Sarah Engels im Interview: ESC, „Fire“ und was Feminismus für sie bedeutet
Sarah Engels spricht über das ESC-Debakel, null Publikumspunkte, Feminismus-Kritik und warum „Fire“ dennoch ein Erfolg war.
Sarah Engels vertrat Deutschland beim 70. Eurovision Song Contest in Wien – und holte vom Publikum keinen einzigen Punkt. Und doch: „Fire“ kletterte in die Charts. Dazu ein Feminismus-Eklat, entzündet an einer einzigen Aussage. Wir konnten Sarah Engels schriftlich befragen, inwiefern der ESC dennoch ein Erfolg war – und was sie unter dem Begriff Feminismus versteht.
Deutschland landete auf Platz 23 – die zwölf Punkte kamen ausschließlich von vier Jurys, im Publikumsvoting blieb es bei null. Was war dein erster Gedanke, als die Ergebnisse hereinkamen und gleichzeitig die Kamera auf dich gerichtet war?
Natürlich war das in diesem Moment emotional. Man steht auf dieser riesigen Bühne, hat monatelang alles gegeben und erlebt dann diese Ergebnisse live vor Millionen Menschen – da gehen einem viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Aber mein erster Gedanke war tatsächlich trotzdem Stolz. Stolz darauf, dort gestanden zu haben, Deutschland vertreten zu dürfen und diese Erfahrung mit meinem tollen Team gemacht zu haben. Und ich wusste in dem Moment auch: Punkte definieren nicht, wie viel Herzblut, Arbeit und Leidenschaft in diesem Auftritt gesteckt haben. Ich kann sagen „Mein Team und ich haben ALLES gegeben für diese 3 Minuten, was in unserer Macht stand“ – und das ist für mich das aller Wichtigste.
Du sagst, das Ranking war dir von Anfang an egal – es ging dir um die Erfahrung. Trotzdem hast du monatelang Herzblut hineingesteckt. Was ist dir durch den Auftritt klar geworden, das du vorher noch nicht wusstest?
Mir ist vor allem klar geworden, wie viel diese Erfahrung wirklich mit einem macht – emotional, menschlich und auch künstlerisch. Der ESC ist so viel größer und intensiver, als man es von außen wahrnimmt. Diese Energie, diese Community und auf dieser Bühne zu stehen, kann man eigentlich kaum beschreiben. Und ich habe nochmal gelernt, dass Erfolg für mich nicht nur von einer Platzierung abhängt. Sondern davon, ob man Menschen erreicht, berührt und sich selbst treu bleibt.
Du hast zuletzt angedeutet, es sei vielleicht eine gute Idee, wenn Deutschland ein Jahr aussetzt. Was wäre in zwei Jahren anders?
Vielleicht würde ein kurzer Abstand helfen, um den ESC in Deutschland nochmal neu zu denken – mit frischen Ideen, neuen Konzepten und vor allem wieder mehr Begeisterung und Unterstützung für die eigenen Künstler. Denn ich glaube, das Potenzial ist definitiv da. Man sieht ja, wie viel Leidenschaft und Talent es in Deutschland gibt. Vielleicht braucht es einfach manchmal einen neuen Blickwinkel.
„Ehrlich gesagt hatte ich schon während der Jury-Punktevergabe das Gefühl, dass es schwierig werden könnte“
Als Big-5-Land ist Deutschland automatisch fürs Finale gesetzt und muss – anders als die meisten Nationen – nicht durch ein Halbfinale mit Publikumswertung. Hättest du dir diese zusätzliche Bewährungsprobe vor dem Finale gewünscht?
Ich glaube, ein Halbfinale hätte sicherlich nochmal eine andere Erfahrung mit sich gebracht. Man hätte die Chance gehabt, schon vorher direkt mit dem Publikum in den Wettbewerb einzusteigen und die Energie dieser Voting-Situation mitzuerleben. Gleichzeitig ist die automatische Qualifikation natürlich auch eine besondere Verantwortung. Am Ende muss man sowieso im Finale abliefern – egal, auf welchem Weg man dorthin gekommen ist.
„Ich bin eher vom Schlimmsten ausgegangen“ – ab wann war dir klar, dass es eng werden würde?
Ehrlich gesagt hatte ich schon während der Jury-Punktevergabe das Gefühl, dass es schwierig werden könnte. Aber trotzdem versucht man, den Moment zu genießen und sich nicht davon runterziehen zu lassen. Ich wusste ja, wie viel Arbeit und Herzblut wir alle hineingesteckt haben. Und wir hatten einen wirklich tollen Abend und sehr viel Spaß im Greenroom.
Schon das datenbasierte Prognosemodell hatte Deutschland im Vorfeld auf einen der letzten Plätze gesetzt, und auch die Buchmacher sahen dich weit hinten. Wie fühlt es sich an, von Beginn an als krasser Außenseiter ins Rennen zu gehen?
Ich habe ehrlich gesagt nie besonders viel auf solche Prognosen oder Wettquoten gegeben. Man sieht ja jedes Jahr, dass sich am Ende oft noch ganz viel verändern kann. Finnland stand zum Beispiel lange ganz oben bei den Prognosen und hat am Ende trotzdem nicht gewonnen. Deshalb habe ich mich davon nie beirren lassen und uns auch nie als Außenseiter gesehen. Für mich ging es darum, auf die Bühne zu gehen, alles zu geben und Menschen mit dem Song zu erreichen.
