Wie die Beatles sich fast für 3.000 Dollar wiedervereinigt hätten
Heute vor 50 Jahren saßen Lennon und McCartney gemeinsam vorm Fernseher. Der Rest ist Legende
An New Yorks Upper West Side, mit Blick über den Central Park, leben die Stars. In feudalen Apartmenthäusern, die glamouröse Namen tragen wie San Remo, El Dorado, Majestic, Century, Langham, Dakota oder Beresford. Regelrechte Trutzburgen, in die man kaum hineinkommt, wenn man den Türstehern nicht als Mieter bekannt ist. Ein Mann schafft es trotz seines Akzents, der ihn als Arbeiterklassekind aus dem Norden Englands ausweist, allerdings immer wieder ohne Mühe, am Wachpersonal vorbei ins oberste Stockwerk des Dakota vorzudringen. Vielleicht liegt es an seinem natürlichen Charme, vielleicht aber auch daran, dass der Name dieses Mannes mit dem eines berühmten Mieters des Hauses an der 72. Straße West verbunden ist wie das Yin mit dem Yang, und jeder Sicherheitsmann, genauso wie der Rest der Menschheit, sich wünscht, die beiden würden wieder zusammenfinden, nachdem sie sich jahrelang in Liedern und vor Gericht miteinander angelegt haben.
An einem Samstag im April 1976 ist der britische Besucher besonders gut gelaunt, denn an diesem Tag hat sein Album „Wings at the Speed of Sound“ den 1. Platz der amerikanischen Charts erklommen, und in wenigen Tagen wird er mit seiner Band auch die Bühnen des Landes erobern. Er hat seine Frau Linda im Schlepptau, die in seiner neuen Band Wings Keyboards spielt, als er gegen Abend im Dakota aufkreuzt und an der Rezeption erklärt, er wolle zu seinem Freund John. Seit sie sich zwei Jahre zuvor nach einer längeren Eiszeit in Los Angeles getroffen und sogar wieder gemeinsam musiziert haben, hofft er darauf, sie könnten ihre alte Partnerschaft wiederaufleben lassen.
Wiedersehen in Kalifornien
Unter der kalifornischen Sonne war John fast ganz der alte gewesen – witzig, aufbrausend, herausfordernd. Ein bisschen verloren hatte er allerdings gewirkt, und er schien sich sehr zu freuen, seinen alten Kumpel Paul McCartney aus Allerton, Liverpool, endlich wiederzusehen. Und seine Freundin May Pang, eine junge Japanerin und Assistentin seiner Frau Yoko Ono, von der er in Trennung lebte, war regelrecht begeistert von der Versöhnung der beiden Männer. Sie bewunderte John Lennon sehr und wusste zugleich, dass sie ihn nicht würde halten können, dass er sich schnell langweilte ohne einen Partner, der ihn forderte. Sie war dafür zu jung, zu schüchtern, zu sehr Fan, zu unbedeutend. Er trank viel, kokste, um sein Ego aufzublasen und telefonierte täglich mit Yoko, die in New York lebte.
Irgendwann kehrte er zurück, erst nach New York, dann zu seiner Frau. Sie sahen sich Ende November 1974 nach einem Konzert von Elton John im Madison Square Garden hinter der Bühne wieder und konnten die Augen nicht voneinander lassen. Er musste dort eine Wettschuld einlösen. Weil sein Song „Whatever Gets You Thru The Night“, auf dem Elton John mitspielte, es auf Platz 1 der US-Singles-Charts geschafft hatte, musste er ihn nun mit dem Pianisten live vor einem riesigen Publikum spielen. Er war nervös und übergab sich vor dem Konzert hinter der Bühne. Sie spielten drei Songs, ihren Hit, dann die Beatles-Songs „Lucy In The Sky With Diamonds“ und „I Saw Her Standing There“. Der letzte Song, den er auf einer großen Bühne spielte, war ein Song von Paul.
