Paul McCartney
„The Boys Of Dungeon Lane“
UNIVERSAL (VÖ: 29.05.2026)
Die vergangenen Tage, die schwindende Zukunft und die Transzendenz. Zeitreise mit dem Pop-Genie.
Es gibt nach wie vor Details aus der größten Geschichte der Menschheit, die wir noch nicht kennen. Zum Beispiel dass Paul McCartney als Junge abends immer am beleuchteten Fenster eines Mädchens vorbeischlich, das er nur einmal zuvor gesehen hatte, und sich fragte, ob sie wohl manchmal an ihn denke. Das erzählt er uns nun sieben Jahrzehnte später im ersten Song seines ersten neuen Albums seit „McCartney III“ (2020). Er singt nicht, er spricht zu uns. Wir hören den Jungen aus dem Arbeiterviertel Speke in Liverpool. Bald wird er in ein posheres Viertel ziehen, wird seine Mutter sterben, wird er John Lennon kennenlernen, wird er sich nicht mehr fragen müssen, ob die Mädchen an ihn denken.
Zum Refrain setzt eine E-Gitarre ein und McCartney schreit verzweifelt: „As you lie across the bed, am I there inside your head?!“ Die gealterte Stimme, die fast körperlos geworden ist, ist hier zugleich Mittel und Effekt. Es ist ein Spiel mit der Zeit, das in der Transzendenz endet. Und wenn der 83-Jährige anschließend in „Lost Horizon“ singt, wie das Pfeifen einer alten Lokomotive oder das Lachen eines Kindes ihn an seine schwindende Zukunft erinnert, kommt zwar der Blues zum Einsatz, aber der gute alte Paul macht (wie immer) das Beste draus: „Time makes every moment count/ You gotta live for now.“
Es ist aber vor allem die Zeit vor dem Ruhm, die McCartney auf „The Boys Of Dungeon Lane“ umtreibt. Die Jahre der Entbehrungen, der schicksalhaften Härten, aber auch der Freundschaften und Momente der Schönheit, die ihn prägten. Vogelbeobachtungen am Mersey Shore und erste Songwritingversuche an der Forthlin Road in der Ballade „Days We Left Behind“, die gemeinsamen Trips per Autostopp von Liverpool Richtung Süden mit George Harrison und John Lennon im Skiffle „Down South“ („It was a good way to get to know you /Before we learnt to twist and shout“), das raue Pflaster der Heimatstadt im beschwingt-drolligen Beat-Duett mit Ringo Starr („Home To Us“) und die Sehnsüchte und Nöte der Eltern Jim und Mary in dem anrührenden, an Paul Simon erinnernden „Salesman Saint“, das mit einer Trompete beginnt (Jims Geschenk für Paul zum 14. Geburtstag) und von einer Swing-Big-Band durchkreuzt wird.
Mit Andrew Watt hat McCartney einen Produzenten gefunden, der seine altersbedingt brüchige Stimme geschickt zu inszenieren und durch Dopplungen und Filter auch mal zu kaschieren weiß. Zudem hilft er ihm, „The Boys Of Dungeon Lane“ auch musikalisch zu einer Reise durch sein Leben zu machen – von den erwähnten Skiffle- und Beat-Stücken über die herrliche Psychedelia von „Never Know“, die schlichte Direktheit seines Solodebüts („We Two“), Wings-Rock („Come Inside“) bis zum zeitgenössischen Radio-Pop „Ripples In A Pond“. Natürlich fehlen auch die großen Balladen nicht – im prächtigen „Life Can Be Hard“ und im opulenten Schlusspunkt „Momma Gets By“ triumphiert hier die Liebe über das harte Leben. Wenn die frohe Botschaft noch gilt, dass man das zurückbekommt, was man gibt, gehört Paul McCartney die ewige Liebe.