Aram Arami: „Irgendwann ist es einfach nicht mehr wichtig, woher jemand kommt“
Aram Arami verrät, was er bei der BSR gelernt hat, wie real die ARD-Serie „Die Drei von der Müllabfuhr“ ist – und wie er zur Schauspielerei kam.
Berlin Ende Juni, mit knapp 40 Grad der bisher heißeste Tag des Jahres. Niemand, der nicht als Stadtreiniger – oder einfacher: als Müllmann – gearbeitet hat, kann die Strapazen dieses Jobs wirklich nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, wie unerträglich heiß es unter dem orangefarbenen Anzug und in den schwarzen Stiefeln sein muss. Kaum auszuhalten.
Doch Uwe Ochsenknecht, in eben jener Montur, hat einen Sonnenschirm aufgespannt. So lässt es sich halbwegs ertragen. Neben ihm stehen Aram Arami und Jörn Hentschel, ebenfalls in der BSR-Uniform. Gemeinsam sind sie „Die Drei von der Müllabfuhr“, die seit 2019 ausgestrahlte Fernsehfilmreihe der ARD. Der heutige Drehtag findet in Berlin-Wedding statt. Vor dem Hof des Vaterländischen Bauvereins steht der charakteristische, aus der Serie bekannte BSR-Müllwagen mit der Aufschrift „Mülltitalent“ – eines jener klassischen Berliner Wortspiele, die sowohl die Lkw als auch die Abfalleimer der Stadtreinigung zieren.
„Die Drei von der Müllabfuhr“ beherrscht die Kunst der feinen Lebensweisheiten. Das könnte kitschig wirken, wenn gerade Menschen, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung oft unterschätzt werden, diese Sätze aussprechen. Der Müllmann als Philosoph – ein Klischee. „Ich kann die Abwertung der BSR-Arbeiter nicht nachvollziehen“, sagt Aram Arami im Interview (siehe unten). „Vor allem, weil man diesen Job nicht mal so leicht bekommt. Das ist ein Kollektiv. Die verdienen auch echt gut. Das ist nicht einfach irgendein Job. Das ist ein sehr wichtiger und unterschätzter Job.“
Am heutigen Tag werden die Episoden 15 und 16 gedreht. Eine Szene zeigt, wie Werner Träsch (Ochsenknecht), Ralle Schieber (Hentschel) und Tarik Büyüktürk (Arami) sich in ihrer gewohnten Dreierreihe aufstellen, um einer Frau in einer schwierigen Situation als unwahrscheinliche Retter zu helfen. Die drei Müllmänner kennen die Probleme der Menschen in der Stadt: Kiezkonflikte, Kriminalität, Immobiliensorgen – sie werden ungewollt in den Ärger hineingezogen und werden zu Alltagshelden.
Aram Arami, 33, wurde einem größeren Publikum 2013 in der Rolle des Burak in „Fack Ju Göhte“ bekannt, einer Filmtrilogie, deren Bedeutung als Brennpunktkomödie mit ihren brillanten Dialogen über die Jahre eher noch gewachsen ist. Seitdem ist der in Berlin aufgewachsene Sohn kurdischer, aus dem Irak geflüchteter Eltern einem breiten Fernsehpublikum immer vertrauter geworden. Zuletzt war Arami im „Saarland-Krimi: Bruder, Liebe, Tod“ (SR) zu sehen, als ehemaliger Kriminalhauptkommissar, den seine Vergangenheit nicht loslässt.
Wir trafen Arami abseits der Dreharbeiten zu „Die Drei von der Müllabfuhr“ zum Interview.
Wie ist eigentlich das Gefühl, hinten auf einem BSR-Fahrzeug mitzufahren?
Das ist ziemlich cool, weil es relativ ungefährlich ist – wenn man, wie wir, eine Einweisung erhalten hat. Dann gibt es so ein Signal für das Fahrzeug, damit es nicht ganz so schnell fahren kann. Viele unserer Fahrten fanden mitten in Berlin statt, am Brandenburger Tor. Da ist viel Platz.
Wie läuft eine Einweisung bei der BSR ab?
Es gibt einen BSR-Führerschein. Ich bin drei Tage bei echten BSR-Mitarbeitern mitgefahren. Aufstehen um zwei Uhr, los geht’s. Dann ist man um elf Uhr vielleicht durch. Einen Großteil dieses Knochenjobs bekommen die Menschen, die in den Wohnungen noch schlafen, gar nicht mit. BSR-Mitarbeiter, oder „Müllmänner“, wie man umgangssprachlich sagt, stehen für viele Menschen ganz unten auf der Leiter. Ich kann das nicht verstehen. Vor allem, weil man diesen Job nicht mal leicht bekommt. Das ist ein Kollektiv. Du musst da jemanden kennen, der dich empfiehlt und reinbringt. Die verdienen auch echt gut. Das ist nicht „einfach irgendein Job“. Das ist ein sehr wichtiger und unterschätzter Job. Wir alle merken das spätestens dann, wenn die BSR mal streikt.