Hausmann John
Im April 1975 war er nochmal aufgetreten. Vor einem ausgewählten Publikum in New Yorks Waldorf Astoria. Wieder um eine Schuld einzulösen. Er hatte gegen den britischen Filmproduzenten und Geschäftsmann Lew Grade, der die Rechte an (fast) allen Lennon/McCartney-Songs besaß, einen Rechtsstreit verloren und musste daher bei einem Konzert zu dessen Ehren auftreten. Dann war erst mal Schluss mit Musik, oder wie er unter seinem Pseudonym Winston O’Boogie auf der Plattenhülle seiner Singles-Sammlung „Shaved Fish“, die im Oktober 1975 erschien, geschrieben hatte: „A conspiracy of silence speaks louder than words“. Da war er schon seit zwei Wochen Vater. Und seit der Geburt seines Sohnes Sean an seinem 35. Geburtstag ging er kaum noch vor die Tür. Auch Besuch empfing er selten.
Er ist immer noch extrem launisch und unausgeglichen. Es gibt Tage, da geht er ganz in der Vaterrolle auf, schnallt sich seinen kleinen Jungen auf den Rücken und spaziert durch den Central Park oder backt Brot für die kleine Familie. Aber meistens sitzt John in seinem abgedunkelten Schlafzimmer im siebten Stock mit ungenutztem Blick auf den Central Park, kifft, liest Zeitschriften und schaute fern.
Manchmal setzt er sich an die Schreibmaschine und versucht, in Liedtexten und Prosa seine Geschichte aufzuschreiben. Sich klar darüber zu werden, was in den vergangenen zwanzig Jahren mit ihm passiert ist. Vielleicht kann man daraus ein Musical machen. So könnte er weiter Musik machen, ohne an die Öffentlichkeit treten oder gar auf Tour gehen zu müssen. Eigentlich ist das eine Paul-Idee. Der hat immer ein Komponistenduo wie Rodgers und Hammerstein oder Leiber und Stoller aus ihnen machen wollen.
Samtagabend vorm Fernseher
Wenn sein Ex-Songwriting-Partner wieder einmal unangemeldet vor seiner Wohnungstür aufkreuzt, was in letzter Zeit öfter vorkommt, freut er sich zwar meist irgendwie, aber zugleich ist er immer ein bisschen irritiert, denn irgendwie scheint jeweils nur Platz für einen Lebensmenschen zu sein – entweder für Paul oder für Yoko. Und das Dakota ist eindeutig Yokos Reich. Aber telefonieren mit Paul fühlt sich gut an, auch wenn sie fast nur Nichtigkeiten austauschen. Oder es ist gerade das, was gut daran ist. Es ist so normal. Kürzlich haben sie sogar schon Brotrezepte ausgetauscht. Und sie reden darüber, wie es ist, Vater zu sein – Paul hat zwei Töchter und eine Stieftochter –, auch wenn er seine Rolle ein wenig anders interpretiert: auf einer Farm mit Schafen und Hunden und trotzdem jedes Jahr ein Album und große Tourneen, auf die er die Kinder einfach mitnimmt. Für ihn scheint das alles ganz natürlich. Aber er hatte sich schon zu Beatles-Zeiten besser mit seinem Sohn Julian verstanden als er selbst.
An diesem Samstagabend sitzt John wieder mal vor den Fernseher. Eigentlich läuft samstags immer „Emergency!“, aber das Staffelfinale war schon Anfang März, jetzt ist Pause bis Herbst. Aber um neun kommt die Comedy Show „NBC’s Saturday Night“, in der die Schauspielerin Raquel Welch, mit der Ringo Starr Ende der 1960er-Jahre mal einen Film gemacht hat, zu Gast ist. Auch der Sänger der Band The Lovin’ Spoonful, John Sebastian, und die Songwriterin Phoebe Snow, deren Hit „Poetry Man“ er sehr mag, sind dieses Mal dabei. Das verspricht ein guter Abend zu werden.
Auftritt Popstar Paul
„Besuch für Sie, Mister Lennon!“
Rosaura. Das Dienstmädchen. Sie ist erst seit kurzem da, aber sie hat ihm schon das Brotbacken beigebracht und die Kaffeemaschine gelöscht, als John mal versucht hat, sich selbst einen zu machen, aber nicht wusste, dass man da Wasser reinfüllen musste.
„Wer ist es denn?“
„Pol“, sagt sie mit ihrem spanischen Akzent. Pol?