„Es war so schön zu sehen, dass so viel Unterstützung da war und das eigene Land, die Fans und auch die Presse hinter einem standen und einem den Rücken gestärkt haben“
„Fire“ war Dance-Pop mit einem klaren Stunt-Moment – dem Fall vom Podest. Wie lange hast du gebraucht, um diesen Stunt einzustudieren?
Tatsächlich haben wir dafür ziemlich lange geprobt, weil natürlich alles perfekt sitzen musste – gerade wenn Gesang, Choreografie und so ein Moment zusammenkommen. Gerade die ersten Male waren wirklich nervenaufreibend – es ist dann doch ganz schön hoch, wenn man da oben steht (über 2 m) und man sich einfach fallen lassen soll. Mir war wichtig, damit auch nochmal die Message meines Songs „Female Empowerment“ zu unterstreichen. Ich hatte dabei volles Vertrauen in meine vier Mädels auf der Bühne – und genau dieses Gefühl von Zusammenhalt und Stärke wollten wir auch transportieren.
Inwiefern war der ESC trotz allem ein Erfolg?
Für mich war der ESC in ganz vieler Hinsicht ein Erfolg. Es war eine unglaubliche Reise mit so vielen besonderen Begegnungen, Emotionen und Erfahrungen, die ich nie vergessen werde. Ich bereue rein gar nichts daran und bin wahnsinnig stolz, ein Teil davon gewesen zu sein. Und was mich besonders berührt hat, war das positive Feedback nach der Show. Es war so schön zu sehen, dass so viel Unterstützung da war und das eigene Land, die Fans und auch die Presse hinter einem standen und einem den Rücken gestärkt haben.
Sonntagnacht ESC-Finale, Montag die Kinder vorbereiten, Dienstag Probe, Mittwoch Show. Du sagst selbst: „Das waren echt krasse Wochen“ – und es geht direkt weiter. Wie schaffst du es, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen?
Es ist auf jeden Fall ein ständiger Spagat und manchmal auch echtes Jonglieren. Gerade die letzten Wochen waren unglaublich intensiv. Aber ich habe das große Glück, ein tolles Umfeld und eine Familie zu haben, die mich wahnsinnig unterstützt. Ohne diesen Rückhalt wäre das alles gar nicht möglich. Gleichzeitig versuche ich ganz bewusst, jede freie Minute mit meinen Kindern zu nutzen und präsent zu sein. Zuhause bin ich einfach nur Mama – und genau das gibt mir auch die Kraft für alles andere.
Es gab einen großen Eklat darüber, dass du im Podcast „Merci, Chérie“ gesagt hast, du seist keine Feministin. Inwieweit hat dich überrascht, dass Du missverstanden wurdest – würdest du dein Statement jetzt anders formulieren?
Mir ging es nie darum, mich gegen starke Frauen oder Gleichberechtigung zu positionieren – im Gegenteil. Wer mich kennt, weiß, dass genau diese Themen mich seit Jahren begleiten, ob durch meine Musik, meine Stiftung „Starke Mädchen“ oder generell das, was ich versuche vorzuleben. Deshalb habe ich danach ja auch nochmal erklärt, dass für mich weniger entscheidend ist, wie man etwas nennt, sondern wie man es lebt und was man tatsächlich bewegt.
„Wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass ich das Wort Feminismus für mich damals wohl falsch geprägt habe und offensichtlich auch nicht ausreichend darüber aufgeklärt war“
Du hast danach auf Instagram erklärt, du lebst Gleichberechtigung, ohne das Label dafür zu brauchen. Ist Feminismus nicht per Definition genau diese geforderte Gleichberechtigung – oder verstehst du darunter etwas anderes?
Wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass ich das Wort Feminismus für mich damals wohl falsch geprägt habe und offensichtlich auch nicht ausreichend darüber aufgeklärt war. Denn die Werte, für die Feminismus eigentlich steht Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Female Empowerment lebe und vertrete ich seit vielen Jahren. Genau deshalb engagiere ich mich auch für Mädchen und Frauen und habe beispielsweise meine Stiftung gegründet. Ich habe selbst dazugelernt und finde, das sollte etwas Positives sein. Denn wenn wir Menschen sofort verurteilen, sobald sie etwas falsch ausdrücken oder etwas noch nicht vollständig verstanden haben, erreichen wir am Ende nur, dass sich viele gar nicht mehr trauen, offen ihre Meinung zu sagen oder Fragen zu stellen. Für mich sollte Feminismus auch dafür stehen, miteinander zu sprechen, voneinander zu lernen und Menschen die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln. Genau das habe ich getan.
Dein geplanter Auftritt beim ColognePride steht plötzlich unter anderen Vorzeichen. Wie stellst Du sicher, dass dein Auftritt dort nun ein Erfolg wird?
Ich freue mich riesig auf den Auftritt beim ColognePride. Das ist eine Veranstaltung mit unglaublich viel Offenheit, Liebe und positiver Energie – und ich wollte schon immer einmal Teil davon sein. Für mich steht dort einfach die gemeinsame Freude an Musik, Vielfalt und Zusammenhalt im Vordergrund, und genau darauf freue ich mich sehr.