Die Toten Hosen: Campino findet, man kann auch mal den Mund halten

Ein Auszug aus der Titelgeschichte des ROLLING STONE, ab Freitag (29.5.) am Kiosk

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Auf ihrem letzten Studioalbum geben Die Toten Hosen noch einmal alles. Der ROLLING STONE hat schon viel mit den Düsseldorfern mitgemacht – und in unserer neuesten Titelgeschichte sprechen wir mit Campino über Druck und Dankbarkeit, Peinlichkeiten und Pathos, einen Abschied in Würde – und was vielleicht doch noch passieren könnte …

Im folgenden Ausschnitt geht es um die Songs „Lass mal nicht machen“ und „Was ist mit uns los“.

Lass uns über einzelne Songs sprechen, da es ja nun wahrscheinlich die letzten sind. Auf dem Album werden eigentlich alle typischen Hosen-Themen abgedeckt, und gleichzeitig ist vieles eindeutig 2026 . Zum Beispiel „Lass mal nicht machen“, in dem es um Entscheidungsschwierigkeiten geht: Darf ich noch auf Kreuzfahrt gehen? ­Einen Rammstein-Pulli tragen? Ein SUV fahren?

Es geht um diese ganzen Peinlichkeiten, das Hin- und Hergerissensein, das Widersprüchliche. Wir haben beim Schreiben viel gelacht. Es gäbe ja Millionen guter Zeilen dafür! Es ist auch ein schönes Lied, um jeden Abend, wenn man live spielt, einen aktuellen Bezug zur Gegend oder zum Tagesgeschehen zu bringen.

Wer sagt denn in eurer Band am häufigsten „Lass mal nicht machen“? Ich würde auf Breiti tippen.

Das ist gerade schwer überschaubar, weil dieser Satz zurzeit in Dauerschleife bei uns zum Einsatz kommt. Aber wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht oder darum, ob man eine Fernsehsendung machen soll oder nicht, würde ich das auch bei Breiti sehen.

„Sing meinen Song“, „Bravo“, Essen bei König Charles: Machen oder lassen?

Apropos: In dem Lied kommt ja auch die Sendung „Sing meinen Song“ vor. Ihr habt das natürlich nicht mehr nötig, aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Kolleg:innen da mitmachen, um wenigstens irgendwie Aufmerksamkeit für ihre Musik zu bekommen?

Das soll gar kein Angriff sein. Auf keinen Fall sollte das so gelesen werden, dass wir mit dem Finger auf andere zeigen, die das machen. Es wäre absolut arrogant zu sagen, dafür sind wir uns zu fein. Bei der Frage, was Künstler heute machen können und müssen, um sich durchzusetzen, dürfen wir gar nicht mehr mitreden. Man sollte das jedenfalls nicht vergleichen mit den Verhältnissen, unter denen wir gestartet sind. Auch als eine Band, die überhaupt nichts mit dem Establishment zu tun haben wollte.

Unsere Gewissensfragen waren vielleicht nicht „Gehen wir zu ‚Sing meinen Song‘?“, aber wir sollten das Maul nicht zu sehr aufreißen, weil wir zum Beispiel auch in der „Bravo“ stattgefunden haben. Die ersten Jahre haben wir uns dagegen noch vehement gewehrt. Mit der Zeit haben wir aber gecheckt, dass das damals das einzige wöchentlich erscheinende Musik-Medium war, das immer aktuelle Bilder und Berichte brachte. Die hatten einen krassen Zeitvorsprung vor allen anderen. Wenn man seine Fans mit Informationen versorgen wollte, dann war das einfach der schnellste Weg. Und trotzdem hat das irgendwie wehgetan. Aber hey, mein Essen bei König ­Charles war in der Peinlichkeitskategorie ja noch planetenweit drüber!

Aber würdest du doch trotzdem wieder machen, oder?

Natürlich. Ich und mein England-Ding, das muss ich der Welt nicht erklären. Ich will damit auch nicht auf die Nerven gehen, aber in meiner Familie spielte die Verbundenheit zu England eine große Rolle, und das hat mich bis in mein hohes Alter nicht losgelassen. Ich habe ein kleines Haus in England, die englische Staatsbürgerschaft und ein Season Ticket beim Liverpool FC. Das bedeutet mir wirklich etwas. Man möge mir also bitte nachsehen, dass ich diese Einladung nicht absagen konnte.

Vom britischen Spruch „agree to disagree“ hält Campino viel

Heute regen sich doch ständig alle über alles auf. Das thematisierst du auch im Song „Was ist mit uns los“. Da geht es da­rum, dass wir rauskommen müssen aus dieser permanenten Unzufriedenheit und Aggression. Aber wie?

Ich habe dafür auf die Schnelle auch keine Lösung. Ich glaube aber an die Kultur des gegenseitigen Zuhörens und an diesen schönen britischen Spruch „agree to disagree“. Ja, wir können grundsätzlich verschiedener Meinung sein, aber trotzdem gemeinsam zu Abend essen oder miteinander einen guten Nachmittag verleben. Bei einem Thema nicht einer Meinung zu sein bedeutet nicht, dass das Tuch zerschnitten ist. Das ist eigentlich eine sehr gute Haltung, weil man ja miteinander auskommen muss – es sei denn, dein Gegenüber ist nicht bereit zuzuhören und vom Hass zerfressen. In der Stadt kannst du dich vielleicht noch in deiner Bubble bewegen, aber auf dem Dorf zum Beispiel, in kleineren Communitys, geht es nicht, ohne dass man miteinander auskommt. Und das wird in den sozialen Medien überhaupt nicht gelebt. In der Anonymität toben sich alle aus und ballern los, ohne Rücksicht auf Verluste. Da erlebst du, dass sich niemand mehr zuhört und die Punkte immer automatisch an den gehen, der am lautesten schreit.

Das eine sind die Wutköpfe, das andere ist die permanente Kommentierung von allem. Alle müssen immer eine Meinung haben.

Ja, das ist eine krasse Wandlung. Eigentlich sollte man meinen, dass Zurückhaltung erst mal was ganz Gutes ist. Aber heute wird richtig aggressiv ein Sich-Einmischen eingefordert: Warum hat XY zu diesem Thema noch nichts gesagt? Wie lange will er schweigen? Ob man damit etwas zu tun hat oder nicht. Das ist unangenehm. Ich finde, wenn man nicht so richtig weiß, welche Position man hat oder wie man sich ausdrücken soll, dann ist das Schlaueste, erst mal den Mund zu halten. Schade, dass diese Einstellung von vielen nicht akzeptiert wird.

Das komplette Interview mit Campino und einen Einblick in die Albumcover-Gestaltung mit Andi Meurer plus die weltexklusive Vinyl-Single „Immer nur geliebt (mit Sven Regener von Element Of Crime) / Liebeslied (Live 2025)“ – nur im ROLLING STONE. Die Juli-Ausgabe gibt es ab dem 29. Mai überall, wo es Zeitschriften gibt. Oder einfach bestellen unter musik-magazine@medienexpert.com oder hier.