War irgendwie klar, dass der am Tag seines großen Chart-Triumphes aufkreuzen würde. John hat ihm schon öfter vorgeworfen, dass er nur noch banale Liebeslieder schreibe, seit die Beatles Geschichte waren – und nun singt die ganze Welt seinen Hit „Silly Love Songs“, und man kann das Radio nicht mehr einschalten, ohne den alten Freund zu hören, wie er scheinbar naiv und knopfäugig singt:
You’d think that people would have had enough of silly love songs
I look around me and I see it isn’t so
Some people want to fill the world with silly love songs
And what’s wrong with that?
I’d like to know
’Cause here I go agaaaaaaaaain
In Wirklichkeit, so denkt John, macht der alte Paul sich zwischen den Zeilen über mich lustig. Klingen die Bläser in dem Lied nicht genauso wie damals in meinem „All You Need Is Love“?
Unerträglich gute Laune
Er kann sich über Pauls Erfolg nicht freuen, wie er sich beispielsweise über die Hits von Ringo freuen konnte, von dem er weiß, dass er ihm unterlegen ist. Andererseits fühlt es sich manchmal ganz gut an, die alte Konkurrenz zu spüren – und so lange Paul Musik macht und Hits hat, hat er irgendwie noch das Gefühl, relevant und nicht ganz aus dem Spiel zu sein.
Paul hat natürlich unerträglich gute Laune, und auch Linda giggelt die ganze Zeit. Sie haben wohl schon einige Rauchwaren durchgezogen zur Feier des Tages. Seit den Tagen der Beatlemania hat Paul mit dem Kiffen nicht mehr aufgehört, denkt John. Dabei hat er sich anfangs so geziert, war der letzte Beatle, der sich getraut hat, als Bob Dylan ihnen im Sommer 1964 einen Joint angeboten hat. Paul war immer vorsichtig, hatte Angst vor dem Kontrollverlust. Er, John, hingegen, war immer froh, wenn er sich befreien konnte von dunklen Gedanken, Selbstzweifeln und jeder Form von Verantwortung. Er hat alles ausprobiert – von Amphetaminen bis Heroin. Am liebsten war ihm aber immer noch der Alkohol, weil der einen nicht mit dem eigenen Unterbewussten konfrontierte, sondern einfach ausknipste. Aber seit Sean auf der Welt ist, hat er kein Glas mehr angerührt.
Belushi gibt Cocker
Während er all das denkt, haben sie sich schon umarmt. „Wie geht’s? Was machste?“, fragt Paul jovial. John verdreht die Augen, lädt die beiden Gäste dann aber doch auf seine Couch ein und zieht am Joint, den Paul ihm rüberreicht. Der Komiker Chevy Chase vergibt gerade einen Preis in der Kategorie „Best Performance by an Actor in a Political Campaign“ und kann die Punchline seiner Rede nicht finden, Linda geht gelangweilt zu Yoko ins Nebenzimmer, Raquel Welch trägt einen atemberaubenden weißen Hosenanzug und singt den Carpenters-Song „Superstar“:
Long ago, and, oh, so far away
I fell in love with you before the second show
Your guitar, it sounds so sweet and clear
But you’re not really here, it’s just the radio
John Belushi kommt auf die Bühne und gibt mit spastischen Bewegungen eine Parodie von Joe Cocker. Er hat sich ein Batik-T-Shirt über die Plauze gezogen, wie der Sänger aus Sheffield es bei seinem legendären Auftritt in Woodstock trug, als er Pauls „With A Little Help From My Friends“ herausschrie, zu dem John das Couplet: „What do you see when you turn out the light?/ I can’t tell you, but I know it’s mine“ beigesteuert hatte. Epileptisch zuckend und auf dem Boden liegend, während Raquel Welch sich über ihn beugt, presst Belushi am Ende des Liedes ein „She came in through the bathroom window“ hervor. Noch ein McCartney-Song.
Die Stimme aus dem Fernseher
Paul zeigt hysterisch lachend auf den Bildschirm, John zündet sich einen neuen Joint an. Chevy Chase macht als Rattenfänger Werbung für Schädlingsfutter, Dan Akroyd versucht, das metrische System auf das Alphabet anzuwenden und entwickelt das Decabet, Jim Hensons Muppets flirten recht offensiv mit Welch, während Chase versucht, sie zu überreden, ihr T-Shirt auszuziehen. Die Angesprochene sagt aber lieber die nächste Musiknummer an: „A genius of modern music“ – Phoebe Snow.
