
Gleichmut gesucht: Taylor Goldsmith kann helfen
Wie finden wir die allerorts fehlende Empathie wieder? Die Dawes haben einen Tipp ...
Neulich habe ich einen Freund im Hospiz besucht. Ja, tut mir leid, das klingt jetzt nicht nach einem unbeschwerten Sommertext, aber wenn man erst mal 50 geworden ist, nehmen die Momente, in denen man den Herbst des Lebens spürt, leider rapide zu. Ich möchte auf keinen Fall noch mal 20 sein, aber auch wenn ich mich an den mächtigen Weltschmerz von damals erinnere, vermisse ich doch die gleichzeitige Sorglosigkeit.
Die gibt es so nur in der Jugend – weil den meisten zu dem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst ist, was uns alles bevorsteht. Dass Falten und graue Haare nicht das Problem sind, sondern das Gefühl der schwindenden Zuversicht, gegen das es sich täglich zu wehren gilt. Den Satz „Es wird schon nichts passieren!“ oder gar „Alles wird gut“ kriegt man irgendwann (wenn man nicht so verblödet ist wie manche Moderatorinnen) nicht mehr raus, weil man weiß, dass alles passieren kann, jederzeit. Fantastisches, Schreckliches.
Empathie unterscheidet den Menschen vom Psychopathen
Mit meinem Freund habe ich wunderschöne Stunden verbracht, und ich bedaure schon jetzt, dass ich nicht viel mehr Zeit mit ihm hatte. Auf dem Heimweg wollte ich eigentlich Jackson Browne hören, wurde aber von einem Weinkrampf überwältigt, also habe ich auf die Dawes umgeschaltet, sozusagen die Light-Version. Taylor Goldsmith singt auf so eine abgeklärte Art, das hat etwas Beruhigendes. Und mir sind zwei Songs aufgefallen, die ein Thema behandeln, das gerade häufig diskutiert wird: Empathie. Sie unterscheidet den Menschen vom Psychopathen – und fehlt zurzeit an vielen Orten, besonders in den Machtzentralen. Dabei bräuchten wir gerade dort Leute mit sozialer Kompetenz.
„Crack The Case“ (vom Album „Passwords“, 2018) beginnt wie eine etwas wohlfeile Beschwerde eines Rockstars, der keine Lust mehr auf Interviews, Paparazzi und all das hat. Kein Interesse am gesteigerten Interesse der Öffentlichkeit (das hier vor allem an seiner Partnerin Mandy Moore lag). Doch dann hat Taylor Goldsmith eine überraschende Idee. Am liebsten, singt er, würde er sich mit seinen Gegnern hinsetzen, sagen: „Das hätten wir mal früher machen sollen.“ „While I look them in the face/ Maybe that will crack the case!“ Vielleicht ist das wirklich der Schlüssel zur Lösung des Falls! Den anderen sehen, sich in seine Haut versetzen. Try walking in my shoes, wie Martin Gore einst textete.
„It’s really hard to hate anyone/ When you know what they’ve lived through …“
Und was könnte diese eine Freundin von ihm machen, die endlich ihren Mann – zu Recht – rauswerfen will, fragt sich Goldsmith später. Vorwürfe wären eine Möglichkeit, Größe zeigen eine andere. Vergeben! Was mit einem Perspektivenwechsel funktionieren kann: „It’s really hard to hate anyone/ When you know what they’ve lived through.“
Innere Ruhe ist keine Gleichgültigkeit
Ich sag’s ja: Irgendwann hat man so viel Elend gesehen, dass man vieles nachsieht – aber man kennt auch viel mehr Gründe zum Fürchten. Wenn ich mich deshalb mal in Selbstmitleid suhle, höre ich „Things Happen“ (vom Album „All Your Favorite Bands“, 2015). (Ob sich selbst oder anderen gegenüber: Mitgefühl ist dem Mitleid sowieso immer überlegen – weil das eine Kraft geben kann, das andere nicht.) „Things Happen“ ist eine Hymne auf die Gleichmut: „Let’s make a list of all the things the world has put you through/ Let’s raise a glass to all the people you’re not speaking to/ I don’t know what else you wanted me to say to you/ Things happen, that’s all they ever do.“ Point taken!
Was wir brauchen, ist also keine Gleichgültigkeit, sondern innere Ruhe, um in schwierigen Situationen stabil zu bleiben. Ich hoffe, ich schaffe das, wenn es noch nötiger wird. Und jetzt vielleicht doch noch „Late For The Sky“ hören.