Kulturelle Tiefenbohrung: Ikkimels „Fußballmänner“ dekodiert
Der Ikkimel-Song „Fußballmänner“ schockierte die ZDF-MoMa. Doch der Track ist weitaus cleverer als gedacht. Text-Analyse zeigt: Das steckt wirklich dahinter.
Selten zuvor geriet das sonst so betuliche ZDF-Morgenmagazin („MoMa“) zu einem derart flächendeckenden Aufreger. Auch drei Tage nach dem Auftritt von Ikkimel in der speziell eingerichteten „WM-Arena“ geht es in mahnenden (Feuilleton-)Kommentaren und schrottigen Social-Media-Posts hoch her. Dabei haben die MoMa-Strategen die Einladung des Berliner „Popstars“ mit einem Song vom März 2024 wahrscheinlich unter der Kategorie „mal was Freches und Originelles“ in den Ablaufplan gesetzt. Kann man machen. Is ja schließlich WM. Mal was Anderes.
Der unterschätzte Text
Ob sich die Redaktion den gesamten Text näher angeschaut hat?
Die Strophe von den Fußballmännern, die alles Penner sind, wird in der lustigen Aufreger-Debatte gerne genommen. Dazu Knittelverse mit Bierbauch, Bratwurst, Mertesacker, Tiki-Taka und Tanga.
Anton aus Tirol kann das auch nicht besser. Doch Ikkimel hat ihren High-Speed-Track weitaus cleverer aufgebaut.
Als Berlinerin bekommt ihr dauerstrauchelnder Heimatverein direkt im ersten Drittel des Tracks einen Kick in den Arsch. Erzählt wird nämlich von einer Lady, die sich im Fußball-Fan-Milieu bewegt:
„Sie hat ein’n Fanclub, dann auch noch von Hertha. Bitch, warum nicht Kreisliga? Die geh’n eh viel härter“.
Die Herleitung zu dieser Saga geht so: „Ich mag es, wenn es prickelt, und er bringt mir noch a bisch’n Sekt. G-String, Low-Waist, Ikkimel ist so based:“
Vom Fußballfan zum Closed Case
Der anonyme Fußball-Mann dieser Hertha-Supporterin wird danach umgehend abserviert:
„Wir hatten eine schöne Nacht und dann ist es ein Closed Case. Ich geh’ auf den Balkon und läster’ mit den Girls ab. Und auf einma’ fängt sie an zu labern, aber nicht vom Girls-Club.“
Eine trefflich gezeichnete Szene, die aus dem TUI-Urlaub auf Mallorca oder Antalya stammen könnte. Ein Umfeld, das das Gigi-Agostini-Milieu draussen im Lande bestens (er)kennen muss.
Dennoch spürten die ZDF-Moderatoren instinktiv einen Bruch mit dem Publikum vor Ort und versuchten, das Unwohlsein an- und wegzumoderieren. Das Ergebnis war jedoch genau das Gegenteil. Die Warnung machte den Auftritt zum Medien-Ereignis.
Die vergessene Strophe
Eine weitere, bislang weitgehend unterschlagene Passage von „Fußballmänner“ geht so:
„Ick bin Profi und mach’ die Männer schwindelig. Heute interessiert mich nur, ob der Alte single ist. Die Farbe seines Trikots passt perfekt zu mei’m Lippenstift. Mir geht einer ab (Mh), wenn er in den Winkel trifft. Wenn er nicht aufpasst, geb’ ich ihm ein’n Laufpass. Ich kenn’ die ganze Mannschaft und Hockey find’ ich auch krass.“
Der Fußballmann als geiler Depp, der im Sommerurlaub an die Falsche gerät.
Was hängen bleibt, ist allerdings das verbale Trommelfeuer von „leckerschmecker, Lattenkracher, Mertesacker, Tiki-Taka in ’nem Tanga“.
Eine Reihung, die durchaus in der Tradition von „Da Da Da“ von Trio oder „Tretboot in Seenot“ von Fräulein Menke aus den 1980ern steht.
Chance auf einen neuen Tribünen-Chant?
Wie zu hören ist, denkt das Ikkimel-Lager emsig über eine Video-Umsetzung des im März 2024 nicht sonderlich beachteten Songs nach.
Das bietet in der Tat große Chancen auf einen Mega-Erfolg.
Und vielleicht wird ja die Ostkurve im Berliner Olympiastadion einen neuen Tribünen-Chant daraus entwickeln. Man könnte die gegnerischen Fans damit schmähen.
Der bisherige Signature-Track der Blau-Weiß-Gestreiften, „Das geht ab! (Wir feiern die ganze Nacht)“ des örtlichen Hip-Hop-Duos Die Atzen (Frauenarzt und Manny Marc) aus dem Jahr 2009, ist von der Text-Substanz weitaus flacher als das Bierbauch-Epos von Ikkimel. Da geht noch was!