Metallica triumphieren in Berlin: „German-eee-yah!“
Metallica spielen vor 95.000 Fans das größte Konzert im Berliner Olympiastadion. James Hetfield, Lars Ulrich & Co. zeigen, warum die Rockband eine Institution ist.
Manche behaupten unfairerweise, James Hetfields Rituale vor dem Auftritt seien unterhaltsamer als die Konzerte von Metallica selbst. Unzählige Videos im Netz zeigen den Sänger, wie er zu Ennio Morricones „The Ecstasy of Gold“, der Metallica-Einlaufmelodie, stets unterhalb der Bühne hockt, betet, sich die Nase putzt oder an einer Zigarre zieht. Nicht verborgen hinter den Kulissen, sondern direkt vor den Augen kreischender Fans, die dafür vermutlich ein „Premium Experience Package“ gebucht haben.
Oft klatscht Hetfield noch ein paar Hände ab, brüllt Vokale zu Morricones Instrumental. Zuvor schallt noch der AC/DC-Evergreen „It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ’n’ Roll)“ durch die Stadionlautsprecher, und es stimmt: Neun Jahre brauchten Metallica, um nach „Kill ’Em All“ zum Mainstream-Act zu werden, und zur Stadionband wurden sie gar erst noch später.
Dann betritt James Hetfield die riesige Rundbühne, auch an diesem Abend im Berliner Olympiastadion.
Der letzte große Rockstar?
Ist Hetfield der letzte große Rockstar? Sind Metallica vielleicht sogar die größte Rockband unserer Zeit? Einiges spricht dafür, manches dagegen. Dafür spricht vor allem, wie gut die Band gealtert ist, anders als etwa Guns N’ Roses. Dass ihr Sänger gut singt und die Band gut klingt. Selbst Lars „Die Zunge“ Ulrichs Schlagzeugspiel funktioniert live deutlich besser, als es manche Witze seit Jahrzehnten behaupten. Dagegen spricht allerdings, dass Metallica – ähnlich wie AC/DC – ihr letztes klassisches Album vor rund 35 Jahren veröffentlicht haben: das „Black Album“. Bei AC/DC war es „The Razor’s Edge“. Beide Gruppen sind längst Stadioninstitutionen, deren Publikum nicht wegen auch nur einem Song kommt, der nach 1991 erschienen ist. Da haben Acts wie Bruce Springsteen, U2 oder die Red Hot Chili Peppers ihnen etwas voraus.
Und doch bleibt es erstaunlich, dass ausgerechnet eine ehemalige Thrash-Metal-Band ein derart gigantisches Publikum erreicht. Das ist eine einmalige Position für eine Stadionband, die, bei aller Liebe, von den 16 Songs ihrer Setlist vielleicht vier hat, die Pop-Refrains sein könnten: „Enter Sandman“, „The Memory Remains“ (auch dank der Chor-Unterstützung Marianne Faithfulls auf dem „Reload“-Album), die Spaghetti-Western-Hymne „The Unforgiven“ (natürlich auf der Doppelhals-Gitarre intoniert!) sowie die griechische Tragödie „Nothing Else Matters“, die ihren Weg leider in unzählige Vorspiel-Modi der Gitarrenläden gefunden hat. Hetfield unterstreicht die herrliche Dramatik dieser „Rock-Ballade“ (schrecklicher Terminus, ja), indem er sich das letzte Gitarrensolo nicht von Kirk Hammett nehmen lässt.
Rekordkonzert im Berliner Olympiastadion
Ganze 95.000 Menschen haben den Weg ins Olympiastadion gefunden, angeblich ist es das größte Konzert, das je dort stattgefunden hat. Die schmalen Laufstege machen es möglich – mehr Platz im Innenraum und keine blockierte Tribüne. Metallica verzichten auch auf ablenkende Visuals, davon abgesehen, dass ihre Videos ohnehin auf sehr hohen Leinwandtürmen ausgespielt werden, die gar nicht erst ins Blickfeld fallen müssten – selten für Acts ihrer Größe. Einmal blenden Metallica Konzerttickets aus den 1990er-Jahren ein, mit ihrem antiquierten Schreibmaschinendruck und Bedingungen wie „Kein Sitzplatzanspruch“ – gibt es das heute noch? Lustig ist auch, dass das gesamte Schlagzeugequipment der Vorband Gojira über die Stadionseiten im Innenraum aus dem Weg geschafft werden muss.
Songs wie „Creeping Death“ oder „Master of Puppets“ sind also keine typischen Stadionhymnen für kollektives Mitgrölen. Davon haben AC/DC mehr. „Look at all the Love for Heavy Music“, sagt Hetfield staunend. Umso besser, dass Metallica in Berlin diesmal nur ein einziges Konzert spielen und nicht zwei Abende nach ihrem „No Repeat Weekend“-Prinzip mit komplett unterschiedlichen Setlists. So darf man wenigstens sicher sein, „Enter Sandman“ nicht zu verpassen. Wobei echte Fans ohnehin versuchen würden, Karten für beide Shows zu ergattern.
Vier Phänotypen, eine Band
Wer je die „Some Kind of Monster“-Doku gesehen hat, kann sich kaum noch vorstellen, dass Hetfield, Lars Ulrich und Kirk Hammett gute Freunde sind, aber wenn Hetfield zum Publikum „You understand what Metallica is all about“ sagt und den Jubel von zigtausenden Menschen entgegennimmt, versteht man ein wenig, welche Verantwortung diese Musiker für ihre Anhänger empfinden. Metallica kommunizieren miteinander über ihre Songs, so abgedroschen es klingen mag. Vier komplett unterschiedliche Phänotypen: Ulrich, der Seniorturnier-Tennisspieler, Hammett, der 80er-Jahre-Dracula, Hetfield, der Arktisjäger, und Rob Trujillo, der auf seinen Crab Walk zunehmend verzichtet und mehr Richtung Capoeira geht oder an einen urzeitlichen, surfenden Höhlenmenschen erinnert.
In der Mitte des Sets stimmen Trujillo und Hammett traditionell einen Jam an, der lokale Verbundenheit zur Stadt demonstrieren soll, in der sie auftreten. Hier ist es leider der Schlager einer Band, der tatsächlich nur noch als Parodie funktioniert, so wie diese Berliner Band selbst zu einer Parodie ihrer selbst geworden ist. Der einzige unangenehme Moment eines ansonsten routiniert performten, also äußerst gelungenen Abends.
Abschied und Versprechen
Nach dem Finale mit „Enter Sandman“ gibt es das obligatorische Feuerwerk. Alle vier Musiker halten gar Abschiedsreden. Hammett spricht davon, dass dieser Auftritt der vielleicht „biggest ever“ ihrer Karriere gewesen sein könnte, aber gut, Moskau ist eh seit ein paar Jahren gecancelt.
Ulrich geht in den Graben und lässt sich mit einem Fan fotografieren, der ein Poster hochhält: „Thanks for turning airports into memories“.
„Wir wollen bald wiederkommen“, sagt James Hetfield. Er wird 63 Jahre alt und hat sich schon vor Jahren ein Tattoo ausgerechnet dort stechen lassen, wo die Haut im Alter besonders schnell altert. Normalerweise gewinnt die Zeit solche Duelle. Aber solange dieser Totenkopf an seinem Hals keine Falten wirft, solange bleibt er jung. Er wirkt sogar sehr jung. „German-eeee-yah!“, ruft er. Als wäre 1986 nie zu Ende gegangen.