Action-Klassiker „Runaway Train – Express in die Hölle“: Adrenalin und Shakespeare

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Action-Klassiker „Runaway Train – Express in die Hölle“: Adrenalin und Shakespeare

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Henri-Georges Clouzot trat schon 1953 mit „Lohn der Angst“ den Beweis an, dass es tatsächlich möglich ist, einen intelligenten Action-Thriller zu drehen. Intelligent heißt in diesem Fall, dass weniger Spezial-Effekte den eigentlichen Schauwert darstellen, sondern eine raffinierte Erzählung mit anspruchsvollen Charakteren, deren Entwicklung sich in den Bewegungsbildern widerspiegelt. In diesem Genre noch immer eine Seltenheit. Auch Akira Kurosawa folgte diesem Beispiel nur ein Jahr später mit „Die sieben Samurai“.

Der russische Regisseur Andrei Konchalovsky nahm sich diesen zusammen mit einigen losen Ideen des Japaners 1985 zum Vorbild, um einen rasanten und grimmigen Männerfilm in der verschneiten Einöde von Alaska zu drehen. Der Plot ist so überschaubar wie stringent: Die Gewaltverbrecher Manny (Jon Voight) und Buck (Eric Roberts) fliehen aus einem Gefängnis und versuchen auf einem gigantischen Güterzug mit vier aneinander gekoppelten Diesellokomotiven der Freiheit näher zu kommen. Doch der Lokführer erleidet einen Herzanfall – und der Koloss rast unaufhaltsam über die Schienen.

Während die Eisenbahngesellschaft verzweifelt versucht, die führerlose Bahn auf ihrer Irrfahrt aufzuhalten und eine Katastrophe zu verhindern, werden die beiden Kriminellen bereits vom kompromisslosen Gefängnisleiter Ranken (John P. Ryan) mit dem Helikopter verfolgt. Der ist Manny seit Jahren in tiefer Feindschaft zugetan. So kommt es schließlich zum Showdown auf einer einsam ins Nichts donnernden Lokomotive.

Manny (Jon Voight) kämpft ums Überleben
Manny (Jon Voight) kämpft ums Überleben

Action-Kracher mit philosophischen Momenten

„Express in die Hölle“ – der nun auf Blu-ray wieder unter seinem Originaltitel „Runaway Train“ firmiert – erinnert an den fast zehn Jahre später entstandenen „Speed“, hat aber das wesentlich komplexere Drehbuch. Das schenkt Jon Voight einige der denkwürdigsten Szenen seiner Karriere und deutet die Konfrontation zwischen dem Gefangenen und seinem diktatorischen Aufseher zum philosophischen, an Shakespeare erinnernden Bühnen-Duell. Passend dazu endet der Film mit einem transzendentalen Schlussbild und einem Zitat aus „Richard III“: „Selbst das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung – Ich kenne keins und bin deshalb kein Tier.“

Vielleicht ist die Wiederveröffentlichung dieses nicht genügend gewürdigten Klassikers des virilen Beschleunigungskinos auch Anlass, das enervierende, kaum auf einen Nenner zu bringende Gesamtwerk von Andrei Konchalovsky erneut zu erkunden. Das oszilliert zwischen einer klugen Tschechow-Adaption („Onkel Wanja“), überdrehten Action-Komödien („Tango und Cash“) und der 3D-Fantasy-Musical-Katastrophe „Der Nussknacker“. Und es umfasst den kürzlich in Programmkinos gezeigten Kunstfilm „Paradies“. Ein eigentümliches Holocaust-Drama, das in Venedig vor einem Jahr den Silbernen Löwen gewann und sich von einem dokumentarisch anmutenden Historienspiel zur kühnen Schuld-und-Sühne-Fantasie wandelt.

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