Bild von Ina Simone Mautz
Aus dem PlattenladenKolumne

Nie nach dem Albumcover urteilen!

Wie unsere Kolumnistin Ina Simone Mautz die Vinyl-Single „Dance Little Bird“ suchte – und fand.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

„Ob es an meiner Schrift lag oder ob mir beim Übertragen der Bestellnummer ein Fehler unterlaufen war, kann ich nicht sagen“, lacht Arno. Er steht an der Ladentheke von Villa Hansa Schallplatten und erzählt von seiner kuriosesten und zugleich prägendsten Vinyl-Erinnerung.

Im Frühjahr 1986 hatte er per Bestellpostkarte bei einem Tonträgerversand aus einem „kleinformatigen Katalog mit extrem gedrängter Schrift auf hauchdünnem Papier“ eine Best-of-Platte von Elvis Presley ordern wollen, zum 18. Geburtstag seines älteren Bruders. Geliefert wurde allerdings eine vollkommen andere Compilation mit dem klangvollen Titel „Metal Killers“.

Der verstörende Anblick der LP-Hülle hat sich bei Arno eingeprägt: „Auf dem Cover war ein muskelbepackter, mit Wikingerhelm und Lendenschurz im Leopardenlook bekleideter Hüne zu sehen, samt bluttriefender Flying-V-Gitarre! Auf Seite A befanden sich unter anderem Black Sabbath, Twisted Sister und Judas Priest. Seite B: Das Knacken einer verstaubten Platte, Volksmusikklänge, Frauenstimmen singen: ‚Heidi, heido, heida‘, plötzlich ein Kratzen, ein markerschütternder Schrei – und dann schreddern E-Gitarren in wahnsinnigem Tempo los! Es handelte sich um ‚Fast As A Shark‘ von Accept, ein Monster von einem Song. Danach war für mich nichts mehr wie zuvor, seitdem bin ich Metal-Fan.“

Beim Vinyl-Kauf wie auch im echten Leben gilt also: Bloß keine voreiligen Retouren, eine Fehllieferung könnte sich noch als Glücksfall herausstellen!

Die Enttäuschung zum Geburtstag

Meine größte Vinyl-Überraschung wartete Mitte der Neunziger auf mich. Ich hatte für stolze 39 DM das neongrüne Nachschlagewerk „Hit Bilanz. Deutsche Chart Singles 1981–1990“ erstanden. Auf Seite 7 warb das bis heute bestehende Hamburger Secondhand-Vinyl-Geschäft Plattenrille mit dem soliden Slogan „Kenntnis und Angebot suchen ihresgleichen“. Ich suchte bloß den Nummer-eins-Hit am Tag meiner Geburt, und dieses Buch sollte ihn mir endlich verraten!

Ganz bewusst blätterte ich nicht direkt zu den Top Ten an meinem Geburtsdatum, sondern las jeden einzelnen Eintrag auf dem Weg dorthin.

  • 12. Januar 1981: „Super Trouper“ von ABBA auf Platz 1 der deutschen Single-Charts.
  • 4. Mai 1981: „Fade To Grey“ von Visage.
  • 18. Mai 1981: „In The Air Tonight“ von Phil Collins.
  • 20. Juli 1981: „Bette Davis Eyes“ von Kim Carnes.

Und dann war ich endlich am Ziel, im Monat Oktober: „Dance Little Bird“ von Electronica’s stand da in meiner Geburtstagswoche, doch weder Titel noch Künstlername sagten mir etwas.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Fortan durchforstete ich unzählige Plattenkisten auf Flohmärkten, bis ich nach etwa zwei Jahren ein etwas ramponiertes Exemplar von „Dance Little Bird“ in den Händen hielt. Ich werde den feierlichen Moment nie vergessen, als ich erwartungsvoll die Plattennadel aufsetzte, um meinem Geburtstagslied endlich andächtig lauschen zu können!

Als die ersten Töne erklangen, traute ich meinen Ohren kaum. Das sollte dieses mysteriöse „Dance Little Bird“ sein? Es stellte sich heraus, dass ich die Melodie schon seit vielen Jahren kaunte, insbesondere vom Kinderfasching. „Dance Little Bird“ war nichts weiter als „Der Ententanz“ – was für eine Enttäuschung!

Wiglaf Droste reimte einmal: „In des Daseins stillen Glanz / Platzt der Mensch mit Ententanz.“ Vielleicht auch mit dem Y.M.C.A.-Tanz oder der Macarena-Choreografie. Da eine Retoure meines Flohmarktkaufs ebenso ausgeschlossen war wie die Möglichkeit, dass sich diese Fehlinvestition doch noch als Glücksfall erweisen würde, fand die „Dance Little Bird“-Single ihren Gnadenplatz in meinem Plattenladen. Als schweigsames Deko-Objekt.

Die Rolling Stones sind zurück! Alles über ihr neues Album „Foreign Tongues“, Ron Woods Privatarchiv und die Großtaten ihres Produzenten Andrew Watt im neuen ROLLING STONE (Ausgabe 08/26), ab 26. Juni im Handel: Hier bestellen!