Nach einer Werbepause, Paul erzählt gerade irgendwas aus der Beatles-Steinzeit, an das John, dessen Lider schwer geworden sind, sich nicht mehr erinnern kann, erscheint „NBC’s Saturday Night“-Produzent Lorne Michaels auf dem Bildschirm: „In diesem Moment werden wir von schätzungsweise 22 Millionen Zuschauern gesehen“, erklärt er. „Aber erlauben Sie mir, mich nun an vier spezielle Menschen zu wenden. John, Paul, George und Ringo: The Beatles.“
Paul knufft John in die Seite. „Hm? Was?“
Paul zeigt auf den Schirm. „Hör mal, es geht um uns.“
3000 Dollar für eine Reunion
„In letzter Zeit“, fährt Michaels fort, „gab es eine Menge Gerüchte, die vier könnten wieder zusammenkommen, und das wäre großartig. Für mich sind die Beatles das Beste, was der Musik je passiert ist. Und noch mehr, ihr seid nicht nur eine Musikgruppe, ihr seid ein Teil von uns. Wir sind mit euch aufgewachsen. Aus diesem Grund lade ich euch hiermit ein, in unsere Show zu kommen. Wir haben viel über die persönlichen und rechtlichen Streitigkeiten gehört, die euch davon abhalten, euch wieder zusammenzutun, aber das ist nicht meine Sache. Das müsst ihr schon untereinander klären. Aber es wird auch gesagt, dass bisher einfach noch niemand mit der richtigen Geldsumme um die Ecke gekommen ist, die euch zufriedenstellen würde. Also, wenn es um’s Geld geht, sehe ich kein Problem. Die National Broadcasting Company hat mich autorisiert, euch einen Scheck über 3.000 Dollar anzubieten.“
John lacht hysterisch, Paul hat sich verschluckt und hustet. Michaels hält den Scheck in die Höhe. „Kann ich ein Close-Up davon haben?“ Die Kamera zeigt den Scheck bildschirmfüllend. „Wie ihr sehen könnt, ein auf euch, The Beatles, ausgestellter Scheck über 3.000 Dollar. Ihr müsst dafür einfach nur drei Beatles-Lieder singen. ,She loves you, yeah yeah yeah’, und 1.000 Dollar gehören euch. Ihr kennt den Text – alles ganz einfach. Wie ich schon sagte, der Scheck ist auf die Beatles ausgestellt. Ihr könnt ihn aufteilen, wie ihr wollt: Wenn ihr Ringo weniger geben wollt, ist das eure Sache. Da möchte ich mich lieber nicht einmischen. Ich bin ganz ehrlich, was das angeht. Wenn es euch hilft, eine Entscheidung zu treffen, euch wieder zusammenzutun, ist das ein gutes Investment. Ihr habt Agenten, ihr wisst, wo man mich erreichen kann. Ich glaube, das ist alles. Okay? Danke.“
Verpasste Gelegenheit
John springt auf. „Los geht’s!“
„Meinst du echt?“, fragt Paul ungläubig.
„Ja, warum denn nicht? Dieser Moment ist so gut wie jeder andere. Und mit dem Taxi sind wir in ein paar Minuten da.“
„Aber … wir haben doch schon ewig nicht mehr … Was ist, wenn wir scheiße sind? Wenn wir uns lächerlich machen?“
Der gute alte Paul, denkt John.
„Ja, vielleicht hast du recht“, sagt er und setzt sich wieder aufs Sofa. „Ich bin auch viel zu müde eigentlich.“
Wenig später verlassen die McCartneys das Dakota, und John und Yoko schauen George Pals Verfilmung von H. G. Wells’ Roman The Time Machine. Fast, so denkt John, wären wir an diesem Abend selbst durch die Zeit gereist – allerdings nicht in die dunkle Zukunft, sondern in die helle Vergangenheit.
