Marc Richter macht sich die KI kreativ zu nutze

Er nennt es Neue Deutsche Kunst, nutzt KI – und Ideenreichtum

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Top oder Slop? Wenn es um die Zukunft der Popmusik geht, ist KI der rosa Elefant im Recordstore. Von Software kreierte Bands wie The Velvet Sundown oder Breaking Rust bevölkern zunehmend Spotify und YouTube, während die Musikindustrie zwar lautstark jammert und klagt – aber längst an neuen, interaktiven Geschäftsmodellen bastelt. Keine guten Zeiten für Indie-Musiker:innen und kleine Labels. Marc Richter beobachtet diese Entwicklung mit Sorge, glaubt aber an die schwer totzukriegende Kraft des Authentischen. Der Mittfünfziger startete in Freiburg als Punk und gründete Ende der Neunziger in Hamburg das experimentelle Label Dekorder. Bei der Chicagoer Plattenfirma Thrill Jockey hat Richter als Black To Comm bisher vier Alben mit abstrakter Endzeit-Elektronik veröffentlicht. Und als wäre das alles noch nicht genug, produziert er auch Kurzfilme.

Unter dem Alias Neue Deutsche Kunst hat der sehr entspannt wirkende Vollbartträger jetzt ein Album veröffentlicht, das zu hundert Prozent auf KI basiert: Musik, Videos, Cover, Songtitel, einfach alles. Richters Interesse an künstlicher Intelligenz begann 2022 mit Bildgeneratoren wie Stable Diffusion: „Das war Ende Covid, man war viel zu Hause und hatte Zeit für Experimente. Vorher war das eher ein Thema für Programmierer, mit der neuen Software ging es auch ohne technische Kenntnisse. Ich habe eigentlich nur wegen der Soundtracks zu meinen Filmen damit angefangen. Das läuft auch parallel zu meiner anderen Musik.“

Für Richter ist die Arbeit mit KI wie ein wissenschaftlicher Versuch

Das vor Kurzem veröffentlichte Album „Keine Nichtmusik“ ist ein sperriger, aber nicht unangenehm zu hörender Brocken Avantgarde, liefert Klangcollagen voller Brüche und Gegensätze. Als hätte Frank Zappa mit einer Folksängerin aus den Siebzigern gearbeitet oder das Sun Ra Arkestra eine Margarine-Werbung eingespielt. Existierende Musikstile zwischen Jazz, Easy Listening und Pop werden nicht einfach imitiert, sondern genüsslich zerlegt und seziert. Die Texte sind purer Dada, ein Song heißt „Schlingen siefen und Fässe binden“. Videos, allen voran das großartige „Hugs & Kisses“, sehen aus wie mit einem Cast von Aliens gedreht – und vermitteln trotzdem eine zärtliche Intimität. Als der zehnminütige Kurzfilm im Februar bei der Woche der Kritik lief, einer Nebenveranstaltung der Berlinale, waren Jury und Publikum davon sehr angetan. „Es sind ja lauter künstliche Kreaturen, die in ‚Hugs & Kisses‘ vorkommen“, sagt Richter, „aber viele Zuschauer sagten hinterher, der Film habe sie sehr berührt.“

Die Arbeit mit der KI ist für Richter wie ein wissenschaftlicher Versuch, ein Ausprobieren der Möglichkeiten: „Da ist viel Neugier dabei: Wie weit kann man die Software bringen, lassen sich bestimmte Zensurmechanismen überschreiten?“ Trotzdem gibt es vieles, was Richter an KI stört, deshalb hat er „Keine Nichtmusik“ auch auf Vinyl veröffentlicht, „als Gegenprodukt zu dem, was bei Spotify und Co. jetzt tausendfach hochgeladen wird“ – der sogenannte Slop. KI-Musik klingt ja auch deshalb so medioker, weil die Software mit dem Durchschnitt von allem arbeitet, was es bereits gibt. Wiedererkennbarkeit steht im Vordergrund, nicht Originalität. „Wenn man englischen Post-Punk in den Prompt nimmt, bekommt man oft eine Stimme – manchmal sogar eine weibliche –, die die gleiche Aussprache und Betonung hat wie Mark E. Smith. Der The-Fall-Sänger ist vermutlich überrepräsentiert. Und alles, was beim Training der Modelle überrepräsentiert ist, taucht dann halt auch oft in den Ergebnissen auf.“

Im Indie-Rock wird sich die KI vielleicht nicht durchsetzen

Bei der Musik von Black To Comm verzichtet Richter allerdings auf die Unterstützung durch künstliche Intelligenz: „Mich interessiert eher der Prozess. Wenn man einen Monat an einem Musikstück arbeitet, ist das wie das Lösen eines Rätsels.“ Auch authentische Geschichten oder Biografien könne die KI nicht liefern, weshalb sie sich schneller im Popbereich etablieren wird, aber weniger im Indie-Rock, wo die Person des Künstlers deutlich mehr Wertschätzung genießt. Trotzdem, die Zeiten werden härter: „Auf Spotify ist eine Underground-Szene bald vielleicht gar nicht mehr vertreten. Für uns ergibt das ja auch nur noch wenig Sinn – es gibt ja sowieso kaum Geld dafür.“