Bekannt wurden Sie durch „Fack Ju Göhte“. Die Filmreihe wird noch ein Jahrzehnt später zitiert. Jede Generation entdeckt ihn neu.
Ich sage immer: Das Geheimrezept von dem ganzen Ding ist meiner Meinung nach, wirklich den Mut zu haben, Sachen zu machen, die andere vielleicht nicht machen würden. Sachen zu schreiben, die andere noch nie geschrieben haben. Der Mut, absolut anzuecken. Regisseur und Autor Bora Dagtekin war absolut furchtlos. Um die Rollen so anzulegen und so zu besetzen, braucht man schon echt Mut. Und ich glaube, dass genau das am Ende das Geheimnis des ganzen Dings ist.
Wann haben Sie gemerkt, dass das ein richtiger Hit wird?
Auf jeden Fall nicht während der Dreharbeiten. Bei der Premiere des ersten Teils brach das plötzlich über uns herein: Okay, das kommt jetzt schon extrem gut an. Wir Schauspieler hatten eine WhatsApp-Gruppe und mussten uns immer wieder gegenseitig versichern, dass dieser Hype real ist. Aber in dem Alter begriff ich das sowieso nicht. Ich war Anfang 20. Dieses Gefühl, dass man da wirklich einen Hit gelandet hat, kam erst zwei Jahre später. Beim zweiten Film, als wir angefangen haben zu drehen, war uns allen klar, dass das etwas Besonderes ist.
Sie sind Sohn politisch Verfolgter aus dem Irak.
Ich bin aus dem Irak nach Neukölln gekommen und von Neukölln aus ziemlich schnell nach Lichtenberg. Meine Eltern sind Kurden.
Haben Sie Erinnerungen an den Irak?
Nur wie Bildausschnitte. Meine ersten Erinnerungen beginnen im Asylheim. Aber ich habe schöne Erinnerungen. Ganz viel draußen mit anderen Kindern. Murmeln spielen. Ich fühle mich dabei unbeschwert, aber wahrscheinlich auch deshalb, weil man als Kleinkind gar keine Sorgen hat.
Wie verlief die Flucht Ihrer Familie?
Nicht so einfach. Mein Papa war Staatsanwalt. Sie waren nicht Kriegsflüchtlinge, sondern politische Flüchtlinge, weil Kurden verfolgt wurden. Der Weg hierher war schwer.
Werden Sie oft als „Musterbeispiel für Integration“ gesehen?
Ja und nein. Manche Menschen meiner Generation finden, ich bin überintegriert. Weil ich den Job mache, den ich mache, weil ich viele unterschiedliche Freunde habe. Und dann gibt es natürlich Leute, die sagen: „Boah, du bist ja schon sehr gut integriert.“ Menschen also, die das positiv betrachten.
Waren Sie später nochmal im Irak?
Ja. In den frühen 2000ern ging das wieder. Da sind wir auch immer wieder hingeflogen. Ich hatte noch viel Familie dort. Und irgendwann mit 15, 16, 17 hat das Interesse aufgehört, weil ich keine richtigen Bezugspunkte mehr hatte. Meine Oma ist irgendwann verstorben – sie war die einzige Person, die mir wirklich sehr nahestand. Aber mittlerweile höre ich immer wieder, dass sich dort viel verändert hat. Ich reise gerne und viel und möchte irgendwann wieder sehen, wie die Leute dort heute leben.
Sprechen Sie Arabisch?
Nein, ich spreche Kurdisch.
Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?
Das ging in der fünften oder sechsten Klasse los. Ich war im Computerkurs. Der war sterbenslangweilig. Irgendwelche Tabellen bauen. Und irgendwann geht die Tür auf, der Theaterlehrer kommt rein und sagt: „Wir brauchen einen Schweinehirten. Hat nicht jemand Lust, den Schweinehirten zu spielen?“
Ich wollte unbedingt raus aus diesem Computerkurs und habe gesagt: „Ich mach das.“ Schon war ich im Theaterkurs. So hat das angefangen. Und irgendwann war ich mit meiner Mama einkaufen. Mein späterer Schauspielagent hat meine Mutter angesprochen und gesagt: „Der Junge sieht ganz gut aus, komm mal vorbei.“ Ich hatte total Schiss vor dem Typen. Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich das mache. Nach zwei Wochen bin ich hingegangen. Da waren Kinder in meinem Alter, ich hatte Spaß. Dann kam eins zum anderen.