Der Mythos
Dieses, nach allem, was man weiß, vorletzte Treffen von Lennon und McCartney ist in die Beatles-Mythologie eingegangen. John Lennon erzählte dem Journalisten David Sheff im Interview für den Playboy im September 1980 davon (das Gespräch wurde nach seinem Tod in der Januar-Ausgabe 1981 veröffentlicht). „Paul und ich haben die Sendung zusammen gesehen“, so Lennon. „Er besuchte uns im Dakota. Wir haben uns das angeschaut und wären fast ins Studio gefahren, nur so zum Spaß. Wir wären tatsächlich fast in ein Taxi gestiegen, aber wir waren einfach zu müde.“
Der Regisseur Michael Lindsay-Hogg, der 1966 mit den Beatles die Videoclips zu ihren Songs „Paperback Writer“ und „Rain“ und 1969 den Film „Let it Be“ gedreht hatte (der 1970 erschien), ließ sich von dieser Aussage zu seinem Fernsehfilm „Two Of Us“ inspirieren. McCartney erinnerte sich später ein wenig anders an das Treffen. „Ich war bei John, und es lief gerade Saturday Night Live, und John sagte zu mir: ,Hast du das gesehen?‘“, erinnerte er sich 2011 im britischen Sunday Express ein wenig anders an das Treffen. „Ich hatte es nicht gesehen, ich lebte ja in England, er lebte in Amerika. Warum sagt er das? Er hat es doch gesehen? Er sagte: ,Sie bieten uns Geld an, um wieder zusammenzukommen – Lorne Michaels hat das letzte Woche auf Sendung gesagt.‘ Und er sagte: ,Wir sollten runtergehen, nur du und ich. Wir werden einfach auftauchen. Wir sind nur zu zweit, wir nehmen die Hälfte des Geldes.‘ Für eine Sekunde überlegten wir: ,Sollen wir es tun?‘ Ich weiß nicht, was uns aufgehalten hat. Es wäre Arbeit gewesen, und wir hatten einen freien Abend, also haben wir beschlossen, nicht zur Arbeit zu gehen. Es war eine schöne Idee. Wir hätten es fast gemacht.“
Unzuverlässige Erzähler
Danach zu rechnen war McCartney also eine Woche später, am 1. Mai 1976, im Dakota zu Besuch. Allerdings gab es an diesem Abend gar keine Ausgabe von NBC’s Saturday Night, die nächste Sendung (in der die von Franz Oz gespielte lebende Statue The Mighty Favog, die in der Ausgabe zuvor von Chevy Chase gefeuert worden war, verspricht, die Beatles wieder zusammenzubringen, wenn er bleiben darf) lief erst am 8. Mai. Da befand McCartney sich allerdings in Detroit, wo er mit den Wings im Olympia ein Konzert spielte.
Als ich Yoko Ono 2010 bei einem Interview in einer abgedunkelten Suite des Berliner Kempinski am Kurfürstendamm auf diesen Abend ansprach, bestätigte sie, dass „the guys“ die Sendung gemeinsam gesehen hätten, gab allerdings zu, dass sie selbst nicht im Raum gewesen sei, da sie sich in einem der anderem Dakota-Gemächer mit Linda McCartney unterhalten habe.
Kann natürlich auch sein, dass Lennon die Sendung auf Videokassette aufgezeichnet hat, um sie seinem alten Freund vorzuspielen und dazu zu bewegen, wieder gemeinsam aufzutreten. Das würde die Geschichte fast noch besser machen. Andererseits kann man sich nicht vorstellen, dass Lennon wusste, wie man einen Videorekorder bedient, wenn er schon – siehe weiter oben – solche Probleme mit einer Kaffeemaschine hatte. Gut, er hatte sicher technisch versierte Assistent:innen. Wenn man über die Beatles schreibt, muss man sich immer im Klaren sein, dass es keine zuverlässigen Erzähler gibt. Erinnerungen verschwimmen, jeder baut das Geschehene, so wie es ihm passt, in seine eigene Geschichte ein, und was korrekte Datierungen von Ereignissen angeht, sind Lennon, McCartney, Harrison und Starr jeweils eine Katastrophe. „Ich bin sehr schlecht mit Daten“, gestand McCartney 2020 dem britischen Komiker Adam Buxton in dessen Podcast. „Ich weiß, dass ,Sgt. Pepper’s‘ 1967 erschienen ist, aber dann hört’s auch schon auf.“
Dieser Text ist ein Auszug aus Maik Brüggemeyers Buch „Schöner kann es gar nicht sein. The Beatles 1956 bis 1970“, das 2021 im Reiffer Verlag erschienen ist.