chicago, die bis auf 1988 datieren.