Sie waren auch mal Besitzer einer Bäckerei, oder?
Ja. Vier, fünf Jahre lang. Und in der Zeit war ich auch Schauspieler. Das war teilweise so: morgens Bäckerei, dann drehen, dann wieder Bäckerei. Das war echt ziemlich anstrengend. Die Bäckerei war gegenüber von unserer Wohnung. Nach dem Abi bin ich dahin und habe gesagt: „Ich würde gerne hier arbeiten.“ Dann hat der Chef gesagt: „Okay, aber du musst das lernen.“ Also habe ich erst mal drei, vier Monate im Laden gearbeitet – und ihn danach gekauft.
Wie sehen Sie Diversität im deutschen Film heute?
Ich finde das absolut richtig und wichtig, so wie es heute erzählt wird. Früher musste immer erst erklärt werden: Der kommt daher, die Herkunft ist ein Riesenthema. Auch die Art und Weise, wie besetzt wurde, war anders. Aber ich finde, wir haben jahrelang für Diversität gekämpft und das in einem gewissen Maß auch geschafft. Wenn ich ein Drehbuch lese, könnte die Figur auch biodeutsch sein – irgendwann ist es einfach nicht mehr wichtig, woher jemand kommt.
Bekommen Sie trotzdem noch Klischee-Rollen angeboten?
Ja, die gibt es. Aber mittlerweile ist meine Agentur sehr sensibel dafür. Man verfolgt ja auch eine gewisse Linie. Manche Anfragen lehne ich direkt ab.
Wie würden Sie Ihre Figur Tayfun Can im „Saarland-Krimi“ beschreiben?
Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, war zunächst gar nicht klar angelegt: Was treibt diesen Menschen überhaupt an? Das hat die Figur so interessant gemacht. Tayfun hat viele innere Baustellen, mit denen er sich gar nicht auseinandersetzen kann und möchte. Deshalb versucht er das zu regulieren, indem er die Probleme anderer zu seinen macht. Bedingungslos, ohne Grenzen. Er war Kriminalhauptkommissar und wechselt in die Sozialarbeit, um Jugendlichen bei der Integration in die Gesellschaft zu helfen. Er trägt viel inneren Schmerz aus seiner eigenen Vergangenheit mit sich herum. Seine Mutter hat innerhalb der Familie viel falsch gemacht. Und er versucht, das zu kompensieren, indem er anderen hilft. Das ist der Kern dieser Figur.

Wie lief der Start der neuen Reihe?
Wir hatten einen guten Auftakt. 19 Prozent Marktanteil. Prime-Time-Sieger. Vier Millionen Zuschauer für den ersten Film. Und jetzt wird der Sender entscheiden, wie es weitergeht. Das Konzept des „Saarland-Krimis“ ist, dass Tayfun als Bewährungshelfer immer wieder neue Leute aufnimmt, denen er hilft. Da kommt immer wieder jemand Neues dazu, der auf Bewährung ist und im Restaurant arbeitet. Das Personalkarussell kann also schön rotieren.
Tayfun gibt Menschen eine zweite Chance. Was interessiert Sie an dem Thema?
Ich finde, viele Filme über Bewährungsfälle handeln eigentlich von zweiten Chancen. Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu verändern. In der Regel gibt es zwei Kommissare – irgendwas passiert, der Täter wird gefasst, fertig. Aber was passiert eigentlich mit den Leuten, wenn sie ins Gefängnis kommen? Wie geht es danach weiter? Jeder von uns macht irgendwann mal Fehler. Und in solchen Momenten finde ich es wichtig, jemanden zu haben, der einen stabilisiert. Vor allem Leute, die jahrelang im Gefängnis waren, wissen ja gar nicht mehr, was draußen abgeht. Da wieder Anschluss zu finden, ist schwer.
Sie sind Fan von Tom Hardy, richtig?
Ja. Auch privat wirkt er auf mich wie ein interessanter Typ. Ich liebe Hunde, er auch. Er macht Kampfsport, ich mache auch Kampfsport. Es gibt viele Parallelen. Und er ist für mich in seiner Entwicklung einzigartig. Wie selbstverständlich der spielt.
Welchen Kampfsport machen Sie?
Thaiboxen. Aber das ist gar nicht nur für den Körper. Klar, auch für den Körper. Aber danach ist dein Inneres ruhig. Deine Seele kommt runter.